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Angst

Von | 20.03.2011, 19:17 | Ein Kommentar

Angst ist auch eine Energie. Leider löst sie keine Probleme. Sie ersetzt weder Atomkraft noch Öl. Wer braucht sowas?   Das Ding im Bild links ist ein Tomahawk, nicht zu verwechseln mit dem Ding gleichen Namens, das wir von Karl May kennen, das wäre eine Axt, aber der Sinn solcher Dinger erschöpft sich in einem […]

Hokusais Magnified Eye by Eliz.avery, Lizenz: CC BY-NC 2.0, Artwork by Reismann

Angst ist auch eine Energie. Leider löst sie keine Probleme. Sie ersetzt weder Atomkraft noch Öl. Wer braucht sowas?

 

Tomahawk Cruise Missile by wallyg, Lizenz: by-nc-nd/2.0

Das Ding im Bild links ist ein Tomahawk, nicht zu verwechseln mit dem Ding gleichen Namens, das wir von Karl May kennen, das wäre eine Axt, aber der Sinn solcher Dinger erschöpft sich in einem Zweck: Wird es mal ausgegraben, fliegen die Späne.

Gestern Nacht wurde die Tomahawk Cruise Missile ausgepackt und es gibt Sachen, an die ich mich nie gewöhnen werde. Zum Beispiel Politspeak. Wenn Politiker eine „No Fly Zone“ (Nichtflugzone) erklären, schwirren genau dort immer die Raketen, das ist Sprachfrevel.

Aber diesmal ist es unser Wille. Es ist UNO-Beschluss, es ist „der Wille der Internationalen Gemeinschaft, es ist unser Wille (und muss als solcher) durchgesetzt werden“. (Barack Obama). Wir müssen Libyen angreifen, sonst werden die Libyer ermordet, wieder so ein seltsamer Satz.

Übrigens ist es „die erste europäisch geführte Militärintervention jemals“, ergänzt ein Freund im Sozialen Netzwerk, „weder Nato noch Amerikaner leiten den Einsatz, sondern Franzosen, Briten …“ etcetera. Und in der Tat, der erste Schuss kam von einem französischen Flugzeug, es folgte eine Cruise Missile von einem englischen U-Boot, dann kam der Rest – nämlich 110 Tomahawk Cruise Missiles.

Gut 100 dieser 110 Tomahawks wurden übrigens von amerikanischen Stationen abgeschossen, quasi submissiv, das sollte erwähnt sein, die Frage ist aber nicht, wer sich darüber freuen soll, das ist altbekannt.  Die Waffenindustrie muss dieser Tage nicht in den Keller lachen gehn, überall knallt es, endlich auch so richtig in dieser Wüste, so eine Missile kostet 350 000 Euro, macht insgesamt knapp 40 Millionen Euro, das ist nicht übel für eine erste Stunde Aktion in der Nichtflugzone, wie kommen die Waffenbastler eigentlich mit dem Produzieren nach, schier unmenschlich, wie diese Leute schuften müssen.

Inzwischen, im Sozialen Netzwerk, ging es um die Frage, welches Land beim UNO-Beschluss die „verlogenste“ Position bezog, den schwarzen Peter kriegte Deutschland. Weil Deutschland nur Lippenbekenntnisse beisteuerte, nicht aber Flugzeuge. Ich gestehe, ich muss bei dieser Frage passen. Ich weiß nicht, welche Position verlogener ist, die Deutschlands – das bei Gaddafi Öl einkaufte – oder die Englands – das nun gegen die Waffen antritt, die es Gaddafi mal verscherbelt hatte? Keine Ahnung, ist mir zu kompliziert.

Zurück zu Japan, das ist jetzt kein Tapetenwechsel, Gnädigste, auch dieses Bild rechts ist von Hokusai, so wie die Welle zum vergangenen Sonntagswort von Hokusai war, dieser Künstler des frühen 19. Jahrhunderts hat über die Gegenwart offenbar viel zu sagen, den werden wir bald in der Secession sehen, sag ich mal. Der Titel zum Bild ist „vergrößertes Auge“, es hebt einen Gesichtsteil hervor, der uns bar jeder beschönigenden Dekoration, die ein Kimono nun mal bietet, ins Auge sticht. Und weil dieses „Vergrößerungsglas“ ganz offenbar ein Spiegel ist, sieht der Betrachter eine Nahaufnahme seiner oder ihrer selbst und wenn wir heute solcherart nach Japan sehen, was sehen wir in uns da wohl, außer … Angst.

No?

Es ist jetzt neun Tage her, dass sich die Tsunami über den Nordosten Japans ergoss, wir wissen nicht, wie viele Leichen das Meer noch an Land spülen wird, wir wissen nicht, wie viele Lebende unter den Trümmern der verheerten Orte liegen. Wir wissen, dass in der Umgebung von Sendai unzählige Japaner auf Hilfe warten und ans Ende ihrer Substanz gelangen, weil sich wegen der radioaktiven Strahlung niemand mehr in die Gegend wagt.

Wir Österreicher wissen außerdem, dass wir gegen Atomkraft sind. Letzteres wurde uns im Anschluss an die Welle alsogleich bestätigend ins Bewusstsein gerammt und sehr nachhaltig, die resultierende AKW-Debatte das Tsunami-Disaster erstarrte zur Fußnote.

