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True Dirt! Fukushima Mon Amour

Von | 21.03.2011, 14:56 | Kein Kommentar

Wie ich zu Naturkatastrophen stehe? Ein kompliziertes Thema. Ich bin Spezialist für menschliches Versagen, die Natur ist dabei oft sehr hinderlich. Oder sie wirkt wahre Wunder. Alle paar Wochen bringt mir der Postmann einen Fragebogen von Angel Dust. Andere Leute schreiben Briefe, SMS oder Mails, Angel schickt mir Fragebögen zu. Das mag auf den ersten […]

High-School-Studentinnen aus Fukushima by Brian Adler, Lizenz: Public Domain

Wie ich zu Naturkatastrophen stehe? Ein kompliziertes Thema. Ich bin Spezialist für menschliches Versagen, die Natur ist dabei oft sehr hinderlich.

Oder sie wirkt wahre Wunder. Alle paar Wochen bringt mir der Postmann einen Fragebogen von Angel Dust. Andere Leute schreiben Briefe, SMS oder Mails, Angel schickt mir Fragebögen zu. Das mag auf den ersten Blick unpersönlich aussehen, macht aber schrecklich viel Spaß.

Das letzte Fragebogenpäckchen war eindeutig von den Vorgängen im Fernen Osten inspiriert, Angel schrieb:

Devil, fürchtest du dich eigentlich vor Erdbeben? Macht ein Tsunami auch einem Teufel Angst?

Ja, panische Angst, dachte ich. Ich bin Opportunist, also fürchte ich mich jetzt genau so, wie es sich gehört.

Ins große freie Feld, das immer für die Antwort vorgesehen ist, kritzelte ich allerdings:

Angel, du weißt, dass ich Naturkatastrophen ablehne. Es gehen dabei immer Unmengen an armen Seelen verloren, die man unter kontrollierten Bedingungen besser nutzen kann. Für humane Zwecke, also Zwietracht und Misstrauen, Verrat und Kalkül, Rache und Hass. Für eine amour fou mit anschließendem Eifersuchtsdrama zum Beispiel. Oder für eine gut inszenierte Massenpanik. Da gibt es einen großen Spielraum.

Und Angel schrieb:

Ich kenne dich gut, Devil, aber fühlt du nicht vielleicht doch ein klein wenig mit den Japanern? Ist es nicht schrecklich, was diesem Volk zugestoßen ist?

Und ich kritzelte in das große Feld, das für die Antwort ausgespart war:

Ganz im Gegenteil, ich freue mich für die Japaner! Dieses Volk lebt vor, wie Evolution im Atomzeitalter funktioniert. Die Söhne und Töchter Nippons werden an dieser Katastrophe wachsen, daran besteht kein Zweifel. Ihnen steht eine strahlende Zukunft bevor.

Es ist wahrscheinlich so, dass sich die Japaner selbst als großangelegtes Experiment verstehen, eine andere Erklärung kann ich für den momentanen Super-GAU nicht anbieten. Sie pflastern ihre Inseln mit Atomkraftwerken zu, bauen ein paar davon schlauerweise in Küstennähe (damit sich niemand benachteiligt fühlt?), obwohl sie wissen, dass ein großes Beben sehr wahrscheinlich ist. Das hat schon mal was. Dann vermehren sie sich wie die Karnickel, so ungefähr auf 120 Millionen Stück. Sie bauen eine irre Industrie auf und pflastern die Großstädte mit Wolkenkratzern zu. Genial. Wenn das alles endlich erledigt ist, spielen sie Nintendo, fahren ihre Hondas spazieren, schnuppern an Kirschblüten, schauen alte Samurai-Filme oder gehen der Yakuza zur Hand. Und wenn die Katastrophe kommt, tun sie ein bisschen überrascht, räumen auf und machen sich an den Wiederaufbau. Respekt!

Und Angel schrieb:

Wirst du auch für die Opfer in Japan spenden?

Da musste ich wirklich herzlich lachen:

Nein, das macht schon mein Bruder Charlie für mich. Ein Dollar pro verkauftem Ticket seiner My violent Torpedo of Truth/Defeat is Not An Option-Shows, der Mann weiß, wie man solche Sachen anpackt.

Ich wollte zuerst ein paar Liter böses Blut spenden, aber der Transportweg ist dafür angeblich zu weit. Wenn das Blut in Tokio ankommt, ist es blau oder verdorben oder sowas in der Art. Sagen zumindest die Ärzte. Aber ich bin dafür, dass die Menschen in aller Welt Unmengen an Geld für Japan spenden. Wenn dann nur ein paar von den Dummköpfen in ihrer heilen Welt direkt in die Schuldenfalle schlittern, zahlt sich das schon aus. Ein guter Nährboden für Amokläufe, wir hatten zuletzt erschreckend wenig davon, findest du nicht auch?

Wichtig ist aber auch, dass der Japan-GAU alle anderen Katastrophen in der Welt nachhaltig überstrahlt. Wenn sich jetzt alle großen Spender mit ihrem humanitären Tunnelblick wie verrückt auf Japan stürzen und so läppische G’schichterln wie Haiti oder die Flüchtlingsproblematik in Nordafrika oder den Bürgerkrieg im Kongo oder Asylanten oder den Klimaschutz vorübergehend aus den schreckgeweiteten Augen verlieren, bin ich schon zufrieden.

Das Beste hebt sich Angel immer für den Schluss auf. Die Schlussfrage lautete:

Glaubst du, dass Fukushima als Solarkraftwerk neu aufgebaut werden sollte?

Vor meinem inneren Auge sah ich plötzlich Millionen Japaner, alle mit Geschwüren übersät, wie sie kollektiv ein Sonnenbad nehmen. Kann man Strahlenopfer neu aufladen? Das Internet weiß sowas sicher.

Unbedingt, schrieb ich in das letzte freie Feld. Wenn es nach mir geht, wird in den nächsten Jahren ganz Japan mit Sonnenkollektoren überzogen. Schade finde ich nur, dass die Atomlobby im Westen unter dem japanischen Inferno leiden muss. Das sind ehrenwerte Leute mit sehr netten Familien, die so einen Rückschlag nicht verdient haben. Auch für meine Freundin Angie tut’s mir leid, sie hat sich so für die gute Sache eingesetzt. Frau Merkel wurde ja einmal in einem Artikel neckisch als „Cheerleaderin der Atomlobby“ bezeichnet, das fand ich besonders hübsch.

Deshalb, liebe Angel, möchte ich hier mit einem Zitat von den Rolling Stones schließen: „All the dreams we held so close, seemed to all go up in smoke“. Und du hast es vermutlich schon erraten – ich widme diese Zeilen den arg gebeutelten Anhängern des nuklearen Traums, denn in diesen schweren Tagen sind auch sie auf unsere Unterstützung angewiesen.

Video: Ballade pour Angela

 

 

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