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Log-Stoff: Tag 21 (3. Seetag)

Von | 28.04.2011, 8:00 | Ein Kommentar

Sonne und Wasser. Viel Wasser. Ein Schiff voller Leute. Und eine neue Erkenntnis: Sollte es tatsächlich sowas wie Schwarmintelligenz geben, dann wird sie an Bord gegen Flummis getauscht.

Das Abenteuer Transatlantik ist noch gar keins. Das Wetter ist gut, die See ruhig. Na gut, manchen ist es schon zu viel Bewegung, aber die werden auch in der Hollywoodschaukel seekrank. Und SONNE, Endlich wieder. Seit zwei Tagen. Das reicht, um die Leute wieder auf die Pool- und Sonnendecks zu treiben. Das Schiff riecht nach Sonnenöl. Das kollektive Ziel hier lautet: Braun werden. Es gibt Schlimmeres. Weil der Mann bei uns die Hängematte annektiert hat, bleibt auch mir nur der Ausweg Sonnendeck. So kriege ich wenigstens keine weißen Streifen. Im Vergleich mit den anderen, die hier herumliegen, sehe ich eh‘ aus wie ein Bleichgesicht.

Ich bin von alten Leuten umzingelt, die eine Form von Tiefenbräune pflegen, die bei mir schon ein Hautschaden wäre. Tun halt was für ihre Knochendichte, denke ich. Und in dem Alter will ich auch so geduldig sein. Denn momentan halte ich nicht länger als 20 Minuten durch. Die Alten bräunen nämlich nicht still, sondern quasselnd. Seit der Rasselbande um Feri und Otto daheim bin ich ein hohes Niveau bei Altherrenwitzen gewohnt. Das wird hier locker unterschritten. Besonders von den Männern – na, wenigstens haben sie Spaß. Ein anderer Mann offenbar nicht: Voll bekleidet, hat er sich außerdem noch in zwei Poolhandtücher gewickelt. Prinzipiell seine Sache, aber hier auf dem Sonnen-, bzw FKK-Deck fällt er halt schon ein bisserl auf. Außerdem redet er mit niemandem. Er starrt nur. Besonders gerne Frauen zwischen die Beine. Auf seine Art starrt er übrigens genau so manisch, wie der Wellness-Nazi. Vielleicht hat man ja auf jedem Schiff so einen Spanner…

Jetzt braten also alle wie die Sardinen auf ihren Liegen. Und verlassen diese erst bei  Sonnenuntergang. Oder schlappen zwischendurch nur zu den einzelnen Vergnügungen, die meist alle was mit Alkohol und wenig Geld zu tun haben. Heute heißt das: Erdbeerbowle mit der Crew auf dem Pool-Deck. Gestern waren es Cocktails mit der Crew, natürlich auch auf dem Pooldeck. Morgen soll es Melonenbowle sein – hört man. Der Vorgang an sich ist simpel: Man stellt sich an und kauft bunte Flummis. Die tauscht man dann gegen die entsprechenden Drinks ein. Jeder Drink kostet 1,90 und wird in einem Sektglas ausgeschenkt. Billiger saufen auf dem Schiff geht nicht. Nur das Bier und der Tischwein zu den Mahlzeiten ist gratis. Alles andere muss bezahlt werden. Sogar das Wasser.

Findige Gesellen versuchen natürlich, das zu unterlaufen. Es gibt exakt zwei kostenlose Wasserspender auf dem Schiff: Einer steht im Saunabereich, der andere bei den Fitness-Geräten. Ab dem zweiten Tag stehen hier die Leute mit ihren kleinen Wasserflaschen Schlange, um sie zu befüllen. Bei den Mahlzeiten in den Buffetrestaurants wird schon mittags gesoffen, was das Zeug hält. Weil umsonst. Schon während des Karibik-Teils und bei über 33°C wurde bereits um 12.00 Uhr, wenn die Restaurants aufsperren, nicht etwa das Buffet gestürmt. Zuerst einmal bildeten sich an den Bierzapfhähnen lange Schlangen. Die armen Kellner müssen zwar auch neues Besteck bringen und Teller abräumen. Ihre Hauptaufgabe ist aber, die Literkrüge mit Rot- und Weißwein anzuschleppen. Damit die nicht auf die Kabinen verschleppt werden, gibt es den Besteck-Nazi. Vor jedem Restaurant. Aber nur unserer blafft egalitär um sich. Er weiß, er ist das letzte Bollwerk gegen die Anarchie. Eigentlich eine Lebensaufgabe…

Natürlich kann man sich auch an einer der zehn Bars ordentlich betrinken. Aber das ist vielen auf Dauer zu teuer. Ein durchschnittlicher Cocktail – allerdings in Erwachsenengröße – kostet 7,50. Die Hintertür hier lautet Drink des Tages oder Happy Hour. Was, wann und wo erfährt man aus der täglichen Kasperlpost. Ohne die Soblicseks versäumen wir die Happy Hour meistens. Und der Drink des Tages ist auch nix für schwache Nerven. In der Beschreibung kommen meist die Worte Mandel, Pfirsich, Rum und süffig vor. Klare Ausschlusskriterien, findet der Mann. Recht hat er, finde ich.

Selber Alkohol bunkern ist fast unmöglich. Dachte ich. Nach jedem Landgang wird das Handgepäck durchleuchtet – wie bei einem Flughafen-Check-in. Flaschen mit Gewürzsaucen, Marmeladen, Kräuter – das alles ist den strengen Security-Männern (meist Japaner) egal. Aber Alkohol wird gnadenlos ausgemustert und eingezogen. Man kann auch sagen „verwahrt“. Einen Tag vor dem Ausschiffen wird er einem in die Kabine gestellt. Weshalb wir es gar nicht erst versucht haben. Kein Duty free konnte uns in Versuchung führen. Was wir bei Landgängen an alkoholischen Getränken gekauft haben, wurde von uns auch sofort ausgetrunken. Erst auf Barbados haben wir unabsichtlich über zwei Liter dieses Rum-Kokosmilch-Gebräus an Bord gebracht. Weil in Plastikflaschen.

Aber zurück zum Pooldeck. Diese Bowle- und Cocktail-Spielchen finden meist um 11:30 und 15:30 statt. Danach ist es dann immer etwas lauter und schriller am Schiff. Und JA, auch ich habe natürlich mitgemacht. „Chronistenpflicht“, habe ich dem Mann erklärt. Die Erdbeerbowle ging grad noch, obwohl er alle Früchte essen musste. Mir waren sie zu kalt und wässrig. Die Cocktails habe ich ausgelassen, weil definitiv zu süß. Außerdem trinke ich nix, was im Glas blau oder grün ist. Reine Vorsichtsmaßnahme. Aber ich war über weite Strecken ein guter Abnehmer von Gin-Tonic, Aperol Sprizz, Tequila und Wodka. Sonst nur Wasser und Espresso. An Land noch diverse Biere. Und Champagner. Ich finde, damit kommt man gut durch. Allerdings fange ich an zu sabbern, wenn ich an einen reschen Veltliner denke. Oder einen weißen Spritzer unter den Kastanien im Rüdigerhof…

Aber es wird schön gewesen sein. Auch mit Gin Tonic!

Foto: Lisa Jacobs, Lizenz: CC BY-ND 2.0

Ein Kommentar »

  • saxo lady sagt:

    :) ich mag diese tägliche lektüre. auch wenn ich sie meistens an einem tag in der woche aufsauge…
    vermittelt ein gutes gefühl für daheimgebliebene.
    wird auch schön gewesen sein.
    viel spaß noch und danke für die berichterstattung
    herzlichst

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