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Der Berg ruft

Von | 27.03.2011, 18:51 | 3 Kommentare

… aber keiner hört hin. Der Kasberg, eine oberösterreichische Kultstätte, wird dieser Tage verschröcksnadelt.

Es gibt Begriffe, mit denen ich Schwierigkeiten hab. Österreich ist so ein Begriff, der hat was Künstliches, denn tatsächlich ist da der Osten und dort der Westen, die einen sind Flachländler, die anderen haben „den Berg“.

Und dann gibt es noch Oberösterreicher, die sind flach und haben einen Berg. Das Flachland heißt Traun-Enns-Platte und war immer schon so hässlich, dass es nie störte, wenn wieder mal wer eine Lagerhalle hinein baute. Das war schon okay so, denn wenn du in die Freiheit wolltest, gingst du ohnehin auf den Berg.

Welcher Berg das nun war, sortierte sich früher von selbst. Die Linzer und Steyrer hatten Hinterstoder, die anderen hatten die Wahl – zwischen Krippenstein und Kasberg. Mit „früher“ meine ich eine Zeit, als Schilifte und Seilbahnen noch was Besonderes waren. Als du noch den Himmel küsstest, wenn die Alten zum Wochenende mal einen „Zehnerblock“ spendierten.

„Mein“ Berg war und ist der Kasberg. Reiner Zufall, dort führte die Eisenbahn hin, nämlich ins Almtal, dann gabs einen Schlepper, der führte ein paar hundert Meter hinauf.  Heute gibt es natürlich Gondeln und Sessellifte und so weiter.  Der Kasberg ist ein Schigebiet wie viele, wenn auch mit ureigenem Flair: Der Betreiber, der am Kasberg Profit macht, muss erst erfunden werden. Und ich lieb den Berg dafür. Abgesehen von den Gondeln hat sich die Gegend daher nämlich in Jahrzehnten nicht geändert. Deswegen fahren nur die Anrainer hin. Und die Holländer, keine Ahnung warum.

Ich weiß, ich weiß: Es ist Frühling, was soll da eine Winterg´schicht? Ganz einfach. Erstens geht mir heute mindestens eine Stunde ab. Zweitens wird am Kasberg gerade abgerechnet. Eine knifflige Sache heuer, eigentlich hätte gar kein Betrieb sein sollen, weil der Berg pleite ist. Aber dann kam „die G´walt“, so nennen ihn die Grünauer, und schluckte „die Krot“, so nennt er den Kasberg.

Die „G´walt“ heißt mit anderem Namen Peter Schröcksnadel und verzeihen Sie, wenn ich hier auf ignorant mache, mir ist schon klar, dass der Mann seit Jahrhunderten auch Boss des Österreichischen Schiverbandes ist und so manchen Dopingskandal überlebte, weil er ist ja kein Trottel, man wird nicht aus reinem Zufall ein 70-Millionenmann.

 

Aber darum gehts hier nicht. Es geht hier nicht um den ÖSV sondern um den Kasberg und ein wenig auch darum, dass Schröcksnadel ein Tiroler ist. Das heißt einerseits, dass er sich bei Bergen auskennt, andrerseits ist es auch so, dass er in Österreich fast schon jeden Berg besitzt, auf dem ein Lift steht und so abstrahiert sich auch sein Verständnis von Bergen, das Kulturelle geht vollkommen flöten.

Zum Beispiel der Kasberg. Frag einen, der mit dem Kasberg quasi aufgewachsen ist und er ist voll von G´schichtln, über den Almsee, wo es heute noch eine Graugans gibt, die den Konrad Lorenz persönlich kannte, über den besten Leberkas der Welt (in Scharnstein), über die Romantikstraße, über die Sepp Huber-Hütte, insbesondere letztere, die war mal der Inbegriff von Freiheit, als es noch keine Gondel gab und man klettern musste, warst du endlich in der Hütte, konntest du endlich mal ungestört mit deinem Girl fummeln, konnte dich der Rest der Welt kreuzweise. Der Kasberg war Kult, sowas wie Mekka, einmal im Jahr musstest du da hinauf.

