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Natürlich kann sie das: Doris Knecht hat einen Roman geschrieben

Von | 23.03.2011, 11:39 | Ein Kommentar

Das hier ist keine Literaturkritik. Und auch keine Lobhudelei unter Bekannten. Trotzdem steht fest: „Gruber geht“ ist ein saugutes Buch.


Ich kenne sie ja kaum, die Doris Knecht. Wir sind Kolumnennachbarinnen auf der letzten Seite im Wiener Stadtmagazin Falter. Gemeinsam haben wir ein paar Bekannte, es reicht zu einer Partyeinladung alle drei Jahre. Hie und da ein „Gefällt mir“ zu einem witzigen Posting auf Facebook. Telefoniert haben wir noch nie. Ich freue mich, wenn ich sie sehe. Aus.

Trotzdem habe ich das Buch ein wenig vor mir hergeschoben, vorher noch den neuen Arno Geiger gelesen, und dann war da ja noch Franzens „Freiheit“. Wieso eigentlich nicht gleich die Knecht? Weil man sie eben doch ein bisserl kennt. Und ihre Bekannten und Freunde finden es super. Was, wenn‘s aber doch furchtbar ist?

Das hier wird keine Literaturkritik. Das sollen fähigere Menschen machen, Leute die sich auszudrücken wissen in Bezug auf gelungene Figurenentwicklung, gefinkelte dramaturgische Bögen und Wendungen, gelungenen Takt der Ereignisse und metaphysische Elemente als Basis von all dem. Inhaltsangabe wird es auch nicht. Nur so viel: Es geht um einen Arsch, dessen Krebsdiagnose ihn zu einem angreifbareren Arsch macht.

Ich habe es ausgesoffen, Knechts Buch, in einem. Ich lernte den Gruber nicht kennen, diesen aalglatten Koffer, den kannte ich schon, der wurde mir nur neu serviert. Auch seine Schwester, Bruder, Mutter, seine Frauen. Ich hatte den Eindruck, ich treffe da wen wieder.

Dann liest ihm der Aufriss aus Berlin seine Krebsdiagnose vor. Was tut jemand, dem die Endlichkeit schriftlich als Tatsache umgehängt wird? Weil man stirbt nur einmal, echt ehrlich! Kennt man, vielleicht aus eigener Erfahrung oder durch nahe Menschen. Da wachsen aus dem Charakterstamm, gut oder morsch, kleine Ästchen, die Entscheidungen beeinflussen, Wahrnehmungen verändern. Doris Knecht beschreibt das atemberaubend gut.

Die Magie von „Gruber geht“ ist, dass es sich liest, wie man denkt, also ich zumindest. Und andere wohl auch. Gedankenfetzen von Gruber, den Beteiligten, der Geliebten. Der Alltag des eigenen Lebensrhythmus durchwirkt von Kurzzanalysen zu kleinen Geschehnissen. Ohne es zu Ende zu denken oder einen echten Schluss draus zu ziehen.

So geht das, so ist das, so denkt man wohl das Leben. Spannend, witzig, traurig und sehr berührend. Ja, es ist einiges an Sex drin, Gott sei Dank, übrigens. Die auf den Seiten 90/91 kolportierte schönste Liebesszene aller Zeiten ist vermutlich tatsächlich eine der schönsten Liebesszenen aller Zeiten. Zumindest der geschriebenen.

Nach der Lektüre von „Gruber geht“ hat man das Gefühl, man hat etwas erlebt, nein besser noch, was miterlebt. Und es war auch nach ein paar wenigen Seiten egal, mit der  Autorin bekannt zu sein. Mit „Gruber geht“ war ich alleine mit dem Werk, mit der Leseerfahrung – wie mit anderen Büchern auch.

Und genau deswegen wunderte ich mich über diese Kritik in der Presse. Sie ist von jemanden, der unendlich viel gelesen hat und weiß. Karl Markus Gauß findet es über weite Strecken seiner Besprechung schier sensationell, dass Doris Knecht in einem anderen Format als einer Kolumne, mit einem anderem Inhalt als ihrem vermeintlichen Privatleben und in subtilerem Stil als in pointiertem Wortgewitter schreiben kann.

Die Knecht-Kolumnen? Geschmacksache, sicher. Nein, muss man nicht mögen. Aber diesbezüglich könnte man sich auch lockerer machen. Ziemlich sicher, dass Doris Knecht durch genau diese Texte Menschen in der gleichen familiären Situation gelehrt hat, das Leben durch einen satirischen Blickwinkel einen Tick weniger anstrengend zu empfinden.

Ihre Kinder, die berühmten Mimis, um die man sich sorgen soll? Die verinnerlichen wohl vorrangig die Momente, in denen sich ihre Mutter mit ihnen beschäftigt, jene, die nicht geteilt, geschweige denn mitgeteilt werden und die nur ihnen gehören. Deswegen ist den Racheglüsten der Kinder, die Herr Gauß dräuen sieht, vielleicht gelassener entgegenzusehen. Ihr Mann, der Lange ist auch noch da. Also.

Wer meint, Geschriebenes sei 1:1 mit der Person des Autors gleichzusetzen, müsste Hundertschaften von Schriftstellern zur Anzeige bringen oder von der grünen Minna abholen lassen. Ich sage nur Gebrüder Grimm, ah nein, die haben fremdgesammelt, Bert Brecht, Moment, der hat gestohlen. Aber Beispiele für die Klapsefraktion wären die Bronte-Schwestern, Roald Dahl, Chuck Palahniuk. Häfenbeispiele sind Bret Easton Ellis, Arthur Conan Doyle, Agatha Christie. Umbesetzung kann man hier noch diskutieren, alles fließend. Die Bibelsschreiber kämen auch alle nicht in den Himmel, wenn man sich das alte Testament so durchliest. Dort sind sie aber sicher. Und ja, Ausnahmen gibt‘s auch: Wolf Martin oder Jeannée, aber fallen wohl unter „paranormale Phänomene“.

Hierzu passend jetzt noch ein Outing von meiner Seite. Wer rausfindet, wieviel das Dasein als Sexkolumnistin mit der beständigen, konkreten und leibhaftigen Beschäftigung mit Sex zu tun hat, fängt für mich zu weinen an und hört nie wieder auf.

Also, natürlich kann sie das, die Doris Knecht. Sie kann einen Roman schreiben. Schreiben ist eine Kunstform. Schreiben entspringt der Fantasie, hat was mit Intuition zu tun. Und Schreiben ist ein Handwerk, es wird besser durch Übung. Und daher ist einer Frau, die seit Jahrzehnten fast täglich durchaus intelligenten schriftlichen Output liefert, schon zuzutrauen, dass sie variieren kann. Man wird kaum erfahren, was in ihren Kolumnen autobiografisch, Stilschmuck oder schlicht Geschichten-Diebstahl aus anderer Leute Leben ist. Außer man ist Doris Knecht. Und es ist auch wirklich egal. Wichtig ist: „Gruber geht“ ist ein saugutes Buch.

Mehr:
dorisknecht.com
Doris Knecht, „Gruber Geht“, Rowohlt Verlag
Heute Abend live im Literatursalon im Rabenhof

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