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Religion, reloaded

Von | 17.04.2011, 16:50 | Ein Kommentar

Sollen Religionslehrer auch Ethik unterrichten? Bald wird im Parlament diskutiert – unter Ausschluss der Konfessionslosen. Anrüchig, no? Bekanntlich liefern sich Österreichs Schulen laut aktueller PISA-Studie im Vergleich der OECD-Mitgliedsstaaten bei der Leseleistung einen harten Kampf gegen Mexiko, Chile und Türkei um den 30. Platz. Von 34 Staaten. Naturwissenschaften detto. In Mathematik liege man gar an […]

Gottesanbeter. Foto: Catholic Church (England & Wales), Lizenz: CC BY-NC-SA 2.0

Sollen Religionslehrer auch Ethik unterrichten? Bald wird im Parlament diskutiert – unter Ausschluss der Konfessionslosen. Anrüchig, no?

Bekanntlich liefern sich Österreichs Schulen laut aktueller PISA-Studie im Vergleich der OECD-Mitgliedsstaaten bei der Leseleistung einen harten Kampf gegen Mexiko, Chile und Türkei um den 30. Platz. Von 34 Staaten. Naturwissenschaften detto. In Mathematik liege man gar an 24. Stelle, Tendenz leider fallend, noch aber besser als der Schnitt, sagen Statistiker, was mich ein wenig verblüfft. Bislang war ich felsenfest überzeugt, der Schnitt von 34 liege irgendwo in der Umgebung von 17.

Wesentlich besser sieht die Lage in der Selbstsicht der Österreicher aus, deren 47% das heimische Schulsystem für gleich gut, 13% sogar für besser halten.

Dennoch wird in der Politik heftig um Reformen des Unterrichtswesens gerungen, man bastelt an „Modulen“, die Unterrichtsfächer ersetzen sollen, man erfindet die „Neue Mittelschule“ (die allerdings kein besseres Image als die alte Hauptschule genießt), man will das Sitzenbleiben abschaffen, man kämpft um Integration, (lässt aber Eltern die Schule für deren Kinder frei wählen, sodass also etwa in Wien die Kinder der Wohlstandseltern in den Innenbezirken, die der Zuwanderer in den Außenbezirken landen), es herrscht viel Wille und bislang wenig Werk.

Das heimische Schulwesen fühlt sich wie eine riesige Baustelle an.

Das gilt auch für den Ethikunterricht. Der befindet sich seit 15 Jahren im Schulversuchsstadium, demnächst wird aber im Parlament diskutiert, ob er Pflicht werden soll.

Für mich ist Ethik eine großartige Disziplin, da geht es um Moral und Vernunft, letztere hat sogar eine vorwärts mobile Kante, es reicht ihr nicht, dass menschliches Handeln ausschließlich von Konventionen und Tradition geleitet wird, Ethik kann dein Rückgrat stärken, sie gestattet dir, menschliches Handeln zu reflektieren, sie kann es uns erschweren, nicht zu wissen, was wir tun. Sie stellt unbequeme Fragen.

Zum Beispiel: Ist es vertretbar, gegen AKWs zu sein und im Lande kein AKW zu betreiben, dann aber dennoch Atomstrom aus dem Ausland zu beziehen?

Oder: Kann es Frieden stiften, gegen einen Diktator, der seinem Volk mit Waffengewalt zu Leibe rückt, mit noch stärkerer Waffengewalt anzurücken, nämlich im Licht des Umstands, dass Wirtschaftsembargos traditionell wirksamere Friedensstifter sind, die man aber nicht wahrnimmt, weil man auf das Öl dieses Diktators weiterhin ungern verzichtet?

Das sind Fragen der Ethik und eigentlich können sie nicht früh genug über die Schüler kommen, das menschliche Rückgrat ist global am Hund, kein vernünftiger Mensch kann etwas gegen Ethikunterricht haben.

Seltsamer Weise scheint es so zu sein, dass sich die ÖVP diesbezüglich enthusiastischer gibt als die SPÖ und sich Konfessionslose überhaupt ablehnend verhalten. Die Crux liegt in einem Detail. In o.a. Parlamentsdebatte wird es nicht um Ethikunterricht per se sondern um Ethikunterricht als Ersatzprogramm für Religionsunterricht gehen. Und seltsamer noch: Es ist nicht auszuschließen, dass „Kinder, die sich vom Religionsunterricht ab(melden), dann denselben Lehrer im Ethikunterricht vorgesetzt bekommen.“

Das befürchtet der konfessionslose Physiker Heinz Oberhummer, insbesondere, seit er, der Vorsitzende des Rates der Konfessionsfreien, nicht zur Debatte eingeladen wurde, dort seien nur 32 religionsnahe Vertreter. „Das ist eine Missachtung von zwei Millionen Österreichern, die keiner Konfession angehören“, empörte er sich im Falter.

