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Jerusalem Now

Von | 24.04.2011, 17:24 | Ein Kommentar

Ostern? Da bin ich immer in Jerusalem, auch wenn ich nicht dort bin. Und lausche dem Hamlet-Monolog eines Palästinensers.

 

Es gibt schönere Städte, es gibt bessere Restaurants, es gibt anderswo mehr kulturelle Ereignisse. Es gibt heute keinen Grund, an das Reiseziel Jerusalem auch nur eine Gedankensekunde zu verschwenden. Außer zu Weihnachten. Und vor allem Ostern. Da feiern die Juden das Fest des „Vorüberschreitens“ (Pessach) und denken an Ägypten. Die Christen würdigen den Juden Jesus, der sich zum Pessachfest ans Kreuz nageln ließ.

Dann sind da noch die Araber, die geben sich zu Ostern indigniert, sie empfinden sich als Platzhirschen, nur eben delogiert, seit lange vor Jesus und Moses der alte Abraham den zweitgeborenen Isaak segnete, nicht ihren Ahnherrn, den erstgeborenen Ismael.

Es gibt Wunden, die heilt keine Zeit. Und so haben wir heute den zerrütteten Salat, der Jerusalem ist: jede Menge Äpfel vom selben Baum, die einander die Birnen eindreschen.

Letzterer Satz fiel mir zu Ostern 09 ein, ist schwer zu verhindern, wenn Ostern ist, bin ich in Jerusalem, nicht notwendiger Weise körperlich, ist ja alles zu riskant, du kannst nicht entspannen, siehst du wo einen Kinderwagen, wechselst du auch schon die Straßenseite, was weiß ein Fremder, wie die grad ihre Bomben verpacken, vor kurzem explodierte wieder ein Autobus. Zum Glück kenn ich die Route im Schlaf, ich muss nur die Augen zumachen, schon bin ich dort.

Es gibt gar nicht so viele Wege, die nach Jerusalem führen, einer beginnt in Tel Aviv, du landest am Flughafen, wirst problemlos ins Land geschleust, nicht wissend, dass du beim Rückflug eine Stunde lang in der Unterhose herumstehen wirst, während dein Hab und Gut gnadenlos auseinandergenommen wird.

Eingedenk explodierender Autobusse nimmst du dir ein Taxi, ein paar Stunden später wird Jerusalem wahr, zum Beispiel via Jaffa-Tor, dort ist Altstadt, dort ist alles beisammen, was dir je als Kind von den Alten Schriften gefüttert wurde, von der Davidburg zur Via Dolorosa sind es fünf Minuten.

Du checkst in eines dieser von christlichen Kirchendienern betriebenen Guest Houses ein, Zapfenstreich 22 Uhr, kein Rauchen am Zimmer, mit Heißwasser sparsam umgehen, lachen nur im Keller, über allen Winkeln liegt Weihrauch, an etwaige Sünden ist nicht zu denken, also auch nicht an Schlafen.

Und so zum Stelldichein auf der Via Dolorosa. Das Dumme an ihr ist, dass sie durchs Araberviertel führt, sie ist immer überfüllt. Auf einen Touristen kommen im Schnitt zwei Souvenirläden bzw 12 000 geschnitzte Figuren. Orientierung schafft der Kreuzweg, der ist ausgewiesen. Bei Station 8, zum Beispiel, werkt der Juwelier mit dem gehobenen Verkaufsschmäh.

Es ist alles ein wenig ernüchternd, zumal für Christen (ob bekennend oder nicht), Jesus ist hier kein besonderer Jemand, von Juden ignoriert, von Arabern als einer von vielen Propheten wahrgenommen, er ginge völlig unter, wären da nicht die paar Christen (zu Ostern sind ein paar mehr, es gibt einen Touristen-Humbug, der sich „Passionsspiel“ nennt, aber den gibts überall), die im Dolorosa-Menschenmeer Richtung Schädelstätte treiben.