Fragst du jetzt Schröcksnadel über den Kasberg, dann fallen ihm gerade mal die „ungünstigen topografischen Strukturen“ ein, und dass die Höss in Hinterstoder gleich viele Lifte wie der Kasberg hat, aber doppelt so viele „Pistenkilometer“ und den dreifachen Umsatz. Das weiß er, weil „der Stoder“ gehört auch ihm und wurde entsprechend verschröcksnadelt – die Bäume gerodet, wo sie störten, ausreichend Beisln in die Talstation gestellt, damit die Touristen auftanken und Hits der Sorte „ich bin ein Döner, denn Döner macht schöner“ mitgrölen konnten. Schließlich wurde noch ein Weltcup-Rennen organisiert, die Preise verdoppelt. Und das ist also verschröcksnadeln.

Heuer ist der Kasberg dran, es wird gerade Bilanz gemacht und „dann entschieden, ob ein langfristiges Engagement sinnvoll ist“, sagte Werner Laimgruber, das ist der Geschäftsführer am Kasberg und Schröcksnadels Mann fürs Grobe, auch „den Stoder“ hatte Laimgruber verschröcksnadelt.

Die Bilanz kann nur mies sein, die Saison war mit Pannen gespickt, selbst in den Semesterferien waren die Parkplätze halb leer. Nur glaub ich nicht, dass den Tiroler das stört. Mit einer saftigen Minusbilanz lässt es sich großartig argumentieren, man kann das Land zur Kasse bitten, man hat die Grünauer auf den Knien, man kann die absurdesten Kahlschlagpläne präsentieren. Vor allem kann man so tun, als hätte man das alles nicht nötig, als sei der Kasberg eine Krot.

Das macht der Tiroler gerade, daher fürchte ich auch, dass er sich den Kasberg nicht entgehen lässt. Weil er vor vielen Jahren genau einmal zu einem verschuldeten Schigebiet nein sagte – Whistler Mountains in Kanada – und ihm heute noch die Tränen kommen, wenn er daran denkt, was er sich da entgehen ließ. Das wird ihm nicht mehr passieren. Und ich fürchte um den Berg. Der Kasberg im oberösterreichischen Almtal braucht keinen Tiroler, der nur in monetären Begriffen denken kann.

Foto: sax

3 Kommentare »

  • Ein Kasbergler sagt:

    Hallo!
    Der Kasberg einst ein Berg für Welser,Linzer. Der Hausberg schlicht weg.
    Mit den Liften ist das aus für diesen Berg gekommen. Die schönen Geschichten dieman in der Hütte bei der Petroleumlampe von den Gästen erzählt wurden.Die herrlichen Liederabende von den Besuchern die das Erlebniß Kasberg erlebt haben,wird es nur mehr in der Erinnerung geben. Danke an den damaligen Hüttenwirt Gust und Frieda der für den Welser Alpenverein unmenschliches geleistet hat,und wie schäbig es im dann der Welser Alpenverein gedankt hat.
    Man könnte ein Buch über diesen Hüttenwirt schreiben und die damaligen lieben Grünauern.

    Danke für die schöne Zeit sie wird nie mehr wieder kommen!

    Ein Kasbergler

  • saxo lady sagt:

    hm
    zugegeben, jazzkellern und piste ging sich eh kaum aus.
    aber wenn, dann kasberg.
    keine guten nachrichten, diese schnröcksnaldeliade. auch wenn meine einzige erinnerung dran eh unzerstörbar ist: ein jugendfreund, der als skilehrer seine holländische frau abschleppte…

  • mare sagt:

    dann hoffen wir mal, dass die schrecksnadel weiterzieht…. ;-)

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