Der Autor Robert Rotifer machte vor wenigen Tagen diesen rapiden Aufmerksamkeitstranfser als Akt der Verdrängung transparent, die Bilder der Häuser und Autos, schrieb er, „die von der unfassbaren Gewalt der Natur zu banalem Treibgut verwandelt werden, lösen existenzielle Fragen aus, … erinnern an die grundsätzliche Bedeutungslosigkeit menschlichen Treibens. Insofern kam unsereins der Aspekt der Reaktorkatastrophe gerade recht.“ Wir können eine eigene Betroffenheit konstruieren, wir dürfen uns selbst als Opfer sehen.

Man konnte der Angst freien Lauf lassen, man konnte Dampf ablassen, gerade der Österreicher konnte seinem Kummer Luft machen, er hat ja sein eigenes AKW dereinst verhindert, er hat seine Hausaufgaben gemacht, dumm nur, dass er wegen der AKWs im Ausland von der entsprechenden Gefahr geradezu umzingelt ist, wenn es mal wo knallt, muss nur der Wind ungut wehen, schon haben wir das Malheur, das ist nicht beruhigend, eigentlich ist es zum Schreien.

Dumm auch, dass Angst nicht klüger macht, sie ist eine Energie, die keine Probleme löst, jammerschade eigentlich, endlich hast du was im Übermaß, dann brauchts keiner, sie ersetzt weder Öl noch AKW, sie engt nur unsere Ratio ein, sie isst die Seele auf, sie ist so menschlich wie das Tierische, sie bringt uns in Rette-sich-wer-kann-Modus, das ist noch lange nicht human, es fehlt ihm das (Mit)Gefühl für die eigene Spezies, es hat nichts Sapienshaftes.

Wir sind umso ängstlicher, je weniger wir wissen und Tatsache ist auch, dass niemand einen Österreicher braucht, wenn die – in Wien sitzende – Internationale Atombehörde sich anschickt, eine Expertenkommission nach Japan zu schicken, weil es seit dem Ausstieg aus Zwentendorf keine entsprechende Forschung mehr gab.

Wir haben simply keinen Tau von der Sache.

Und so spinnen wir den Faden weiter, mit kongenialen Abstrichen. Wir sehen eine Zukunft ohne Atomkraft, wir sehen, dass die globalen Ölreserven in ein paar Jahrzehnten erschöpft sind, wir sehen, dass Japan nicht von Libyen zu trennen ist, dass die Wissenschaft kaum Geld kriegt, um nach Alternativen zu forschen. Wir sehen sogar den Dritten Weltkrieg, wie es eben ist, wenn sich immer mehr Menschen um ein immer kleineres Wasserloch scharen.

Prometheus by hashashin, Lizenz: CC BY-SA 3.0

Wir proklamieren eine Zukunft des Verzichts, des radikalen Umstellens unseres konsumbesessenen Lifestyles, „die Welt wird nicht untergehen“, meint einer im Netzwerk, „wenn nicht jedes Haus und jeder Baum beleuchtet wird, wenn kein Städtekurzflug mehr gebucht werden kann, wenn man nicht mehr mit seinem X5 zum Einkaufen fahren kann. Das alles kann verloren werden, so what?“

Derlei Rechnungen stellen wir an und bitte nicht missverstehen, ich bin total dafür, es wäre das Ende des Kapitalismus, der mir ohnehin zuwider ist, dafür nähme ich auch die globale Massenarbeitslosigkeit hin, die so ein Verzicht unweigerlich zur Folge hätte, nur …

Nur hab ich das Gefühl, dass wir hier die Rechnung ohne die Wirte machen, kein Wunder, wir können nicht mal addieren. Wir sind gegen Atomkraft (Hauptbetreiber USA, England, Frankreich) und wir sind für den Angriff auf Libyen (Hauptbetreiber USA, England, Frankreich). Wir sind für Frankreich, England, USA und wir sind gegen sie. Macht null, nicht sechs. Oder?

Wir wissen nicht, was wir tun. Zweifel, ob die Großmächte es wissen, sind gestattet. Für die aktuelle Libyenaktion schlagen sie bereits bei Homer nach, machen sie gern in haarigen Zeiten. Sie nennen es „Operation Odyssey Dawn“, also den „Lichtstreif am Horizont der Irrfahrt“. Wie unbeirrt kann eine Aktion sein, die man Irrfahrt nennt?

Was mich anbelangt, such ich da lieber bei Prometheus um Erhellung, Sie wissen schon, dem Titanen, der Zeus das Feuer stahl und den Menschen gab – die sich dadurch von den Göttern emanzipieren konnten. Das ist wohl das original Sapienshafte, es mag nicht vernünftig sein, aber es ist Teil von uns, wir sind nicht nur Gaia, wir sind auch Apollo, wir wollen nach oben, zu den Sternen, wenn geht. Wir wollen die Geister, die wir riefen, nicht los werden.

Ein Kommentar »

  • Ettmayer sagt:

    Herr Gladius,

    mein nachbar, der rudi, sagt gerade, er stellt sich das lustig vor, die vielen egomanen und hedonisten hier in der stadt und eine zukunft des verzichts. wie die dann blöd schauen, wenn sie sich ihren lifestyle wegrationalisieren. aber man kann ja einen anfang machen. ich verzichte jetzt auf der stelle auf meinen computer, nur so als test … bin schon weg. na? verflixt, warum geht das imm

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