Unweit des Jaffa-Tores stehen ein paar Kaffeehäuser, sie sind meistens leer, sie werden von Arabern betrieben, jeder hat seine eigene Geschichte, die aber immer die gleiche ist, sobald du „die Situation“ erwähnst. Erwähnst du sie nicht, ist es der Wirt, der darauf zu sprechen kommt. Es ist nicht leicht, der „Situation“ zu entrinnen, so unverfänglich kann kein Austausch beginnen. Also grüßt der Wirt.

„Wie gehts?“ –

„Müde.“ –

„Warum bist du müde?“ –

„Ich war den ganzen Tag unterwegs.“ –

„Besser, man ist müde vom Gehen wie du, als man ist müde vom Nichtstun wie ich.“ –

„Warum tust du nichts?“ –

„Wegen der Situation. Es gibt nichts zu tun.“ –

Gestatten: die Situation.

 

„Das kann ich mir vorstellen.“ –

„Gar nichts kannst du dir vorstellen. Du bist am falschen Ort, um dir was vorstellen zu können. Geh nach Gaza, dort gibt es Menschen, die nicht wissen, dass es israelische Zivilisten gibt. Die kennen nur Soldaten, die auf sie schießen, sobald ein kleiner Junge einen Stein wirft.“ –

„Warum bleibst du in diesem Land?“ –

„Wo soll ich hingehn? Ich kenne nichts anderes, dies ist meine Heimat, ich gehöre hierher. Wo kommst du her?“ –

Etwaige Gedanken an ein „Fluchtland“ sind müßig, es gibt kein Land ohne Schmutz am Stecken, sagst du „England“, ist der Kaffeehausbesitzer alsogleich „zornig auf die Engländer, sie haben die ganze Scheiße angezettelt, sie bildeten sich 1917 ein, bestimmen zu können, was geschehen soll. Was geht sie mein Land an?“ – Das oder Ähnliches wird ihm einfallen, also bleibst du bei der Wahrheit.

„Ich wurde in Österreich geboren.“ –

„Ich bin zornig auf die Österreicher, sie sind der Grund, warum wir in der Scheiße sind, wegem diesem Hitler und was er mit den Juden anstellen ließ. Und ich bin zornig auf die Amerikaner, weil sie hinter den Juden stehen …“ –

Sein Zorn auf alles und jeden ist geballt, aber nichts gegen den Zorn, den er für sich und die Seinen spürt.

„ … und ich bin zornig auf meinen Vater, weil seine Generation faul und feige war und die Dinge geschehen ließ, wie sie geschahen. Und ich bin zornig auf mich, weil ich nicht anders bin als mein Vater war und ohnmächtig zornig, weil ich weiß, dass meine Kinder so zornig auf mich sein werden wie ich auf meinen Vater bin.“ –

Die Situation. Du spazierst in Jerusalems Altstadt, besuchst ein Coffee-shop, machst etwas Smalltalk und im Nu outet der Betreiber seinen inneren Hamlet, in jenem Moment, als er zwischen „Sein oder Nichtsein“ stak, bis ihn die finale Erkenntnis überkam, „dass wir die Übel, die wir haben, lieber ertragen als zu unbekannten fliehn. So macht Bewusstsein Feige aus uns allen“.

Angst hält den Zorn im Zaum. Es ist Alltag und die Altstadt leer sich, denn hier kommt der Sonnenuntergang, hier kommt der Wachtrupp für die Nacht, ein paar Dutzend weibliche Milizsoldaten, gekleidet wie Studenten und im entsprechenden Alter, mit Lippenstift im Gesicht und Schusswaffen um die Schulter. Beeindruckend. Hier wird es nie mehr „Boom“ geben.„Bang!“ ist jederzeit machbar.

Ein Kommentar »

  • Fnf sagt:

    jessas, jetzt hab ich mich schon erschrocken, war gar nicht bei der beichte und ostereier hab ich auch keine. aber es ist ja erst palmsonntag, ist noch zeit zur einkehr. also, facepalm, was bin ich für ein sünder.

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