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Sex für Fortgeschrittene 28. Mein Abend mit der Geisha

Von | 17.03.2011, 14:18 | 9 Kommentare

Sie war in eine Textil gewordene Poesie gehüllt und hauchte: „Ich heiße Shi-Ho“. Erinnerung an ein anderes Japan.

Once upon a time in Tokyo: Sax jun mit ihr, die niemals ihre Gesinnung ändert.

Zunächst etwas vollkommen Illusionsloses: Es gibt Dinge, die ich nie von mir wusste und es gibt Zeiten, da kann ich sie nicht mehr länger ignorieren. Wahrscheinlich ist es nämlich so, dass ich Buddhas Geschenk für die Frauen bin und ganz sicher wär mir das nie aufgefallen, wär ich nicht dieser jungen Frau im Kimono begegnet.

Sie findet auf ersten Blick meine Augen kaum widerstehlich. Meine Schulter ließe sie keinen Kopfpolster vermissen. An meinen Körper will sie nicht eine Zehntelsekunde denken, er wär ihr eine Ohnmacht wert. Ein achtzehnjähriges Leben lang hat sie von einem wie mir geträumt und plötzlich steh ich vor ihr, wie in den Boden genagelt. Ich, das Naturereignis.

Natürlich verrät sie kein Wort von meiner Wirkung auf sie, sie gibt sie mir nur unzweideutig zu verstehen. Wie ihre kühlen Augen mich abtasten, wie sie sich zu einem sparsamen Lächeln hinreißen lässt, wie sie „ohayo gozaimasu“ sagt und einen Diener macht – das alles lässt keine Illusionen mehr zu, die mich runter bringen könnten.

Einen Abend lang lässt sie mich nicht aus den Augen. Das hat einen Grund: Sie will glücklich sein und Glück ist, wenn ihr Gast sich wie ein König fühlt. Der Gast bin ich und sie, das Mädchen mit der Frisur aus dem Mittelalter und dem weiß gepuderten Gesicht ist eine Geisha.

Geishas, das kann ich ab sofort bestätigen, sind Fleisch gewordene Musen. Gemütsmasseusen, die jene Bereiche des Mannes streicheln, von denen Europas Frauen nichts wissen wollen und das Dumme ist eigentlich nur, dass auch in Japan die große Zeit der Geishas schon lange vorbei ist. Aus einem Grund, den der Teufel wissen mag, sind sie nicht zeitgemäß.

Im Club „Maiko“ an einem Abweg von Tokios Ginza gibt es sie noch, draußen ist Japan und drinnen hocke ich, an einem langen, schmalen Tisch vor einer ebenerdigen, mit gelben Blütenblättern dekorierten Bühne. Nicht auszuschließen, dass der Club bevölkert ist, allerdings ist mein Horizont extrem beschränkt, ich seh nur sie, die da mir gegenüber kniet, gekleidet in eine Textil gewordene Poesie.

„Ich heiße Shi-Ho“, sagt sie auf englisch, das bedeute „sie, die niemals ihre Gesinnung ändert“. Sie sei aus Kyoto, dort habe sie von klein auf die Geisha-Schule besucht und zugegeben, aus allfälliger kritischer Distanz leuchtet dir ein, dass auch jedes Vorstadtmädel aus Oizumi Gakuen oder Kijijoji dem Gaijin-Gast auf die Nase bindet, sie sei aus Kyoto, so ist das nun mal mit Geishas, aber wie schon eingangs erwähnt: Dies ist kein Abend für abwärts mobile Illusionen.

Shi-Ho erzählt wenig von sich, aber sie demonstriert manches. Sie zeigt, wie man aus einem Blatt Papier einen Vogel bastelt. Und sie spielt die Shamisen, einen Klangkörper mit Saiten. Nur ist das alles so nichtig.

Wichtig sind andere Dinge. Wichtig ist etwa zu wissen, woher ich bin. Als sie es erfährt, tänzelt sie davon – was mich ein wenig irritiert – und kehrt mit einem rot-weiß-roten Fähnchen wieder – was mir den Horror beschert. Sie pflanzt es vor mir auf den Tisch und verfällt in Starre.

Plötzlich dröhnt die österreichische Bundeshymne durch den Raum, Shi-Ho zaubert einen Fächer aus dem Kimonoärmel und macht Wind. Ihr Körper bleibt regungslos, sie verzieht keine Miene, ihr Mund ist ein Strich. Nur ihre Hand vibriert und die Fahne flattert. Ich blicke mich um Richtung Club und in der Tat, da sind viele Japaner, aber Shi-Ho fängt mich wieder auf, ihre Augen ruhen auf mir, dem die angerichtete Ehre nicht halb peinlich ist und typisch für das Dasein ist ja auch, dass sich das Loch im Boden nie öffnet, wenn du es mal brauchen könntest. Nun weiß ich, was die Japaner meinen, wenn sie „deru kui wa utareru“ sagen (der Nagel, der hervorsteht, wird wieder reingehämmert werden).

Solcherart entblößt bin ich nun Wachs in Shi-Hos Händen. Sie weiß, dass mir nach Stärkung ist und holt ein Gedeck. Auf Knien rutscht sie heran und serviert panierte Garnelen, Sashimi und Bier und bald ist alles in Soya.

