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Bob Marleys Erlösung

Von | 10.04.2011, 17:52 | 4 Kommentare

Vor 30 Jahren starb Bob Marley. Im Bewusstsein des nahen Todes schrieb er sein Lied der Erlösung – von Sklaverei, von Atomangst, vom Dasein.

Marley in Zürich 1980 by Ueli Frey, Lizenz: CC BY-SA 3.0

Genau genommen braucht es noch einen Monat, bis Bob Marley – am 11.5.1981 – vor 30 Jahren starb. Nur wird er da schon lange in den Klauen der „Maschine“ sein, die ihn laut Musik-Autor Dave Thompson (Buch: Reggae and Caribbean Music) so „horrend entmannte, das Ghetto-kid, das von Che Guevara und den Black Panthers träumte und dessen Helden James Brown und Muhammad Ali waren“ links liegen ließ und durch einen „gutherzig lächelnden Marley (ersetzte), mit Sonnenschein und Palme im Hintergrund und einer Reihe von Hits, die aus dem höflichen Radio tröpfeln wie Zuckerl aus einem Zuckerlautomaten.“

Diese Maschine weiß, wie wundersam so ein toter Popstar aus allen Öffnungen Geld erbricht, es wird ein „neues“ Marley-Album rauskommen, es wird ein Marley-Buch erscheinen (Bob Marley & the Golden Age of Reggae, Titan-Verlag), es soll ein Marley-Film (Regie: Jonathan Demme) auf die Leinwand geraten. Und Marley war nicht nur ein Popstar, er war der erste Pop-Superstar der Dritten Welt.

Nicht dass der leibliche Marley davon je Wind bekam. Er bekam nicht mehr mit, dass sein posthum veröffentlichtes Compilations-Album „Legend“ (1984) sich 25 Millionen mal verkaufen sollte und in England bis heute den Rekord der Wochen auf Platz 1 hält, dass Time Magazine 1999 sein Album „Exodus“ zum größten Album des 20. Jahrhunderts ausrufen sollte, dass er Inhaber eines Grammy-Awards für sein Lebenswerk ist, dass es in New York einen Bob Marley Boulevard gibt, dass ihn der Katholische Klerus liebt (wie ich hier mal ausführte), die australischen Aborigines alljährlich in Sydneys Victoria Park eine „heilige Flamme“ für ihn entfachen, die amerikanischen Hopi-Indianer ihn als die Erfüllung einer alten Prophezeiung betrachten und er für viele Menschen im Nepal der wiedergeborene Hindu-Gott Vishnu ist, eine Manifestation des Höchsten. Insofern erinnert er ein wenig an Jesus – allzu früh aus dem Leben gerissen, als Toter unsterblich.

Ist Marley heute noch wesentlich? Die Antwort ist positiv, ein besserer Soundtrack für die Befreiungsbewegungen in den nordafrikanischen Ländern muss erst erfunden werden, der asoziale Pop der Gegenwart – „vom Wir zum Ich, vom Unser zum Mein“ – macht es ihm natürlich nicht schwer. Aber selbst für unsere von akuter Atomangst gepeinigten mitteleuropäischen Seelen hat er Lieder geschrieben, die so klingen, als wär die Tinte zu den Noten noch nicht trocken. Wie wärs damit:

„Emancipate yourselves from mental slavery

None but ourselves can free our minds

Have no fear for atomic energy

‚Cause none of them can stop the time“

 

Also: Erheb dich über die Sklaverei des Gemüts. Scheiß dich nicht an vor der Atomenergie. Das Lied dazu heißt natürlich „Redemption Song“ und hat tatsächlich 31 Jahre auf der Rille (damals gabs ja nur Vynil). Für mich persönlich ist in diesen paar Zeilen mehr nützliche Weisheit als viele Gescheite heute zum Thema beisteuern, kein Wunder, er schrieb das Lied von der „Erlösung“ (= Redemption) im Bewusstsein seines nahen Todes, da gestattet es der Herr den Seinen, noch einmal anständig Gas zu geben. Es ist dieses Lied, das global erfolgreich zum Einsatz gelangt, wenn es um Humanität geht, etwa um Hilfe für Haiti. Selbst eine wie Rihanna wird erträglich, wenn sie den Redemption Song singt.

