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Log-Stoff: Tag 16 (Seetag)

Von | 23.04.2011, 6:00 | Kein Kommentar

Neue Route, neues Publikum: Offenbar zieht eine Transatlantik-Überquerung älteres Publikum an als ein Karibik-Törn. Das kann ja heiter werden. Oder eine Folge „gutes Karma, schlechtes Karma“.

Und wieder bin ich beim Sonnenaufgang nicht allein. Im Gegenteil: Eigentlich bin ich eine der letzten, die dazu stößt. Die Neuankömmlinge wuseln schon seit Stunden durchs Schiff. Auf der Suche nach Kaffee. Allerdings vergeblich. Den gibt’s frühestens um 6.00 Uhr morgens. Weshalb ich froh sein kann, überhaupt noch einen Becher zu ergattern. Kommt mir irgendwie bekannt vor. Und ich auch noch nachsichtig reagiere, als mich ein Rentnerpaar von der Kaffeekanne wegrempelt. Was sie nicht wissen: Das ist ganz schlechtes Karma. Und das rächt sich. Immer. Echt.

Die Boys vom Pooldeck stöhnen: Sie kommen gar nicht dazu, die über Nacht festgezurrten Liegen aufzustellen. Rüstige Pensionisten haben das teilweise schon erledigt. Allerdings in Bereichen, wo die Liegen gar nicht hin dürfen. So ein Pech aber auch. Denn wenn es um Sicherheitsbestimmungen des Schiffs geht, werden alle an Bord Arbeitenden ganz unerbittlich. Die Liegen müssen da weg. Die Pensionisten sind empört: Aber die guten Plätze sind doch schon alle belegt. Und natürlich mit den obligaten Handtüchern gesichert. Wäre es nicht so bitter, wäre es fast schon amüsant: Alte Männer, die in Richtung ihres Traumplätzchens hoppeln und allen Ernstes hinter sich rufen „Schneller, Mutti“. Ich sag‘ ja: ganz schlechtes Karma.

Während an Deck also heftige Territorialkämpfe um Liegen und Sonnen- bzw Schattenplätze geführt werden, schwappen die restlichen Passagiere fast geschlossen über die Restaurants: Frühstückszeit. Der Mann freut sich über den eigenen Frühstücksraum für Suitenpassagiere. Heute noch mehr als sonst. Doch dann der Schock: Die Besatzung rotiert. Alle zwei Wochen werden die Leute neuen Stationen zugeteilt. Sprich: Auch bei uns im Frühstückraum neue Gesichter. Also fast neue. Natürlich kennen wir schon einige von anderen Restaurants. Aber es hilft trotzdem nichts. Der Mann muss das tun, was er morgens am meisten hasst: sprechen. Und den Neuen sagen, was er will. Und wie er es will. Denn Mark, sein liebgewordener Steward, ist jetzt zum Dienst im Marktrestaurant eingeteilt. Beim Besteck-Nazi. Und freut sich sogar („Man braucht den Wechsel, sonst wird man bekloppt“). Aus Protest trinkt der Mann gleich drei Latte Macchiato. Ein kleineres Missverständnis führt allerdings zu leisem Herzflattern. Sein Wunsch, die Milchbrühe mit einem Doppelten Espresso zu bekommen wurde als ‚plus einem Doppelten‘ übersetzt. Sprich: er hatte drei dreifache. Das kann ja heiter werden.

Das Wetter ist es schon. Das ist auch gut so. Eine Seenotrettungsübung bei Regen wäre unschön. Und genau die steht wieder auf dem Programm. Wieder für Crew und alle Passagiere gleichermaßen verpflichtend. Der Besteck-Nazi wartet schon auf uns: Vertraut unfreundlich blafft er uns in Reih‘ und Glied und instruiert uns für den Notfall. Wahrscheinlich hat man ihm mal beigebracht, dass das Führungsstärke demonstrieren soll. Von Hörensagen wissen wir, dass das auf anderen Stationen durchaus humorvoll laufen kann. Und dabei nicht weniger effektiv. Egal. Wir gehen einfach davon aus, dass wir das im Ernstfall niemals tun müssen. Einige andere Passagiere auch. Diese – ich sag’s ungern, aber es ist so – meist älteren Mitbürger, wollen sich die Übung klemmen.

Allerdings erfolglos. Anhand von Strichlisten mit den Kabinennummern, die bei solchen Übungen geführt werden, sind sie schnell identifiziert. Und werden nun von Security-Leuten gesucht. Die, auch eine weltweit geltende Regel, meist eher die unfreundlichen Zeitgenossen sind.  Und werden natürlich gefunden. Und müssen nachsitzen. Da helfen alle Rechtfertigungsversuche nichts: „Das ist meine x-te Kreuzfahrt“ oder „ich bin doch Vielfahrer und Mitglied im Blabla-Club der Reederei“. Aber auch hier: alles Karma.

Damit ist aber auch für uns das letzte Vertraute abgehakt. Nun ist alles neu. Wie gestalten wir jetzt beispielsweise den Tagesablauf ohne die Soblicseks? Deren Fehlen uns abends schmerzlich bewusst wird. Keine Verabredung zum Sundowner. „Deserteure“, schimpft der Mann und lässt noch ein herzhaftes „Landratten“ folgen. Allein mit der Frau. Noch drei Wochen…

Und es wird schön gewesen sein. Sage ich. „Grmpf“, sagt der Mann.

Foto: Scott Anderson, Lizenz: CC BY 2.0

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