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Null Toleranz für Schläger

Von | 27.04.2011, 9:22 | Ein Kommentar

Eine Null-Toleranz-Politik für Schläger muss her. So eine, die schon in New York erfolgreich war. Und sie muss Vorbild werden für alle Städte.

Jetzt rufen sie wieder nach härterer Gangart. Bis der Vorfall in Vergessenheit gerät. Passieren wird nichts. Bis zum nächsten Gewalt-Exzess. Dann geht es wieder von vorne los. In Berlin besteht die Chance, dass in den vor uns liegenden Monaten Veränderungen angebahnt werden, denn: in der Hauptstadt wird gewählt. Und innere Sicherheit war schon vorher ein Thema. Durch den Überfall zweier Jugendlicher auf einen Mann im Bahnhof Friedrichstraße am Osterwochenende sind Jugendgewalt und die Sicherheit des öffentlichen Raumes wieder ganz nach oben auf die Agenda gerückt.

Gleich vorweg ein Absatz zur Empörung des Boulevards, der Richter hätte den tretenden Torben P. gleich einknasten, in Untersuchungshaft stecken müssen: In diesem Land entscheidet darüber nicht die politische Opportunität, sondern ein Richter. Er ist frei von den Säuen, die die Politik oder die öffentliche Empörung gerade durch’s Dorf treiben. Wenn der schreihalsende Mopp das sagen hätte, würde jeder Vergewaltiger (oder der, von dem behauptet wird, er sei ein Vergewaltiger) am nächsten Baum aufgeknüpft. Bei der Taktung, die die Politik – siehe Atompolitik und Energiewende – mittlerweile hat, können wir froh sein, dass die Rechtsprechung sich ihre eigene Zeitrechnung und Unabhängigkeit bewahrt hat.

Guck mal, wie der tritt

Es gilt die Unschuldsvermutung – bis zu einer Verurteilung. Im vorliegenden Fall gibt es ein Geständnis, eine Videoaufzeichnung, die die Geständigen zeigt. Die Sache sieht da in der öffentlichen Beurteilung anders aus, verurteilt sind die beiden Schläger aber noch nicht, also sind sie mutmaßliche Täter. Die Exegese der Aufzeichnung zeitigt dennoch seltsame Stilblüten.Politiker und in Folge dessen Berichterstattung in manchen Medien lassen sich zu der Behauptung inspirieren, dass dieser Torben, so wie der da auf dem Bahnsteig zugetreten hat, so professionell und kaltblütig, das sicher schon öfters gemacht hat – nur noch nicht erwischt wurde.

Aha. Aber sonst geht es noch? Mir reicht eigentlich schon die eine Tat, um vor Torbens Gewaltbereitschaft zu erschrecken. Wer es gruseliger mag, soll eine Gewalt-DVD leihen oder ein gewaltverherrlichendes Game zocken. Politiker und Medien, die sich über die gestandene Tat hinaus an Spekulationen wie den genannten beteiligen, agieren höchst unseriös.

Verwöhnter Anwaltssohn mit Alkoholproblem?

Jetzt zu dem eigentlichen Problem: In der Berliner U- und S-Bahn begegnen einem häufig Gestalten, die nichts mehr zu verlieren haben. Denen es egal ist, ob sie dich bewusstlos schlagen oder ins Koma treten. Abgestumpfte Kreaturen. Vom Leben gezeichnete und bemitleidenswürdige Zeitgenossen. Schauen Sie sich um, wenn Sie am Bahnsteig stehen! Ich meine das ernst. Gehen Sie solchen Menschen, wenn möglich aus dem Weg. Stehen Sie in Gruppen beisammen mit Menschen, die ihr Leben lieben.

Im vorliegenden Fall kommt der Knabe aber – so sagen es die Medienberichte – aus gutem Hause. Macht Abitur. Will sicher mal studieren. Da greift dann das Scannen nach den genannten Kriterien nicht. Gewalt gilt mehr und mehr als eine Option in unserer Gesellschaft, unabhängig von dem Milieu aus dem man stammt. Meist, wenn Alkohol im Spiel ist. Wir Umstehenden sind von dieser roher Gewalt eingeschüchtert. Wir können nicht mit ihr umgehen – und schauen deshalb weg.

Kein Preis für Zivilcourage

Wir haben Angst, selber als nächste auf den Schienen zu liegen, mit gespaltenem Schädel, zertretenen Visagen, gebrochenen Knochen, für den Rest des Lebens gezeichnet, weil der Sohn eines wohlhabenden Rechtsanwalts seinen Alkoholkonsum nicht im Griff hat. Niemand kann den Verlust der eigenen Gesundheit ersetzen. Das ist ein valides Argument. Zugegeben, wer so handelt bekommt keinen Preis für Zivilcourage. Aber diesen Gedanken einmal auszusprechen wirkt dennoch befreiend. Wir sind glücklich, wenn wir nie in eine Situation kommen, in der wir in Sekundenbruchteilen entscheiden müssen, ob wir jemandem helfen oder nicht.

Was also tun? Alkoholverbot auf der Straße? Ja! Warnschussarrest? Ja! Innere Sicherheit ist in unseren großen Städten zunehmend ein Thema. Die Parteien, die sich in Berlin diesen September zur Wahl stellen, werden feststellen und ernst nehmen müssen, dass es dieses Thema sein wird, das den Ausgang des Urnengangs maßgeblich bestimmen wird. Wir Berliner werden die Parteien wählen, die eine Null-Toleranz-Politik nach dem Vorbild New Yorks ins Werk setzen werden. Denn: Wir Friedlichen sind hier die Mehrheit, in Marzahn und in Dahlem. Wir sind uns einig, über die Einkommensgrenzen und die Bildungsabschlüsse hinweg. Wir wollen uns nicht von irgendwelchen Besoffenen oder Verdrogten die Fresse polieren lassen! Und wir wollen keine Angst haben auf der Straße, auf den Plätzen, in der U-Bahn. Am helllichten Tag nicht und auch nicht in der Nacht. Im Osten nicht, im Westen nicht. Es ist unsere Stadt – sie soll eine angstfreie Metropole werden!

Ein Kommentar »

  • truetigger sagt:

    Keine Frage, die Null-Toleranz-Politik hat in New York spürbar Verbesserungen gebracht. Man bewegt sich als Tourist völlig angstfrei durch Gegenden, die noch in den frühen 90ern tabu waren: nachts in der U-Bahn, durch Harlem, die Bronx, den Park.

    Im Detail weiss ich allerdings nicht, wie genau die Amerikaner das erreicht haben. Die Aktionen sollten – gerade um sich gegen die Medienhysterie aufzulehnen – nicht auf Härte allein verlassen, denn Strafen + Wegsperren allein sind für mich keine Lösungen. Was wirklich funktionieren könnte weiss ich auch nicht: offensichtlich ist Milde ja auch das falsche Mittel, wie man in den letzten 20 Jahren in Berlin sehen konnte.

    Gerade wenn man Berlin gut kennt, die lauschigen Ecken am abendlichen Landwehrkanal in Kreuzberg oder die vielen kleinen unerwarteten Oasen in Neukölln z.B. wünscht man, dass eine solche Null-Toleranz-Politik auch dort Erfolg hat.

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