Das ist zum einen etwas übertrieben formuliert. Wenn einer sich als O(hne) B(ekenntnis) registrieren lässt, weil er keine Kirchensteuer mehr zahlen will, muss er sich deswegen noch lange nicht von Herrn Oberhummer vertreten fühlen.

Andrerseits hat er auch recht. Sollte es wirklich so werden, dass derselbe Mensch, der sein Religionslehrer war, nun plötzlich als Ethiklehrer vor dem religionsverdrossenen Schüler steht, ist das unweit von blankem Zynismus angesiedelt.

Insbesondere der katholische Pfaff als Lehrer in unseren Schulen hat eine ungute Geschichte. In frühen Nachkriegstagen und insbesondere am Land war er korrumpiert, er nahm sonntags den Kindern die Beichte ab, sah montags dieselben Kinder in der Volksschule wieder und hatte oft nicht die Größe, das Beichtgeheimnis wörtlich zu nehmen. Als die Prügelstrafe (1969) in Österreich endlich verboten wurde, war er einer der letzten, die damit aufhörten. Dafür gibt es Dokumente, das wissen alle, die alt genug sind, es erlebt zu haben.

Auch ist die Katholische Kirche seit Jahrzehnten im moralischen Abgrund, ihre Diener der Pädophilie angeklagt oder überführt, Papst Benedikt war auf Entschuldigungstournee in Europa, aber weltliche Gerichtbarkeit will er nicht, vor wenigen Tagen gestand ein Kleriker in Belgien sexuellen Missbrauch von unzähligen Mädchen und Buben, aber Reue zeigte er nicht. Diese Kirche hat keine Berechtigung, Lehrer für den Ethikunterricht zu stellen, diese Kirche sagt „tut so, wie ich sage, nicht so, wie ich tu“.

Das ist ethisch nicht vertretbar, das ist wider jede Vernunft.

Im Kern gilt für Ethiklehrer, was für alle Lehrer gilt: Gut ist, wer versteht, die Schüler aufs Fach anzutörnen. Dazu sind Kirchendiener nicht in der Lage, sie haben alles öffentliche Vertrauen, alle Glaubwürdigkeit verloren, tatsächlich wäre es schon lange an der Zeit, Klerus und Schulerziehung von einander ganz zu trennen. Die richtigen Fragen im Parlament müssten lauten: Soll der Klerus Ethik unterrichten dürfen, und: Soll Religionsunterricht als Ersatzprogramm für Ethikunterricht etabliert werden; nicht umgekehrt. Und die Antworten seien, erstens, überwältigend nein, zweitens, nur auf freiwilliger Basis.

Willst du, dass deinen Kindern in der Schule die jungfräuliche Geburt auf die Nasen gebunden wird? Oder sollen sie für die Suche nach Wahrheit animiert werden?

Mögen daher die Kleriker ihre Hände und vor allem ihre Geister von der Schule lassen, mögen sie vor ihrer eigenen Türe kehren und anderen die Fragen der Ethik überlassen. Philosophen, die den Kant´schen Imperativ diskutieren; Physikern, die dich für die Wunder des Universums entflammen; Anthropologen, die dich mit der unglaublichen menschlichen Reise für den Humanismus öffnen. Überwältigend mehrheitlich also Atheisten. Leider ist es so, dass Atheisten schon lange die besseren Menschen sind. Die interessanteren sowieso. Angenehme Osterwoche, liebe Leute.

Video: Ethik. Der Kategorische Imperativ

Ein Kommentar »

  • saxo lady sagt:

    Atheisten sind die besseren Menschen? Interessant, so eine dämliche Verallgemeinerung hätte ich Ihnen garnicht zugetraut. Warum eigentlich nicht sophisten? Oder Choleriker? Für mich zeigen sich fanatische Atheisten Gleichung wie fanatische Katholiken. Oder fanatische Gegner oder Befürworter von irgendwas.
    Herzlichst

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