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Blog aus Bagdad 01. Neulich sanft gelandet.

Von | 30.03.2009, 7:54 | Ein Kommentar

Bagdad ist eine Stadt, die ihre Gefahren aus der Luft ankündigt. Du bist noch 20 Minuten davon entfernt, deinen Fuß auf den Teer des Internationalen Flughafens zu setzen. Aber du weißt, dass irgendwas nicht stimmt. Der Pilot kündigt die Landung an, du schnallst den Sicherheitsgurt enger und ein Übelkeit erregender Abstieg beginnt. Das ist notwendig, […]

Bagdad Now

Bagdad ist eine Stadt, die ihre Gefahren aus der Luft ankündigt. Du bist noch 20 Minuten davon entfernt, deinen Fuß auf den Teer des Internationalen Flughafens zu setzen. Aber du weißt, dass irgendwas nicht stimmt.
Der Pilot kündigt die Landung an, du schnallst den Sicherheitsgurt enger und ein Übelkeit erregender Abstieg beginnt. Das ist notwendig, um innerhalb der engen Sicherheitszonen rund um den Flughafen zu bleiben. Du bist noch nicht unten, aber du weißt, dass dich irgendwer umbringen will. So ist das, im Normalfall.
Wenn also nach Ankündigung des Piloten eine sanfte Landung folgt, dann weißt du, dass sich etwas Grundlegendes geändert hat. Das war das erste gute Omen, das meine Eltern und mich begrüßte, als wir nach zweijähriger Pause wieder in den Irak zurück kehrten.
Wir hatten Bagdad verlassen, ohne zu wissen, wie lange wir fernbleiben würden. Es gibt ein Limit an Angst, Trauer und Tod, mit dem du fertig wirst, ehe du beschließt, deine Sachen zu packen und abzuhauen.
Die Gewalt, die uns umgab, hatte viele Namen – ethnische, religiöse oder auch beliebige. Was immer es war, es hatte die Stadt, in der ich aufwuchs, verändert. Ich kannte sie nicht mehr. Hunderte Menschen starben täglich durch Suizidbomben. Die ganze Nachbarschaft war von riesigen Betonmauern umgeben, es gab nur einen Eingang und einen Ausgang, es war wie im Gefängnis. Wir vermieden Märkte und emsige Straßen und Menschenmassen, weil das Ziele waren. Um 2007 hatten über fünf Millionen Iraker ihre Häuser verlassen. Wir hatten keinen Magen mehr für die Gewalt.
Immer mehr Landsleute kehren heute zurück, zögernd, mit einem Fuß in der Tür, sollte eine schnelle Flucht notwendig sein. Was sie antreffen, wird sie überraschen, so wie es mich überraschte, als ich durch die Straßen spazierte. Früher hätte ich mir das nicht erlaubt. Aber jetzt fühlt es sich an, als hätte sich was geändert im Irak. Das soll nicht heißen, dass Bagdad wieder eine normale Stadt ist. Sie ist weit entfernt davon. Sie ist noch immer eine Stadt mit zertrümmerten Mauern.
Es gibt mehr Checkpoints denn je, aber heute sind es Iraker, die dort stehen. Wenn du eine Brücke überqueren willst, gibt es an beiden Enden einen Checkpoint und in der Mitte stehen zwei Soldaten.
In vielen Vierteln herrscht noch immer das Ein-Eingang-Ein-Ausgang-System, dein Auto wird durchsucht und du musst aussteigen und wirst abgeklopft. Das schafft gewaltige Verkehrsstaus und du brauchst Stunden, bis du dein Haus erreichst. Aber es funktioniert. Die Leute murren zwar, aber weil die beliebigen Gewaltakte eindeutig abgenommen haben, regt sich niemand über die Verzögerungen auf.
Die liebliche Abu Nawas Straße, die den Tigris mit seinen vielen Gärten und Teehäusern entlang läuft, ist auch wieder geöffnet. Auch hier gibt es an jedem Ende Checkpoints und die Gärten werden patrouilliert. Aber die Familien, die ihre Kinder hierher zu den neu gebauten Dschungel-Gymnasien zum Spielen bringen, scheint das wenig zu stören.
Die Bürger von Bagdad machen sich aber noch immer Sorgen wegen der Bomben. Vergangenen Freitag wollte ich einen emsigen Markt im Stadtzentrum besuchen, als mich mein Onkel zur Seite nahm. Nicht heute, sagte er, dort ist zuviel los am Freitag. Er hatte recht. Es gab drei Explosionen an jenem Freitag, unweit vom Markt, den ich besuchen wollte.
Die Situation ist noch lange nicht perfekt, und wer Bagdad in den schlimmsten Zeiten nicht miterlebt hat, dem fallen die Veränderungen nicht auf. Aber ich sehe Verkehr auf den Straßen, emsiges Treiben in den Märkten, und ein gewisses Lächeln in den Gesichtern meiner Eltern, das ich lange Zeit nicht gesehen habe, verrät mir, dass die Zeiten sich tatsächlich ändern. Sie werden besser.

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Ein Kommentar »

  • truetigger sagt:

    Bagdad kenn ich nur aus alten Märchen von Kalifen, Großwesiren und Flaschengeistern, als geschichtlich fernes Zweistromland mit Babylon und Gilgamesch, und seit einigen Jahren aus den Nachrichten. Wer ohne arabische Wurzeln in Europa aufwächst hat einen Abstand zu den dortigen Geschehnissen. Bei Berichten von Märkten und Polizeiwachen, auf denen wieder Bomben explodieren, bei der Vorstellung, in einer Region wirtschaftlicher Hoffnungslosigkeit eine Familie durchbringen zu müssen, bei Überlegungen zu Auswegen aus der recht verfahrenen Situation ist es mir jedesmal schleierhaft, wie man dort überhaupt leben kann.

    Jetzt kann ich es anhand Deines Blogs und dieser Kolumne hier nachvollziehen. Bin neugierig auf die nächsten Teile. Weiter so!

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