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Exorzismus hier und da: Mit dem Teufel lachen

Von | 13.04.2011, 10:22 | Ein Kommentar

Ohne den Glauben an den Teufel gibt es auch keinen Glauben an Gott. Nicht umsonst hat der Papst eine Konferenz zum Exorzismus einberufen.

Anthony Hopkins in "The Rite", Foto: Warner Bros.

Anthony Hopkins wird von einem Dämon befallen – zumindest im Film. Der Glaube an den Teufel ist aus der Mode gekommen. Ohne den Glauben an den Teufel gibt es auch keinen Glauben mehr an Gott. Nicht umsonst hat der Papst eine Konferenz zum Exorzismus einberufen.

Anthony Hopkins verkörpert das Böse. Im Film „The Rite“ spielt er einen Exorzisten, der schließlich selbst von einem Dämon befallen wird. In dieser Rolle ist er sozusagen der Anti-Hannibal, den er uns im „Schweigen der Lämmer“ vorgestellt hat: Dort zeigt er die Abgründe der menschlichen Psyche auf, ihre Dysfunktionalitäten, ihr Abgleiten ins Irrationale und zum Wahn. In „The Rite“ verlegt er die Ursachen dieser Mängel außerhalb des Menschen. Es ist der Teufel, der den Menschen treibt, in Versuchung führt. Das Böse liegt nicht im Menschen, es sind der Teufel und Dämonen, die ihn Böses tun lassen.

Der Glaube geht den Menschen verloren

Nicht umsonst spielt der Film in Rom: Papst Benedikt XVI. hat eine neue Konferenz für Exorzisten im Vatikan ins Leben gerufen. Genauer gesagt: Eine Veranstaltung, auf der die Zöglinge der Kirche unterscheiden lernen sollen zwischen Hannibal und dem Teufel: Wo liegen psychische – und damit medizinisch behandelbare – Erkrankungen vor, wo ist der Leibhaftige im Spiel, dem nur der geweihte Priester mit dem Ritus des Exorzismus beikommen und so Heilung bringen kann?

Die Frage nach dem Teufel ist heute die Gretchenfrage der christlichen Religion. Es geht nicht darum, wie wir es mit Gott halten, sondern wie mit dem Höllenfürsten. Warum? Die christliche Religion ist in der Kirche institutionalisiert, der Glaube an Gott ist vielen Mitgliedern der Kircheirgendwie abhandengekommen. Gott ist vielleicht noch eine habituelle Größe. Die große Mehrzahl der Christen, so ist mein Fazit, sind Agnostiker mit einer ausgeprägten Tendenz, die Gotteshypothese glauben zu wollen.

Dass die christliche Religion bis heute im Westen überlebt hat, liegt an ihrem Vermögen,Wahrheitsfähiges über den Menschen auszusagen. Dieses Wahrheitsfähige ist verschieden von den Behauptungen und Spekulationen der Theologie und den Glaubenssätzen des kirchlichen Lehramtes. Dieses Wahrheitsfähige gründet in der Fähigkeit der Religion, im Menschen bestimmte Saiten zum Klingen zu bringen, die er für eine ganzheitliche Lebensweise braucht: Dazu gehören unter anderem einen Stand im Leben – die Erklärung also, woher wir kommen und was der Sinn der Veranstaltung hier sein könnte – ebenso wie Spiritualität, wie sie im Singen von Hymnen, in der Teilnahme einer rituellen Gemeinschaft und dem meditativen Ruhen in einem dafür gebauten Sakralraum zum Tragen kommt.

Über das, was wir religiöse Erfahrung nennen, speichert der Mensch eine bestimmte Art von Wissen und eine bestimmte Art der Welthabe. Es ist die größte Schwachstelle des theoretischen Atheismus, dass er seine Behauptung, dass kein Gott sei, mit einem rationalistischen Weltbild verbindet. Denn der Mensch ist kein rein rationales Wesen, seine Entscheidungen verdanken sich nicht ausschließlich rationalen Abwägungen. Die Ablehnung des Atheismus bei vielen Christen, die sicherlich nicht alle Glaubensaussagen ihrer Religion kennen oder aktiv bejahen, rührt aus dem instinktiven Fühlen, dass der Atheismus nicht den ganzen Menschen anspricht. Oder haben Sie schon einmal etwas von einer atheistischen Spiritualität gehört?

Ritus statt Glaube

Also haben wir uns, was Gott betrifft, arrangiert. Er kommt weniger oder mehr in unserem Leben vor. Und zwar in dem Maße, wie die Riten der christlichen Religion den Ablauf unseres Lebens bestimmen: Taufe, Kommunion, Firmung, Trauung, Sterben. Unsere Behauptung, dass es mehr gibt im Leben als das, was wir sehen, mag klassischerweise im Diskurs ein Argument gegen die Gottlosen gewesen sein. Dieses hielt jedoch nur stand, weil der Atheist – siehe oben – an dieser Stelle mit den Rationalisten ins Bett stieg und jede Übersinnlichkeit, will sagen Nicht- oder Neben-Rationalität, gelten lassen wollte.

Zum Glück gibt es da also den Teufel, beziehungsweise die Vorstellung in der Kirche, dass es ihn gebe und dass er sein böses Handwerk auch heute noch ausübe. Die Schrift ist voll von Äußerungen dazu, Jesus selbst treibt die Dämonen aus. Sie sind es, die seine Gottessohnschaft erkennen und er verbietet ihnen, sie zu bekennen. Die Endzeit dieser Welt, schreibt der heilige Johannes, wird durch das Auftreten des Anti-Christen geprägt sein.

Mit dem Teufel stirbt auch Gott

Die wenigsten Christen glauben noch an den Teufel oder Dämonen. Es gibt genug Theologen, die diese Aussagen der Schrift wegdividiert haben, ebenso wie den rächenden Gott, die jungfräuliche Empfängnis Jesu, seine Auferstehung von den Toten: Das Oster-Erlebnis der Jünger sei kollektiv in ihrer Vorstellung eingetreten. Aha. In der Schrift steht, dass die Apostel den Toten wieder lebend gesehen und mit ihm gegessen und getrunken haben. Außerdem sei er vor ihren Augen in den Himmel aufgefahren. Wer an so etwas nicht mehr glauben kann, muss halt aufhören, zu glauben. Er kann sich die Texte nicht so lange zurechtbiegen, bis sie in die Welt des 21. Jahrhunderts passen.

Der Teufel, die Dämonen, das Böse: Sie sind für den Menschen der Bibel Realität. So wird die Frage nach dem Teufel die Frage nach Gott. In einem Klassiker der Filmgeschichte, dem „Namen der Rose“, werden Morde begangen, um das Buch über die Komödie des Aristoteles dem Zugang des Publikums zu entziehen. Denn: Wer lacht, hat keine Furcht mehr. „Ohne Furcht“, so sagt der Mörder, ein greiser, blinder Mönch, am Ende des Filmes, „gibt es keinen Glauben. Denn ohne Furcht vor dem Teufel gibt es keinen Grund mehr, an Gott zu glauben.“ Worüber haben Sie zuletzt herzhaft gelacht?

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