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Ostern auf der Müllkippe

Von | 20.04.2011, 10:07 | 2 Kommentare

Wie jedes Jahr stellen uns die Medien in der Karwoche dieselbe Frage: War das alles so, wie es in der Bibel steht? Textkenntnis wäre jetzt hilfreich.

Consumer Jesus. Illustration: Banksy

Wie jedes Jahr stellen uns die Medien in der Karwoche dieselben Fragen: War das alles so, wie es in der Bibel steht, der Ablauf, die handelnden Personen des Passionsberichtes. Und was soll die Nummer mit der Auferstehung. Textkenntnis wäre jetzt hilfreich.

Zur Passion- und Ostergeschichte kann man Fragen stellen und Antworten geben. Diese Antworten können richtig oder falsch sein. Wie hieß der Jünger, der Jesus verraten hat? Andreas. Falsch. Judas. Richtig. Wir waren nicht dabei, im Abendmahlssaal und auf der Via Dolorosa. Sehr wahrscheinlich waren auch die, die die Berichte des Neuen Testaments aus mündlichen Überlieferungen in Schriftform gebracht haben, auch nicht alle dabei. In ihren Texten lassen sie eine eigene Welt entstehen, die verschieden ist, von dem, was zuvor als mündliche Überlieferung weiter gegeben wurde und die auch verschieden ist von dem, was „wirklich“ geschehen ist. „Wirklich“ im Sinne von historisch.

Jeder Text kreiert eine eigene Welt. Innerhalb dieser Welt muss der Text kohärent und konzise sein. Verbindung zu der wirklichen Welt haben diese Texte „nur“ insofern, als sie in der wirklichen Welt geschrieben werden, von wirklichen Menschen. Können die Texte des Neuen Testaments dann überhaupt Wahres aussagen?

Möglichst oft wiederholen, dann wird es wahr

Das christliche Bekenntnis, das auf den biblischen Texten ruht, ist insofern wahrheitsfähig, als es von Christen aller Zeiten und auch von den Christen, die heute auf der Welt an den verschiedenen Orten leben, als solches Bekenntnis wahrgenommen und erkannt wird. Diese Texte sind der Kern der christlichen Glaubenslehre. Würde etwas an dem Text verändert, die Glaubensgemeinschaft würde es bemerken. Das ändern der Texte wäre Frevel. Selbst wenn wir heute wüssten, dass der Straßenverlauf, so wie in das Neue Testament von der Jerusalemer Altstadt zeichnet, nicht stimmt, was würde es ändern? Nichts. Würde man das neue Wissen in den Text einbauen? Auf keinen Fall.

Kanonisierte Texte werden weiter gegeben; das gilt nicht nur für die Heilige Schrift selber, sondern auch die die Gebete und Bekenntnisformeln des Glaubens. Indem ich sie kenne, sie memoriere und mitsprechen kann, mache ich mich zum Teil der Glaubensgemeinschaft, die wiederum deutlich und sichtbar in der Geschichte, also historisch ist und wirkt. Ich weiß, dass ich zu dieser Glaubensgemeinschaft gehöre. Insofern konstituieren diese Texte etwas Wirkliches, etwas Wahres. Auf das Historische angesprochen, müssen die Texte quasi mit den Schultern zucken. Historisch gesehen kann alles an den Texten unwahr sein.

Text mit Rückgrat

Heilige Texte sind eine Zumutung. Eine Frechheit. Vor allem für die, die an sie glauben wollen, aber doch nicht an sie glauben. Beispiel gefällig: Im Text sagt Jesus „Das ist mein Leib“. Schon seine Zeitgenossen fragen sich „Wie kann er uns seinen Leib zu essen geben?“. Dieser aufgeschrieben Satz war also schon damals eine Zumutung. Die Reformatoren deuten ihn dann schließlich symbolisch; Katholiken trauen sich bis heute daran zu glauben, dass das Brot auf dem Altar seine Substanz in irgendwas von Jesus verwandelt. Wie das naturwissenschaftlich betrachtet gehen soll, ist eine andere Frage.

Mit der Auferstehung genau dasselbe: Ein Erweckungserlebnis im Inneren der Jünger, so deuten das einige, wiederum meist protestantische, Theologen. Der Leichnam Jesu ist demzufolge also im Grab verrottet, Jesus nicht wirklich auferstanden. Das kann man alles irgendwie denken, nur: die Texte geben es nicht her. Der vom Neuen Testament beschriebene Jesus stirbt, wird auferweckt und fährt in den Himmel auf. Das behauptet der Text und er lässt sich darin durch Nichts und von Niemand kirre machen. Immerhin hat dieser Text Rückgrat!

