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Log-Stoff: Tag 17 (Pointe-à-Pitre – Guadeloupe)

Von | 24.04.2011, 8:00 | Kein Kommentar

Heute Nacht ist ein Mann vor unserem Bett gesessen. Und hat uns zugeschaut. Beim Schlafen. War der Befehl eines Schiffsoffiziers. Und gar nicht so pervers, wie es sich anhört.

Na servus. Kaum haben wir den ersten Tag ohne die Soblicseks hinter uns gebracht, wird es bizarr. Unterwegs nach Guadeloupe studieren wir abends noch die Kasperlpost. Die bekommen wir immer gegen 20.00 Uhr an die Kabinentür genagelt. Dort stehen dann so wichtige Dinge, wie die Entfernung zur nächsten Insel. Wo gerade der Bär steppt. Welches Restaurant wann und wie lange offen hat. Welche Bars eine Happy Hour bieten. Und wie das Wetter wird. Für Guadeloupe steht dort: bedeckt. In der euphemistischen Sprache der Kreuzfahrt-Bespaßung heißt es nicht anderes als REGEN.

Gut, dass ich am Vortag noch schnell einen Ausflug gebucht habe. Der Mann denkt positiv. „Wird schon“, grummelt er. No problem, kann man je eh‘ nicht mehr ändern. Denken wir. Und betten uns zur Nachtruhe. Bis wir von wildem Hämmern an die Kabinentür geweckt werden. Zumindest ich. Der Mann grunzt nur unwillig, als ich an seiner Schulter rüttele. Nach unserem internen Pakt ist er für nächtliche Notfälle zuständig. Weil sowas Männersache ist. So einfach ist das manchmal.

Nur gerade jetzt sieht er das nicht ein. „Wat is‘?“, frägt er überflüssigerweise. „Da klopft jemand“, antworte ich etwas unwirsch. Und damit keine weitere blöden Fragen kommen, füge ich noch ein „Geh‘ hin!“ hinzu. Imperativ in Grammatik und Tonfall.  Der Mann, der nächstens nicht mal einen Hauch Chanel trägt, wickelt seine Decke um die Hüfte und schlurft zur Tür, bevor die noch aufgebrochen wird. Davor eine Frau. In Uniform. Na gut, wenigstens nicht der Besteck-Nazi. Kann also nicht so schlimm sein.

Denkste. „Wir haben einen medizinischen Notfall. Und bereiten eine Notausschiffung vor“, erklärt sie. Schön, denke ich. Bedauerlich für die betreffende Person – aber was geht das mich an? „Eigentlich müssten wir Sie jetzt evakuieren“, fährt die Frau fort, „denn gleich kommt der Hubschrauber. Wenn es Ihnen Recht ist, können Sie aber in der Suite bleiben – unter bestimmten  Voraussetzungen.“ „Grmpf“, antwortet der Mann. Hinterher behauptet er natürlich, er hätte „Ja“ gesagt. Jedenfalls entpuppen sich die Voraussetzungen als: Alle Balkonmöbel müssen rein. Alle Vorhänge bleiben zu. Und wir haben das Bett nicht zu verlassen. No problem – für den Mann. Der legt sich wieder hin.

Ich bestaune, wie wieselflink Männer etwas wegräumen können, wenn eine Frau in Uniform es ihnen befiehlt. Schwupps, schon haben wir die Suite mit Deckstühlen und Tischen vollgeräumt. Alles wird verdunkelt. Und dann kommt ER. Um aufzupassen, damit wir keinen Scheiß bauen. „Quiet, please“, lautet noch die Order an ihn. Dann sind wir allein. Ich, der Mann und der andere. Dem Mann ist das wurscht, er schläft schon wieder. Ich lausche in die Nacht. Konversation verbietet sich irgendwie. Da, Rotorgeräusche. Die Crew hat auch ein Pooldeck, und zwar vier Decks unter uns. Vorne am Bug. Wir haben einen prima Blick drauf. Hier wartet der medizinische Notfall auf den Hubschrauber. Und wird in einem Korb hochgezogen. Abflug. Schwupps, sind wir wieder alleine. Ich will die Vorhänge aufreißen und rausschauen. Dabei breche ich mir fast das Schienbein, weil ich die Balkonmöbel drinnen vergessen habe. Ich räume eine Gasse zum Bad frei und lege mich wieder hin. Drei Stunden später rüttelt mich der Mann. „War der Hubschrauber da?“ will er wissen. „Grmpf“, antworte ich.

Dann also Guadeloupe. Europa in der Karibik. Endlich wieder mal der Euro. Und endlich wieder mal Regen. Immerhin: warmer Regen. Ohne Sonne ist gleich alles viel trister. Und schäbig. Sorry, Guadeloupe. Aber ihr seht aus, wie Rumänien. Nur mit Palmen. Die gleichen kaputten Straßen. Die gleichen schäbigen Plattenbauten. Na gut, hätte auch Karl-Marx-Stadt in der Karibik sein können.  Dorthin würde ich allerdings nie eine Kreuzfahrt machen. Statt dessen müssen wir an Land. Zum Ausflug. Mit extra Strandaufenthalt. Deshalb ja auch so gebucht. Jetzt mit Wegfall der Geschäftsgrundlage zu kommen, mag ein brauchbarer Weg des Bürgerlichen Rechts sein. Zieht hier aber nicht. Immerhin gebe es einen Markt neben dem Strand – da könne man ja auch hin, wenn man nicht im Regen baden will.

Wir wollen nicht. Statt dessen kaufen wir so viele Gewürze und scharfe Soßen, dass wir einem langen Grillsommer gelassen entgegensehen können. Und machen das, was wir schon erfolgreich quer durch die Karibik getan haben: Bier trinken. Diesmal: Das von mir überaus geschätzte Leffe, eigentlich ein belgisches Bier, aber wer wird hier schon kleinlich sein.

Bis zum Sundowner an Bord hat sich das Wetter wieder so weit stabilisiert, dass wir die Drinks draußen einnehmen können. Das Schiff, eben noch majestätisch tutend ausgelaufen, stoppt. „Sehr geehrte Passagiere“, schnarrt die Lautsprecherstimme des Kapitäns über Deck. „Leider haben wir einen medizinischen Notfall, der gerade von unserem Doktor an Land begleitet wird. Wir bitten um etwas Geduld, bis wir die Fahrt wieder aufnehmen können.“

Gibt’s nicht, oder? Zwei Mal innerhalb von 20 Stunden? Haben wir einen Fluch an Bord? Unsere guten Kontakte zum Barpersonal bescheren uns immerhin folgende Informationen. Notfall eins war ein Passagier. Notfall zwei ist einer der Artisten, der bei den Proben einen Unfall hatte. Den sehen wir immerhin am nächsten Abend wieder. War wohl doch nicht so schlimm. Abends verriegele ich sicherheitshalber die Tür. Man weiß ja nie, wer sonst noch von der Crew zum Plaudern vorbeikommen will…

Aber es wird schön gewesen sein.

Foto: weisserstier, Lizenz: CC BY 2.0

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