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Die Reifeprüfung

Von | 03.04.2011, 17:43 | 3 Kommentare

Ein US-Platoon in Afghanistan praktizierte Jahre lang ein makabres Ritual: Erlege einen Zivilisten, ehe du abrüstest.

Afghanischer Mann & Bub by Internews Network, Lizenz: CC BY-NC-SA 2.0

Ein US-Platoon in Afghanistan praktizierte Jahre lang ein makabres Ritual: Erlege einen Zivilisten, ehe du abrüstest.

Es gibt wenige muslimische Begriffe, die bei uns ein nachhaltig positives Echo erzeugen können. „Hadschi“ ist so einer. Bekanntlich ist ein Hadschi ein Muslim, der die Pilgerfahrt nach Mekka erfolgreich absolviert hat, aber ich meine hier nicht den allgemeinen sondern einen bestimmten Hadschi, ich meine Hadschi Halef Omar.

Ich muss hier wohl etwas mehr ins Detail gehen, welcher junge Mensch kennt heute schon Hadschi Halef Omar? Heute ist ja alles Harry Potter und so weiter, du musst vermutlich weit über vierzig sein und noch dazu am Land geboren, um dir aus Hadschi Halef einen Reim zu machen, dann hast du sicher Karl May gelesen und dann kennst du auch den ganzen Halef, nämlich Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawuhd al Gossarah. Ja, auch der Vater und der Großvater von Halef waren in Mekka.

Halef ist eine der populärsten Figuren von Herrn May, weder die Darstellung von Ralf Wolter noch die Songveräppelung durch Dschingis Khan konnten ihn umbringen, Halef war der listige Wegbegleiter des großen Kara Ben Nemsi, den er Sidi nannte, er war ein Schlitzohr reinsten Wassers, der so Dinge wie „Hamdidullah“ sagte, wenn er nicht mehr weiter wusste. Und vor allem war er ein Hadschi. Ein Ehrenmann.

Wenn du ein US-Soldat bist und irgendwo im Nahen oder Mittleren Osten ein muslimisches Land umackerst, verlieren sich solche Dinge natürlich bald im Sand. Vor 30 Jahren, als sich die Afghanen noch gegen die Russen wehrten, hatten sie als „Mudschaheddin“ einen guten Namen, heute sind sie Taliban und böse, obwohl sie keine anderen sind. Individuell gesehen setzte sich seit dem Irak-Disaster der Begriff „Towelheads“ (Handtuchköpfe) durch, das wurde im Rahmen einer politischen Korrektur aber abgedreht. Ein Ami-Soldat, der heute aus welchen Gründen auch immer noch in Afghanistan im Einsatz ist, nennt seinen Towelhead daher nun „Hadschi“ und der Umstand, dass der Hadschi für ihn nichts anderes ist als der Towelhead von vorher, nämlich das absolut Letzte, tut nichts zur Sache.

In der aktuellen Ausgabe des US-Magazins Rolling Stone befindet sich neben der üblichen Ware (Beatles, Britney, Bieber) eine Story des Titels „The Kill Team“, die binnen weniger Tage via Facebook fast 30 000 mal weiter empfohlen wurde. Ein spannender Lesestoff, der nicht durch die sonst übliche versehentliche Tötung von hundert anonymen Unschuldigen sondern die bewusste rituelle Ermordung einzelner Zivilisten die obligate Gänsehaut erzeugte.

Die Probleme dieser US-Soldaten sind die seit Vietnam traditionellen: Sie sind gerade mal im Xbox-Alter, sie werden in ein Land geflogen, in dem sie nichts verloren haben, um dort die Bösen zu besiegen, die sie nirgendwo antreffen, die Zeit vergeht mit Langeweile und dem Entschärfen primitiver Bomben sowie dem Entsorgen von Körperteilen, die dabei drauf gehen. US-Talkmaster Bill Maher hat dies mal so umrissen: „In einem Jahr werden die Truppen dann abgezogen und nichts wird sich geändert haben. Wie machst du das einem Soldaten verständlich? Wie erklärst du ihm, dass er sich bis dahin noch ein wenig töten lassen soll?“

In einem Platoon der berüchtigten „Bravo Company“ wurde – quasi im Ausgleichsverfahren – ein besonderes Ritual etabliert: Irgendwann war es für jeden dieser oft nicht einmal 20jährigen Privates „time to kill a haji“.

Zum Beispiel einen 15jährigen Bauernbuben namens Gul Mudin. Der stand eines Tages am Wegesrand, zwei Privates winkten ihn heran, warfen eine Granate vor seine Beine und zersiebten ihn. Die Granate war notwendig, im Bericht vom „Kill“ war sie plötzlich in den Händen des Buben, die Tötung also offiziell Notwehr.

Abschließend wurde dem Buben noch ein kleiner Finger abgeschnitten, eine Trophäe für die Killer. Und das war also die Reifeprüfung. Du brauchtest einen Finger, ehe die Zeit der Abrüstung kam, sonst warst du kein Dude.

Im Endeffekt erwies sich die Trophäe als verräterisch, im Lauf der Zeit häuften sich ganz einfach zu viele dieser kleinen Finger – von minderjährigen Buben bis hin zu Greisen – und irgendwann geriet die Kunde vom Ritual auch an einen Vorgesetzten, der nicht mehr – wie die überwältigende Mehrheit der Offiziere – wegblicken wollte. Das war vor einem Jahr. Vor zwei Wochen wurde ein gewisser Jeremy Morlock (21) als erster der Hadschi-Killer verurteilt.

Das ist noch lange nicht alles, aber ehrlich gesagt bin ich all der Gemetzel und Katastrophen der jüngeren Vergangenheit schon schwer überdrüssig, wer mehr wissen will, dem sei die Rolling Stone-Story wärmstens empfohlen, obwohl, tatsächlich ist sie immer die gleiche, von Oliver Stones Platoon bis Valley of Elah mit Tommy Lee Jones.

Im übrigen bin ich gegen die Nichtflugzone der „westlichen Allianz“ über Libyen, Franzosen und Briten killen zu viele unschuldige Zivilisten, die sie eigentlich beschützen wollten und denen es nun mal scheißegal ist, ob sie „versehentlich“ ums Leben gekommen sind oder nicht, überhaupt kann es nie eine Lösung sein, Gewalt mit Gewalt zu kontern, Gandhi hatte recht, die Strategie „Auge um Auge“ kann nur zu Blindheit führen. Ein Pastor im US-Hinterwald verbrennt den Koran, Muslims in Afghanistan enthaupten UNO-Beamte, die Welt ist im Chaos. Hamdidullah, liebe Leute.

3 Kommentare »

  • saxo lady sagt:

    Sch….. verdammte.

    • Frater Gladius sagt:

      Es ist a bissi viel dieser Tage, nicht wahr, saxo? Langsam beginne ich sogar den Dichand zu verstehen. Immer wenn die Lage allzu stank, schickte er die Clarissa ins Feld und sie fotografierte Gänseblümchen, die dann aufs Cover kamen. Und du wusstest: Irgendwo im Kleinformatinneren wird es noch übler als üblich …

      • saxo lady sagt:

        dabei wollte ich eigentlich schreiben, dass man nicht seehr viel älter als 40 sein muss, um den hadschi zu lieben.
        ist mir gründlich vergangen. warum…himmelarschundzwirn…will mir die ganze welt jeden tag beweisen, dass mein optimismus fehl am platz ist?????

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