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Zum Beispiel: Reichtum

Von | 26.02.2008, 10:32 | Ein Kommentar

Wenn dieser Tage schon alle vom asozialen Gebaren reicher Menschen reden, muss ich sagen: All die Dinge, die Reiche so besitzen, hätte ich schon gerne. Nur abgesehen von den Autos. Die möchte ich auch als Reicher nicht interessant finden müssen, aber das ist nur das geringere Problem. Das größere ist, dass Reichtum derzeit einen recht […]

reich3Wenn dieser Tage schon alle vom asozialen Gebaren reicher Menschen reden, muss ich sagen: All die Dinge, die Reiche so besitzen, hätte ich schon gerne. Nur abgesehen von den Autos. Die möchte ich auch als Reicher nicht interessant finden müssen, aber das ist nur das geringere Problem.
Das größere ist, dass Reichtum derzeit einen recht schlechten Ruf hat. Reiche stehen zum Beispiel unter dem Generalverdacht, dass sie absichtlich weniger Steuern zahlen als vorgesehen, weil sie ihr Geld in Liechtenstein oder sonstwo bunkern. Sie gehören zu den wenigen, denen fast alles gehört. Sie sind gierig. Sie sind – sagen wir doch, wie es ist – Verbrecher. Oder, wie es wohl einer hinrülpst, der die Abhandlungen diverser Boulevardblätter zum Thema liest, ohne lange darüber zu sinnieren: einfach scheiß reiche Arschlöcher.

Das ist natürlich Blödsinn. Es gibt auch Reiche, die wirklich nett zu ihrer Umwelt sind. Bill Gates zum Beispiel geht in Pension, wenn es noch nicht zu spät ist und vermacht 7,5 Milliarden Dollar seiner gemeinnützigen Stiftung. Cooler Typ. Dass er sein Vermögen damit erwirtschaftet hat, minderwertige Software zu überhöhten Preisen zu verkaufen, wollen wir ihm in diesem Zusammenhang einmal nachsehen.
Oder Barron Hilton. Ist 80 und hat laut Forbes ein Privatvermögen von 2,3 Milliarden Dollar. Seine Enkelin, die Hüpfdohle Paris Hilton, kriegt davon fast nichts, denn auch hier werden nach Großvaters Tod 97 Prozent des Vermögens in eine gemeinnützige Stiftung wandern. Nur um den kargen Rest darf sich die gierige Verwandtschaft balgen.
Wären diese beiden Deutsche oder Österreicher, hätten sie viel zu erklären. Wer so viel zu verschenken hat, muss einfach so viel haben, dass es nicht mit ganz rechten Dingen zu tun haben kann. Daher: Auftritt Neid. Hat der eine eklatant weniger als der andere, kann der Arme leichter damit leben, wenn er den Reichen als zünftiges Arschloch abtun kann.

 

reich2Irgendwo stand kürzlich ganz schlüssig erklärt, warum einem Reichen nicht viel anderes übrig bleibt, als sich allein oder unter seinesgleichen abzuschotten. Ich weiß leider nicht mehr wo, und entschuldige mich hiermit gleich für das Plagiat. Der Gedanke geht jedenfalls so: Der Neid der anderen zwinge den Reichen automatisch dazu, eigene Eliten und Netzwerke zu bilden, die dann wiederum für noch mehr Geld innerhalb ihrer Zirkel sorgen. Man kann sich das dann wohl so vorstellen, dass im Golfclub bei Schampus über die Frage Liechtenstein versus Kayman Islands parliert wird. Oder Vorzüge und Nachteile des Privatjets. Oder die Schwierigkeiten, verlässliches Personal für die vielen Immobilien zu finden. Lauter Sachen, die – mit den Augen des Außenstehenden besehen – degeneriert klingen, für die drinnen aber Probleme des Alltags sind, Mitleid von außen selbstverständlich völlig ausgeschlossen.

Blöd nur, dass die reiche Minderheit der Gesellschaft eigentlich die Verpflichtung spüren sollte, der armen Mehrheit irgendwie etwas davon zukommen zu lassen. Siehe Gates, Hilton und die vielen anderen Beispiele aus dem angloamerikanischen Raum. Doch wie sagt der Vermögensforscher Thomas Druyen hier so eindeutig auf die Frage nach den Auswirkungen des in unseren Breiten grassierenden Denunziantentums in Sachen Steuer und sonstiger Eliten-Vergehen: Es regiere ab sofort der Geist des Neides, der Habgier und der Dummheit.
Neid aus schon erläuterten Gründen. Habgier, weil es beim Geld keine Sättigung gibt. Dummheit, weil der Boulevard sich mit Begeisterung auf die „scheiß Reichen“ stürzt, die seine Kunden in ihren unterbezahlten Jobs so gerne fallen sähen.
Und noch einmal Dummheit, weil jeder weiß, dass es wohl sehr schön ist reich zu sein. Jetzt einmal abgesehen von den Autos – und auch davon, dass es in diesem Zusammenhang Momente gibt, seine Dogmen zu überdenken …

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Ein Kommentar »

  • Thomas Druyen ist der Auffassung, dass wir in Zukunft ein neues Verhältnis zu den Vermögenden brauchen, weil ohne sie keine zukunftsfähige Gesellschaft mehr denkbar ist (vgl. sein aktuelles Buch „Goldkinder“). Es soll eine neue Kultur des Miteinanders entstehen, in der sich die Vermögenden in Bereiche einbringen, aus denen sich der Staat immer mehr zurückzieht. Die Normalbürger andererseit sollen ihr Verhältnis zu den Vermögenden, welches häufig durch Skepsis oder Neid gekennzeichnet ist, normalisieren.

    Druyen unterscheidet in seine Analyse zwischen vermögend und (neu) reich. Nur vermögende Menschen haben soziale Kompetenz und provozieren ihre Umwelt nicht, indem sie ihr Reichtum oberflächlich zur Schau stellen oder auch Steuern hinterziehen. Eben auf diese vermögenden Reiche kommt es an, diese sollten mit den anderen nicht in einen Topf geworfen werden. Leider erfolgt hier aktuell in den Medien keine Unterscheidung.

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