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Log-Stoff: Tag 20 (2. Seetag)

Von | 27.04.2011, 8:41 | Kein Kommentar

Es ist soweit: Kein Land mehr in Sicht. Wir sind auf dem Atlantik – und bleiben dies für eine ganze Woche. Sogar die Sonne ist wieder da. Und die Passagierbespaßung erreicht neue Dimensionen.

Weil wir gestern den Hafen von Barbados schon um 14.00 Uhr verlassen haben, gilt das heute bereits als der zweite Seetag in Folge. Wie und warum das so gerechnet wird, kann auch die Crew nicht wirklich erklären, also beschließen wir, das jetzt einfach mal kommentarlos so stehen zu lassen. „Zweiter Seetag“ klingt ja schon mal nicht schlecht. Als hätte man selber was geleistet. Haben wir zwar noch nicht, aber bald. Denn ich habe uns für einen neuen Workshop angemeldet: Kochschule Fleisch. Im bordeigenen Steakhouse, das morgens unser privater Frühstücksraum ist.

Die Kochschule beginnt um 11.00 Uhr. Der Mann freut sich. Der Rest der Truppe schwächelt. Heute Nacht haben wir eine Stunde verloren. Die Uhren wurden um 2.00 Uhr morgens aus 3.00 Uhr vorgestellt. Das blüht uns noch ein paar Mal, irgendwie müssen wir im Laufe der Reise ja wieder auf MESZ kommen. Nur finden halt die anderen Workshop-Teilnehmer, dass man sich um (gefühlt) 10.00 Uhr morgens noch nicht wirklich mit dem Mittagessen auseinandersetzen muss. Nicht so der Mann. Der Titel „Fleisch ist mein Gemüse“ könnte von ihm stammen. Er ist Carnivore. Aus Leidenschaft. Trifft sich gut. Dennis, der Fleischkoch aus dem Spreewald, beginnt seinen Vortrag erst mal mit einem Glas Champagner. Für jeden. Und dann ein bisschen Warenkunde. Die Frauen nicken zu allem. Die Männer stellen zunehmend unsinnige Fragen. Die Frauen lächeln gequält und bekommen deshalb schnell noch mehr Champagner. Geht doch.

Die ersten Halbkilo-Stücke Roastbeef von einer argentinischen Superrasse, die artgerecht gehalten und dann wahrscheinlich zu Tode gestreichelt wird, kommen auf den Grill. Der Mann guckt verliebt. Mittlerweile haben wir nicht mehr Champagner, sondern Rotwein in den Gläsern. Weiter geht es in der Warenkunde mit Ribeye, Bison- und Rinderfilet. Alles wird vor unseren Augen vor- und zubereitet. Und alles wird von uns gegessen. Und ich meine wirklich alles. Wir sind zehn Leute, es ist erst Mittag, wir haben alle gefrühstückt und hier verdrückt jeder mindestens ein halbes Kilo Fleisch. Mindestens. Unbelastet von irgendwelchen Beilagen. Nur der Mann nicht. Der verdrückt mindestens ein Kilo. Wenn nicht mehr. Dennis, der Koch, hat ihn ihm einen Seelenverwandten entdeckt. Der Mann kriegt die größten Stücke. Und mindestens ein Mal nachgelegt. Er ist im Nirwana. Zumindest guckt er so.

Danach kann man eigentlich nur noch liegen. Auf dem Rücken, weil der Bauch so voll ist. Mittagessen lassen wir ausfallen. Alles andere wäre pervers. Vielleicht kann ich ja das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden, überlege ich, und kündige an, aufs Sonnendeck enteilen zu wollen. „Grmpf“, sagt der Mann. Es kann aber auch ein Rülpser gewesen sein. Das Sonnendeck ist das höchstgelegene Deck des Schiffes. Da kommt man nur über diverse Treppen hin. So kann sichergestellt werden, dass niemand einen Schlaganfall bekommt, wenn er die hüllenlosen Leiber sieht. Nur einmal, erzählt mir eine Frau im Whirlpool, sei das Sonnendeck gesperrt gewesen. Nämlich bei einer Fahrt in die Arabischen Emirate. „Da wurde in Dubai dieses Superhotel gebaut. Da konnten die uns von oben natürlich drauf gucken. Und damit keinem der Hammer aus der Hand fällt, wurde das halt vorübergehend geschlossen.“ Aber wir sind immer noch in Karibiknähe und über uns ist nur der Himmel. Da geht schon noch was.

Denken sich auch überraschend viele Menschen, denen nun dämmert, dass sie nur noch eine recht begrenzte Zeit haben, sich bräunen zu lassen. Auch wenn der überwiegende Teil der Transatlantik-Route eben nicht in der Karibik liegt, wollen die meisten ja doch mit der Bräune, die man von so einer Destination erwartet, daheim ankommen. Kaum erscheint die Sonne am Himmel, füllen sich die Liegen. Nur dem doch recht lebhaften Wind ist es überhaupt zuzuschreiben, dass nicht auch hier bereits ab 6.00 Uhr in der Früh alles mit Handtüchern reserviert ist. Die geschützteren Bereiche der Pooldecks sind jedenfalls als erstes weg. Und heiß umkämpft. Der Mann hingegen ist völlig mit der Hängematte auf unserem Balkon zufrieden. Darin schaukelt er sanft hin und her und liest ein Buch. Denn auch er hat ein Ziel: Wenn ihn der Wohnungssitter daheim sieht, muss er schreiend ins nächste Solarium rennen. Vor Neid.

Dann wird es schön gewesen sein.

Foto: Mike Miley, Lizenz: CC BY-SA 2.0

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