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Log-Stoff: Tag 3 (Montego Bay – Jamaica)

Von | 10.04.2011, 8:00 | Kein Kommentar

Irgendwo in der Karibik leben? Meinetwegen. Aber dann nur auf Jamaica. Selten wurde ich so formvollendet abgezockt. But hey – no problem!

Irgendwo in der Karibik leben? Meinetwegen. Aber dann nur auf Jamaica. Selten wurde ich so formvollendet abgezockt. But hey – no problem!

Jamaica. Unfassbare Farben. Der Himmel. Das Wasser. Die Strände. So stellen wir uns daheim die Karibik vor. Also auf, zum ersten Landgang. Wir haben keinen der Landausflüge gebucht, sondern wollen auf eigene Faust was unternehmen. Und zwar einen Hut kaufen. Schwimmen gehen. Und ins „Pork Pit“ essen gehen. Die mittlerweile ebenfalls angereisten Soblicseks sehen das ähnlich.

An der Gangway schmeißt sich der erste Rastafari fürs Erinnerungsfoto an uns heran. Wurde von der Reederei gemietet. Für fünf Dollar können wir dann mit einem der kleinen Busse, die die Ausflügler herumkutschieren, mitfahren. Auf der Fahrt bringt uns Darlin, die einheimische Führerin, Jamaica-Sprech bei: Statt „yes“ sagt man hier „yeah man“, was sich anhört wie „jamman“. Standardantwort zwei lautet „no problem“. Den Rest habe ich vergessen, ich war zu beschäftigt mit Schauen. Es muss das karibische Selbstbewusst sein, das Frauen jeglichen Alters und Körperfülle zu klitzekleinen T-Shirt-Hängerchen greifen lässt…

Im Zentrum von Montego Bay kübelt uns der Fahrer raus. Wir verabreden eine Abholung in fünf Stunden beim Pork Pit. Für fünf Dollar. Dann stratzen wir los. Bekommen auf fünf Metern zehn Angebote, einige drehen sich sogar um Ausflugsfahrten. Das Ziel? Egal! Der Preis? Five Dollars, man. Aber ich will einen Hut. Und was trinken. Und sitzen und schauen. Eine wirklich korpulente Insulanerin frägt mich, was ich denn suche. „A hat.“ „No problem“, meint sie. „I’m Brenda, I’ve hats for you. Come with me.“ Und ich folge.

Vorne schlappt also Brenda, dahinter ich, dann die Soblicseks (auch sie auch Hutjagd), zuletzt der Mann. Trotz seiner sporadischen Probleme mit mir hat er sich an mich gewöhnt und will aufpassen, dass man mich nicht einfach bei einem Vodoo-Ritual in Brendas Hinterzimmer opfert. Die Angst war aber völlig unbegründet. Brenda will nicht mein Blut, sondern mein Geld. Sie bringt uns zu einer Ansammlung kleiner Hütten, die sich als Markt entpuppen. Alle verkaufen eine wirre Mischung aus Kunsthandwerk, Tand und Trash. So auch Brenda. Sie hat tatsächlich Hüte, allerdings keinen, der mir gefällt. Dafür kaufe ich ihr einen Fächer ab. Kann man auch immer brauchen – besonders in diesem Klima. Der Mann findet an einem anderen Stand einen Hut, der Crocodile Dundee zur Ehre gereicht hätte. Wird also gekauft. Soblicseks haben auch zugeschlagen und sehen aus, wie die Zweitbesetzung von „unser Mann in Havanna“. Fesch halt. Wir begießen die Einkäufe mit lokalem Bier (Red Stripe) vor einer Wellblechhütte, die auch Café ist. Und Bar. Und Restaurant. Und Geldwechselstube. Und auch ein bisschen Coffeeshop. No problem.

Soblicseks wollen ans Wasser. Ich will zum Pork Pit. Beides liegt am „hip strip“ und lässt sich prima verbinden. Mr. Soblicsek hat auch gar keinen Bock mehr weiter zu gehen und lässt sich auf Preisverhandlungen mit einem Taxler ein. Der Fahrer ist bereit, uns für fünf Dollar (pro Person, natürlich) zum Pork Pit zu bringen. Wir steigen also ein, er dreht um, fährt 100 Meter und bleibt vor dem Pork Pit stehen. „Grmpf“, sagt der Mann. „Grmpf“, sagt auch Mr. Soblicsek. Und überzeugt den Fahrer, uns doch gleich weiter zum Doctor’s Beach zu bringen. Ohne Aufpreis. Der Rest ist Wohlfühlen. Und planschen. Und den Hüten hinterherrennen. Und die Zehen im Sand vergraben.

Danach geht’s endlich ins „Pork Pit“, Jamaicas place to be, wenn man jerk essen will. Für nur fünf Dollar bringt uns ein Taxifahrer hin und beglückwünscht uns zu unserer Wahl: „The best jerk chicken in town. That’s our culture, yeah man!“ Von außen sieht das Restaurant aus, als wäre es zur Renovierung geschlossen. Ist es aber gar nicht. Man kriegt gutes Bier, Plastikgabeln und ein Tablett für die Beilagen. Diese werden formschön in Schaumstoff-Näpfen serviert – ebenso wie das Fleisch. Wir nehmen in Kokosmilch gekochten Reis mit Bohnen. Und jerk sausages, jerk chicken und jerk pork. Dazu gibt’s eine rote und eine grüne Sauce. Dann weinen wir alle ein bisschen. Vor Glück. Weil es so gut ist. Und auch, weil es so scharf ist. Denn jerk ist eine unfassbar scharfe Marinade, in der Fleisch, Fisch, Shrimps, Huhn – you name it – eingelegt wird. Und dann auf riesigen Rosten gegrillt wird, bis es so aussieht, als sei es schon zwei Tage zu lange drauf gelegen und sollte eher entsorgt werden. Nebbich! Die Jamaican hacken das dann mit einem Beil in mundgerechte Stücke, kübeln es in diese Schaumstoff-Teile und essen es. Manche mit den Fingern, manche mit Plastikgabeln und manche mit Blechlöffeln, die sie elegant aus einer Hosentasche ziehen. Außer uns hat aber niemand beim Essen geweint. Als wir wieder halbwegs atmen können, kaufen wir einige Flaschen der roten und grünen Soße. Yeah man!

Immerhin habe ich auf Jamaica einiges gelernt. Zum Beispiel das: Rote Soße ist schärfer als grüne. Und es kursiert verdammt viel Falschgeld auf der Insel. Hauptsächlich 5-Dollar-Noten. Aber no problem. Mit fünf Dollar gehört dir die Welt. Zumindest auf Jamaica.

Und es wird scharf gewesen sein. Schön übrigens auch.

Foto: Scott Anderson, Lizenz: CC BY 2.0

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