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Log-Stoff: Tag 15 (La Romana – Dom.Rep.)

Von | 21.04.2011, 9:00 | Kein Kommentar

Abreisetage sind immer auch Anreisetage. Während also die Soblicseks von Bord gehen und das Housekeeping Kabinen im Akkord putzt, stürmen 1200 neue Passagiere das Schiff. Déja vu…

Sonnenaufgang vor La Romana. Und um mich herum wuselt es. Natürlich weder der Mann, noch die Soblicseks. Aber hunderte anderer Passagiere bevölkern plötzlich die Decks. Und nehmen Abschied. Noch stundenlang werde ich an Bord über Menschen stolpern, die vor irgendwas stehen, seufzen und „och, das sehen wir jetzt zum letzten Mal“ sagen. Sollen sie doch. Ich bleibe. Noch drei Wochen. Ätsch.

Dafür ist die Wellness-Oase leer. Die Leute haben andere Sorgen. Ihre Bordrechnung zum Beispiel. Nun rächt sich der clevere Schachzug der Reederei, jedem eine Plastikkarte als Zahlungsmittel um den Hals zu hängen. Denn da verliert man leicht den Überblick. Einer Dame neben mir klappt der Kiefer runter. Sie hat das Kabinentelefon benutzt um der Tochter zum Geburtstag zu gratulieren. „Aber das waren doch maximal fünf Minuten, höchstens acht“, jammert sie. 85 Euro werden dafür in Rechnung gestellt. Wer lesen kann, ist klar im Vorteil – besonders, wenn er sich auch noch ums Kleingedruckte kümmert. Es hat durchaus seinen Grund, warum ich seit Wochen offline bin.

Die Bordrechnung der Soblicseks steckt in einem größeren Umschlag. Ich ahne, dass unsere dann wahrscheinlich schon gebunden mit Fadenheftung vorliegen wird. Da geht noch was… Egal! Erst mal Frühstück. Ein Pfannkuchen geht immer. Und der Mann will auch wieder friedlich schweigen dürfen. Darf er aber nicht. Ständig wird er von irgendjemandem angequatscht, ob er nicht auch lieber noch bleiben würde. Sein „tue ich ja auch“, kommt  nur bedingt gut an.

Soblicseks haben ihr Handgepäck bei uns in der Kabine deponiert und lungern am Pooldeck herum. Mittags treffen wir uns nicht zum Essen, sondern für die Abschiedsdrinks. Dann begleiten wir sie an Land und winken ihnen nach. Eigentlich wollten wir noch zu einer kleinen Insel vor La Romana baden fahren. Oder uns endlich ein Internet-Café suchen. Tun wir aber alles nicht. Es geht auch ohne. Im Gegenteil: Eigentlich wollen wir gar nicht mehr wissen, was daheim los ist. Wer jetzt mit wem. Oder gegen wen. Hatten wir den Super-GAU? Wahrscheinlich. Und irgendwo hauen sich wieder Hunderte gegenseitig in die Fresse. Ahnen wir doch eh‘.

Statt dessen lieber alleine an Bord. Noch sind die Neuankömmlinge nicht da. Und die wenigen, die wie wir durchfahren und nach der Karibik-Cruise gleich die Transatlantik-Strecke dranhängen, verlieren sich auf so einem Schiff. Zeit, sich in Gefilde zu wagen, die wir bisher nicht betreten haben. Die Lounge zum Beispiel. Direkt über unserer Suite, ein Deck höher. Prima Ausblick – bloß den haben wir auch. Ruhig. Na gut, auch das haben wir. Mit der Bordbibliothek. Die gerade neu bestückt wird. Best of Liegengeblieben. Hauptsächlich Krimis, Thriller und ein bisschen Herz-Schmerz. Von den meisten Autoren habe ich noch nie gehört. Was aber nix heißt. „In spätestens vier Tagen ist die Hälfte der Bücher wieder weg“, erklärt uns Alexander, ein Zwei-einhalb-Streifen-Offizier. Ob sich Marx das mit der Umverteilung so vorgestellt hat? Mir gefällt’s.

Unsere beiden guten Geistern vom Housekeeping lächeln etwas angestrengt. Fast alle Kabinen in ihrem Bereich werden neu belegt. Heißt für sie: Einmal alles neu. Ich mache mir eine Gedankennotiz, ihnen wenigstens ein ordentliches Trinkgeld am Ende der Reise da zu lassen.  Sie wechseln zwei Mal täglich unsere Handtücher – auch wenn wir das gar nicht wollen („You have a Suite, Madam“), stellen uns täglich einen großen Obstteller und eine kleine Schüssel Pralinen hin. Decken das Bett auf. Ziehen Vorhänge vor. Stellen die Klimaanlage. Bringen unsere Sache in die Reinigung und wieder zurück. Tragen klaglos und lächelnd jeden Morgen unsere aus diversen Bars angeschleppten Flaschen- und Gläser-Batterien weg. Leeren den Aschenbecher. Lächeln ständig. Wir stellen uns ganz kurz vor, wenn das Housekeeping nicht von Asiaten gestellt würde… Nö, doch lieber nicht!

Und dann plötzlich sehen wir die ersten Busse anrollen. Déja vu. Übermüdete, bleiche Menschen strömen vors Schiff. Schauen sich um. Stupsen sich an. Umarmen sich. Warten darauf ENDLICH aufs Schiff zu dürfen. Stehen überall herum. Glotzen. Staunen.  Freuen sich. Wir auch. Denn für uns beginnt jetzt eine neue Etappe. Allein. Der Atlantik wartet!

Willkommen, ihr Neuen. Seid gewiss: Es wird schön gewesen sein.

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