Sie zeigt Wonne, als sie sieht, dass mir Hashi nicht fremd sind, besteht dann aber doch darauf, mir die Köstlichkeiten persönlich in den Mund zu schieben, als ich kauend ein „oishi“ (= köstlich) murmle, gerät sie gekonnt aus dem Häuschen, ich spreche ja japanisch, wie kultiviert ich doch sei. Shi-Hos Augen sind ganz in meinem Bann, sie müht sich nicht ab, nach meinen Wünschen zu fragen, sie liest sie von meinen Mundwinkeln ab, noch ehe die Worte dafür gefunden sind. Und sie liegt immer richtig: wie automatisch greife ich nach der Zigarette, wenn sie ein Streichholz zückt (da der Gast König ist, darf er auch rauchen). Gehorsam leere ich das Glas Kirin-Bier, wenn sie nachschenken will. Und als ich einmal die Flasche in ihrer Hand nicht sehe, ist meine Geisha mit Reiswein zur Stelle.

Shi-Ho will nur dienen, sie will, dass ich glücklich bin (sonst könnte sie, wie schon erwähnt, nicht glücklich sein) und sie tut es ökonomisch, das Gesicht bemüht das Bild einer Maske, kein Muskel wird unnötig bewegt, kein Zucken tritt zu einem anderen in Konkurrenz. Und hält sie die Andeutung eines Lächelns für ratsam, wirkt das wie ein Blitz.

„Meine“ Geisha spricht nur von wesentlichen Dingen: wie schön meine Jacke ist, wie groß und kräftig ich sei, wie sehr sie meine Frau beneidet. Sie schätzt mich zehn Jahre jünger ein als ich bin und als ich sie frage, ob dies der schönste Abend ihres Lebens ist, sagt sie „so desu, ne“ (= so ist es), ohne die geringste Ironie transparent zu machen. Sie hat nicht gelernt zu widersprechen, sie versteht die Marionette zu spielen, ohne die Fäden aus der Hand zu geben.

Shi-Ho ist die Frau, die ich daheim oder in Wien vermisse. Ich bin nicht rücksichtslos genug, gleich nach der Arbeit die Familie heimzusuchen, um ihr das angestaute Adrenalin des Alltags um die Ohren zu blasen, aber wohin zur Entspannung hier zu Lande, wo gibt es kongeniale Rollenspiele, wo vergleichbaren Sapiosex? Eine Geisha ist einzigartig.

Im Maiko-Club schwillt Koto-Musik an, Koto ist eine Zither mit Tönen wie das Sprudeln eines Gebirgsbaches. Shi-Ho steigt auf die Bühne zu einem Fächertanz. Mit zierlichen Schritten geht sie im Kreis und macht dabei ihren Fächer auf und zu. Die Botschaft des Tanzes ist etwas verwirrend, jedenfalls für mich, aber Shi-Ho ist betörend, nie vergisst sie, mir Blicke zuzuwerfen.

Sie ist erhitzt, als sie wieder vor mir kniet. Das verleitet sie zu einer Annäherung, die mir fast die Sinne raubt: Sie weiß genau, dass ich ihr etwas Reiswein anbieten will, und sie würde nicht einmal nein sagen, haucht sie mir zu, in meinem Ohr verlieren sich die Worte in der Übersetzung, es klingt ein wenig wie „es ist mir verboten, mit Kunden wegzugehen, aber du … du könntest mich fast schwach machen.“

Shi-Ho bemüht ein Zittern, als sie mir beidhändig das Porzellanstamperl entgegenhält. Sie lehrt es in einem Zug. „Ich glaub, ich bin beschwipst“, gluckst sie alsogleich, es klingt fast wie eine Liebeserklärung, und Liebe in Japan ist ja doch ein wenig abgründig. Eine Wienerin mag im extremen Liebesfieber eventuell so Dinge wie „Ich liebe dich, bis der Tod uns scheidet“ sagen. Für eine Geisha jedoch wird die Liebe erst im Leben nach dem Tod so richtig interessant, man denke an die legendäre Abe Sada, die sich auch nach dem Tod ihres Lovers nicht von ihm trennen konnte, jedenfalls teilweise, Sie können sich denken, welches Teil ich meine, und Shi-Ho würde das sicher bestätigen.

Ich habe ein gewachsenes Gefühl, als sie mich zum Abschied zur Tür hinaus begleitet, muss mich bücken, um da durch zu gehen und könnte schwören, dass dies nicht der Fall war, als ich den Club betrat. Was sie denn nach der Arbeit machen werde, frage ich sie im Garten noch, so teilnahmslos, wie es der Moment verlangt. Sie werde in die Jeans schlüpfen, meint die Geisha freundlich, und dann zum Boyfriend nach Hause gehen, der müsste inzwischen mit dem Kochen fertig sein.

Da platzt die Seifenblase meiner Illusionslosigkeit, Tokyo ist wieder ein kalter Ort und wer weiß, vielleicht hab ich Buddha nicht ganz richtig verstanden.

Video: In the Realm of the Senses

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