Die Auferstehung Jesu ist im Sinne der Evolution

Religion schafft ihre Wirkmacht dadurch, dass alle ihre Mitglieder den Wortlaut ihrer Gründungsdokumente verstehen und die Bilder und Deutungen, die daraus hervorgehen, in ihren umfänglichen kulturellen Lebenskontext einbeziehen. So produziert Religion Gemeinschaft und Regeln. Das ist die Aufgabe, die sie im Lauf der Evolution eingenommen hat: Sicherheit geben und Legitimation schaffen.

Es kann nur einen Glauben an die Texte geben und die Wirkung, die sie auf den Menschen entfalten. Der Glaube an den auferstandenen Jesus gibt den Christen mehr Kraft, als die Behauptung, dass ihr unschuldig getöteter Messias auf einer Müllkippe entsorgt wurde, weil so eben mit Gekreuzigten in jener Zeit verfahren wurde. Der Passions- und Ostertext wirkt in die Wirklichkeit. Er kann nicht belegen, was hinter beziehungsweise zeitlich vor ihm liegt, sondern Aussagen treffen, zu denen die Zukünftigen sich verhalten werden. Noch klingen die biblischen Texte in unseren Ohren anders als die Sagen des klassischen Altertums.

2 Kommentare »

  • lusciniola sagt:

    Ist doch nebensächlich, ob das stimmt, was in dem Text steht. Oder ob es so genau stimmt, wie es in dem Text steht. Der Kern, die message dieser Religion, die ist gut (weniger gut ist das, was die Menschen oft daraus machten und wie sie sie mißbrauchten). Wenn es das Christentum, in seiner Ur-Form und Grundaussage, nicht gäbe – die (Gut)Menschen hätten es direkt erfunden.

    Und es ist auch nebensächlich, aufgrund welcher Texte und Wahrheiten diese Religion ihre Macht bei ihren Mitgliedern entfaltet. Ich katholisch, gläubig. Und mir ist es vollkommen egal, ob Maria eine junge Frau oder eine Jungfrau war. Ob Jesus mit Körper und Geist oder nur mit Geist in den Himmel gefahren ist. oder ob der Himmel nur die Metapher für die Erkenntnis seiner selbst ist. Ob Lazarus schon tot war, der Blinde wirklich blind, der Zölnner wirklich geläutert.

    Es ist die message, die eine Strahlkraft hat, ganz unabhängig von all dem, was drum herum passiert.

  • saxo lady sagt:

    Irgendwie langweilig. dieses ewige „ach dieser blödsinn, wer glaubt denn sowas“.
    ich erwarte mir vielleicht zuviel.
    ich erwarte mir, dass kluge menschen heute erkenne, dass „gott“, was immer dieses wort bedeutet, eine „größe“ (im sinn von mathematisch) ist, die es seit menschengedenken gibt.

    überall und immer gab und gibt es religionen. diese zeichnen sich im grunde dadurch aus, dass (jaja ich bin ein unverbesserlicher naiver gutmensch) einige wenige menschen in eine „mitte“ zwischen intellekt und gefühl kamen, und daraus ein regelwerk entwickelten, wie das zusammenleben von menschen auf dauer so reibungslos wie möglich funktionieren kann. und jede religion hat zu gründungszeiten einen oder mehrere heilige/erleuchtete/gesandte…, die in den verschiedenen sprachen der welt im grunde die selben regeln aufstellen. einmal gehts um gott, der ausrichten lässt, dass er unzählige namen hat. und einmal um einen, der in sich selbst die unendlichkeit „gott ist groß“ postuliert. allen erscheinungen von „gott“ geht es darum, dass der mensch ein gereichtes leben führen soll mit aufmerksamkeit und achtsamkeit.

    diese mathematische größe „gott“ hat dazu geführt, dass es dieses größenwahnsinnige raubtier „mensch“ noch gibt.
    und gleichzeitig hat dieses raubtier auch dieses werkzeug „gott“ immer wieder dazu verwendet, sich „anderen“ gegenüber wie berserker zu gebärden.

    die frage ist halt nachwievor: gehe ich davon aus, dass der mensch im grunde so egoistisch, hinterhältig, zornig und faul ist wie ich.
    oder gehe ich davon aus, dass der mensch im grunde so hilfsbereit, liebenswürdig, altruistisch und gütig ist wie ich.

    erwarte ich zuviel?

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