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Log-Stoff: Tag 19 (Bridgetown – Grenada)

Von | 26.04.2011, 7:00 | Kein Kommentar

Auch der letzte Tag in der Karibik versinkt im Regen. No problem. Immerhin ist es warmer Regen. Und wir haben noch Dollar übrig. Zeit, sie unter Volk zu bringen.

Wenn in der Kasperlpost steht, am nächsten Tag sei es bedeckt, wissen wir, dass es regnen wird. Warum das keiner schreibt, ist mir ein Rätsel, aber vielleicht ist das auch einer von diesen Seefahrer-Aberglauben. Davon gibt es einige: Nix darf über Bord geschmissen werden. Also kein Müll. Ins Wasser spucken ist aber erlaubt. Spucke gilt als Wasser – und Wasser zu Wasser ist o.k.. Deshalb würde es Neptun auch nicht erzürnen, über die Reling zu pinkeln. Wenn da nicht der Gegenwind wäre. Und der Anstand. Und tuten darf das Schiff auch nur im Hafen, beim Auslaufen. Keinesfalls auf hoher See. Und wenn der Meersgott verärgert ist und deshalb mit seinem Dreizack die See aufwühlt, sollte man ihm ein Opfer bringen. Allerdings keine Jungfrauen, wie von uns vermutet, sondern Orangen. Oder noch besser: Grapefruit. Weil er dann mit Schälen beschäftigt ist. Eigentlich niedlich.

Also Regen. Den dritten Tag in Folge. Zwar mit trockenen Abschnitten dazwischen, aber naja. Heißt: Mittlerweile sind nicht nur die Passagiere genervt, sondern auch die Crew. Denn wenn die zwei, drei Stunden Pause haben, können sie nix machen. Außer in ihren Zweier-Kabinen hocken. Oder sich an Land einen Hotspot zu suchen. In Bridgetown liegt der erste gleich in der Ankunftshalle des Hafens. Wie praktisch, denken wir. Dann könnten doch auch wir….

Tja. Es gibt da einen jüdischen Spruch, den ich sehr mag. Er lautet: „Der Mensch macht Pläne. Und Gott lacht.“ Depeche Mode haben irgendwann gesungen „God’s got a sick sense of humor…“ Meinen wohl beide das Selbe. Die Ankunftshalle ist nicht nur der lokale Hotspot von Bridgetown (o.k., im Hard Rock Café haben sie auch einen), sondern gleichzeitig Souvenirmarkt, Markthalle und Begegnungsstätte in einem. Vor der Tür dröhnen die unvermeidlichen Steeldrums. Elektrisch verstärkt kann man sie auch noch auf dem Parkplatz hinter der Ankunftshalle prima hören, versichert der Mann, der dort rauchen war. Ist zwar auf der gesamten Insel in der Öffentlichkeit verboten – ebenso wie das Tragen von Camouflage-Kleidung –  aber es hält sich eh‘ niemand dran. Also an das mit dem Rauchen. Karibik halt.

Also erneuter Anlauf mit der Restwelt in Kontakt zu treten. Auf einer Bank. In der Ankuftshalle. Die Passagiere der Kreuzfahrtschiffe strömen an uns vorbei ins Freie. Zu Bussen, um zu irgendwelchen Touren über die Insel aufzubrechen. Hinterher erfahren wir, dass sich die meisten Touren zumindest bei der Mount Gay-Brennerei kreuzen. Auf Barbados soll Rum erfunden worden sein. „Rhumbullion“ wurde das Gebräu zuerst genannt. Angebaut wird Zuckerrohr auf Grenada deshalb nur noch aus touristischen Gründen: Um die Inselbrennerei am Laufen zu halten. Und um Touristen schon mittags total besoffen zu machen. Schon klar – abends haben die ja alle die Insel verlassen…

Ich habe endlich alle Mails durchgeackert und versuche das Gelesene schnellstmöglich wieder zu vergessen. Das gelingt mir vorzüglich mit Hilfe eines einheimischen Gebräus, das hauptsächlich aus Rum und Kokosmilch besteht. Und in kleinen Plastikflaschen verkauft wird. Passenderweise von Mona, einer verhutzelten alten Frau, deren Stand direkt neben meiner Bank in der Ankunftshalle liegt.“ You can call it home made“, versichert sie mir. Da nehmen wir doch gleich ein paar mit. Und Nüsschen. Also Muskatnüsse. Für den Wohnungssitter. Barbados hat noch eine beeindruckende Auswahl an Hot Sauce, Pepper Sauce und Jerk Sauce zu bieten. Da ich mich nicht entscheiden kann, nehmen wir alle. Mehrfach. Außerdem ein überraschend unpeinliches T-Shirt für den Mann. In dezentem steingrau. Weiß hätte er jetzt genug, lässt er mich wissen.

Am späten Nachmittag will er wieder ins Dampfbad. Diesmal wieder mal sehend, also mit Kontaktlinsen. Interessanter Ansatz. Mal wieder was sehen? Meinetwegen, ich mache mit. Der Wellness-Nazi ist zwar schon lange nicht mehr an Bord, aber genug Grausamkeiten gibt es dort trotzdem immer. Leider sind die Augen des Mannes etwas trocken, weshalb er meine Augentropfen will. Kriegt er. Und freut er sich? Natürlich nicht. Deutsche kontrollieren offenbar automatisch das Ablaufdatum. Im Falle meiner Augentropfen war das der November 2002. Erzählt mir der Mann fassungslos. Clash of culture. Für Rumänen ist eher wichtig, ob sie noch funktionieren. Tun sie. Weshalb ich diese gekünstelte Empörung überhaupt nicht verstehe. „Du musst ja nicht“, sage ich noch. „Grmpf“, sagt er und sieht mich dabei merkwürdig an. Dann nimmt er sie doch. Geht ja.

Und es wird schön gewesen sein.

Foto: gailf548, Lizenz: CC BY 2.0

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