Bob Marleys großes Thema war Sklaverei bzw die Befreiung davon, das hat einerseits mit Wurzelkunde zu tun, er war ein Sprachrohr für die Afrikaner-Amerikaner („Stolen from Africa, brought to America“). Andererseits hat ihm die Schöpfung ein abgehobeneres persönliches Ei gelegt. Nesta Robert Marley, geboren am 6.2.1945, war der Sohn der Afro-Jamaikanerin Cedella Booker (damals 18) und des (weißen) englischen Offiziers Norval Sinclair Marley (damals 50). Bob Marley war ein sogenannter „Half-caste“, ein Halbblut, und bekam daher die rassistische Scheiße von beiden Seiten serviert. (Berühmt: Als Marley 1973 mit seiner Band the Wailers die Vorgruppe für Sly & the Family Stone – damals der erfolgreichste schwarze Act – gab, wurden die Wailers nach vier Shows gefeuert, weil sie mehr Applaus erhielten als der alte Sly).

Aber Marley erhob sich darüber. Das begann mit Introspektion („Ich habe kein Vorurteil gegen mich“), die hatte eine logische Konsequenz („Me dont dip on nobody´s side, not the black man´s side nor the white man´s side“). So machte er sich auf den Weg aus der Sklaverei, und er wählte die spirituelle Route. Das heißt, er entledigte sich des inneren Sklaven (siehe Strophe oben), nur so wirst du frei genug, sang er, auf das „Recht jedes Menschen (zu pochen), sein eigenes Schicksal zu bestimmen.“

Letzteren Satz äußerte er übrigens 1980 in Harare anlässlich eines Konzerts zur Feier der Unabhängigkeit von Zimbabwe. Der starke Mann hieß damals Robert Mugabe, so heißt er noch immer, und damals sagte er noch persönlich zu ihm: „Bald werden wir herausfinden, wer der wirkliche Revolutionär ist.“ Könnte von heute stammen.

Die Inspiration zu Marleys poetischem Befreiungsmarsch kam von den Alten Schriften, die ist bekanntlich reich an einschlägigem Material, Moses´ volksbefreiender Auszug aus Ägypten ist ja der Big Daddy des Genres. Und wie Moses erkor sich auch Marley einen Allmächtigen, so ist das in der Spiritualität, du brauchst Licht, um den Weg zu finden. Mit Religiosität, wie wir sie anzudenken gewohnt sind, hat das wenig zu tun. Es ist vielmehr ein nützliches psychologisches Tool, insbesondere wenn es darum geht, die Ängste in dir loszuwerden. Da kann der persönliche Zweck die spirituellen Mittel heiligen.

Marleys Gott hieß Ras Tafari, das war jener äthiopische Regent Haile Selassie I, dessen Brandrede gegen Faschismus und chemische Waffen 1936 das US-Magazin Time veranlasste, ihn zum Mann des Jahres auszurufen. Eine sehr irdische Figur also, und wenn Marley auf seinen Gott angesprochen wurde, gab er sich im Detail eher einsilbig („What ya want? A white god? Well, God come black!“).

Die Kultur der Rastafari-Bewegung ist ein Schlüsselelement von Reggae, die Nahrung vegetarisch, die Haare wichtig, das Sakrament Marijuana, nichts Ungewöhnliches, auch das Salböl jüdischer Priester bestand mal zu 60% aus Cannabis-Harz. Und natürlich bevölkern Rastafarians heute eine ausschließlich spirituelle Landschaft. Aber es gibt im „versprochenen Land“ noch immer einen geografischen Ort, der ihnen Mekka sein könnte, nur ist er vor die Hunde gegangen.

Solomon Pools, lifeintheholyland.com

Im Bild links sehen Sie die Solomon Pools, ein paar große Wasserbecken unweit von Bethlehem, seinerzeit das größte Wasser-Reservoir Nordafrikas, ein „Brunnen, der nie versiegt“, wie es blumig hieß. Bauen ließ diese Becken König Salomo (nur zwei, das dritte wurde später von den Osmanen errichtet), der hatte dort seine Sommerresidenz, und es ranken sich viele Legenden um die Pools. Zum Beispiel, dass es jene Residenz bei den Solomon Pools war, wo Salomo Königin Makeda von Axum schwängerte, in den Alten Schriften auch als Königin von Sheba geläufig. Und so entstand das Haus, aus dem Haile Selassie kam. Dessen Stammbaum kann zwar „nur“ bis ins 13. Jahrhundert zurück verfolgt werden, die Tradition beharrt aber darauf, dass er aus dem Samen Salomos entstammt, so wie Jesus – demnach sein Blutsverwandter – aus dem Hause David.

Weiters wurde einer der beiden Pools der „Brunnen der Wiederkehr“ genannt – warfst du eine Münze hinein, kamst du mal wieder. Tourismus ist also keine Erfindung der Neuzeit, aber offiziell soll dies soll im Andenken an Josef geschehen sein, biblischer Sohn des Jakob, dessen Brüder ihn an Händler verkauften, die ihn nach Ägypten brachten.

Jakob hatte bekanntlich zwölf Söhne, das sind die Zwölf Stämme, für Rastafarians repräsentiert jeder Stamm einen Monat des Jahres, als Februar-Geborener affiliierte sich Marley mit Josef. Und so ergibt sich die Frage, warum die Solomon Pools heute nicht eine Kultstätte sondern in der Tat eine trostlose Brachlandschaft sind, voll mit Müll und sogar verrosteten Autos. Die Antwort reflektiert das Israel der Gegenwart. Man sagt zwar in Bethlehem, die Brunnen seien leer, seit dort vor einem viertel Jahrhundert ein Bub beim Schwimmen ertrank, aber wahr ist auch, dass Israel heute nur dem David huldigt und den Salomo ignoriert, David war ein Auge-um-Auge-Mann des Schwerts, Salomo ein blutunrünstiger Liebemacher, der es noch dazu mit Heidinnen trieb. Ein globales Malheur. Das Schwert – Tool der Gewalt, Tool der Ängstlichen – ist das dominante Tool.

Im Redemption Song widmete Marley die erste Strophe dem Josef, das hat seine Logik, wenn du in der Grube liegst und als Sklave verschachert wirst, wenn du dann zur rechten Hand des Pharao aufsteigst, wenn sowas also in der Tat möglich ist, dann sollte es kaum was geben, das unmöglich wäre. Und alles was du brauchst ist ein erster Schritt, es zählt immer nur der nächste Schritt und es beginnt mit der Freiheit von der „mental slavery“, von deinen Ängsten, Atomangst inklusive. (Willst du Atomkraft loswerden, werde erst mal deine Angst davor los).

 

irreverendos.com

Der Krebs, der damals in Marley schon im fortgeschrittenen Stadium wucherte, war eine rare Form des Hautkrebses, ausgehend von einem Acral Lentigo Melanom. Marley hatte den kleinen linsenförmigen Flecken an seiner Zehe bereits drei Jahre zuvor entdeckt, nachdem er sich dort bei einem Fußballspiel verletzt hatte. Seine letzten Worte waren „money can´t buy you love“. Kitschig, nicht wahr? Aber fiele Ihnen was Besseres ein?

4 Kommentare »

  • saxo lady sagt:

    hm. ich frage mich, was die 100.000 wohl dazu sagen, die wegen der strahlung nicht mehr in ihre häuser zurück können und in eine schnell hochgezogene gartenstadt übersiedeln sollen….???

    • Frater Gladius sagt:

      „Watashi wa bioki desu?“

      • saxo lady sagt:

        ja, das sind wir wohl alle in diesem sinne: Ich bin nicht die WeltIch bin nicht JapanIch bin nicht der Weg den Japan gehtund dochbin ichauch Teil von dieser Welt und diese Welt ist Teil von mirIch binauch Teil des Weges dieser Welt und der Weg der Welt ist Teil von mirUnd so bin auch ichTeil von Japan und auch Japan ist Teil von mirund was so Teil von mir istdas bin ich auch selbstIch bin JapanIch bin diese Welt

  • mare sagt:

    hätte bob marley sehr gut gefallen! wie heißt es, tot bist erst, wenn sich niemand mehr deiner erinnert;-)

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