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Charlie Sheen: Es ist nicht so, wie es aussieht

Von | 14.03.2011, 15:16 | 2 Kommentare

High wie ein Hamster auf Haarspray, so what? In Wahrheit ist Charlie Sheen ein herzensguter Mensch. Eine Therapiestunde mit Devil Dirt. Es ist nicht so, wie du denkst. Es ist nicht so, wie es aussieht. Charlie Harper hat es in „Kissing Abraham Lincoln“ („Leck nicht an deiner Haarbürste“ Season 4, Episode 10) drei Mal hintereinander […]

Charlie Sheen by Angela George, Lizenz: CC BY-SA 3.0

High wie ein Hamster auf Haarspray, so what? In Wahrheit ist Charlie Sheen ein herzensguter Mensch. Eine Therapiestunde mit Devil Dirt.

Es ist nicht so, wie du denkst.

Es ist nicht so, wie es aussieht.

Charlie Harper hat es in „Kissing Abraham Lincoln“ („Leck nicht an deiner Haarbürste“ Season 4, Episode 10) drei Mal hintereinander gesagt. Zu seiner Haushälterin, zur göttlichen Lydia und dann auch noch zu sich selbst. Das ist Rekord.

„Es ist nicht, wonach es aussieht.“

Damit ist eigentlich alles gesagt, besser kann man das Sittenbild des von Hollywood geformten kollektiven Bewusstseins nicht in Worte fassen. Dieser Satz ist die einzig gültige Lektion –­ und zugleich die ultimative Legitimation – für den globalen Medienkonsumenten. Generationen von Couch Potatoes wachsen damit auf und inhalieren die Botschaft, auf dass sich Selbstbetrug und Scheinheiligkeit mehren und den Weg für die finstere Endlösung freimachen.

Aber jetzt ist Charlie Harper Geschichte, und darüber müssen wir reden. Warum feuert das Filmstudio Warner einen Mann, der zuerst sein ausschweifendes Leben, also quasi seine gesamte irdische Existenz in eine Rolle packt und später nichts anderes macht, als diese Rolle im wirklichen Leben mit Bravour weiterzuspielen und ZU ENDE ZU DREHEN?

Sex, Drugs & Rock ‘n’ Roll soll heute noch ein Kündigungsgrund sein? Nur weil einer im privaten Rahmen mit Mutterzicken und Callgirls hin und wieder durchknallt?

Ich bin verwirrt.

Dr. Eugen Slater (Slater wie Christian Slater, der Schauspieler) hob seine Augenbrauen. Viel mehr muss er als Konfusionstherapeut nicht tun. Ein kleines Gesichtsmuskelspiel, und schon öffnet man ihm sein Herz.

Was ich damit sagen will: Hollywood als oberste moralische Instanz der zweibeinigen Beutelratten da draußen hätte ja wohl die verdammte Verpflichtung, diesen Mann zu adeln. Einer wie er hat eine wichtige Vorbildfunktion, zeigt uns den Weg, ist zweifelsfrei kein minderbemittelter Schlüpferstürmer, sondern ein erotomaner Grenzgänger unserer Zeit. Einer, der seine Geschlechtsgenossen unverblümt wissen lässt: So viel Spaß wie ich würden andere Männer auch gern haben!

Was brauchen Männer, teuflisch oder nicht, mehr als alles andere? Hamburger, Nutten, ein kühles Bier. Und einen gewissen Ruf. Und einen guten Spruch auf den Lippen.

Es ist nicht das, wonach es aussieht.

Wir wissen, es ist der Joker unter den Ausreden. Der letzte Dreck, den man in den Mund nehmen kann, „I love you“ vielleicht einmal ausgenommen. Aber ein verdammt guter Spruch, wenn er aus dem Mund von Charlie Harper kam. Glaubwürdig und wahrhaftig, auch wenn er vorher in billigen RomComs Millionen Mal wiedergekäut wurde. Es ist der Stoff, der zur Verblendung führt, der Stoff, der den menschlichen Faktor und somit die menschlichen Schwächen auf den Punkt bringt.

Es sieht so aus, als hätte ich das Kindermädchen gefickt, aber in Wahrheit war es ganz anders, Baby, das musst du mir glauben. Die Mondlandung? Welche Mondlandung, für wie naiv halten Sie mich eigentlich? Wir haben kein Geld angenommen, es war plötzlich auf unserem Konto, und wie soll ich mich nach all den Jahren überhaupt noch dran erinnern? Ja, der Vogel ist tot, ja, ich habe geschossen, aber nein, es war alles ganz anders und verdammt, wie oft soll ich es noch sagen, es war wirklich nicht so, hören Sie mir bitte zu, es war wirklich GANZ ANDERS ALS ES JETZT AUSSIEHT!

No but, yeah but, no but, yeah but …

Charlie Sheen, früher mal Carlos Irwin Estévez, gab ja in seinem glorreichen Leben viele Weisheiten von sich. Nicht nur im Film, nein, ganz besonders im Real Life. Eine Reflexion über seinen Fast-Abgang nach einer läppischen Drogeneskapade 1998 ging so: „I thought, all right, if I can’t stop, I’m going to take this thing as far as I can. Let’s get on a horse and drive this fucking circus completely out of town.“

Meinte er damit: Es war genau das, wonach es aussieht?

Oder: Ich lebe noch, aber es ist nicht das, wonach es aussieht?

Klar, niemand braucht darauf eine Antwort. Schauspieler spielen munter ihre teuflischen Spielchen, das ist völlig o.k., und irgendwann läuft vielleicht das eine oder andere Ding ein wenig aus dem Ruder. Dann, wie aus dem Nichts, wird eine total abgefahrene Idee geboren, über die man sich in leicht abgehobenen Autoren- und Produzentenkreisen halb totlacht. Joaquin Phoenix hat es mit „I’m still here“ vorgemacht und auf die Ankündigung „Ich habe keine Lust mehr, Joaquín Phoenix zu spielen“ folgte zwei Jahre später die Auflösung als Film, den eigentlich kein Mensch braucht, weil schon so vieles anders war, als es jetzt aussieht, aber bitte, Kinder wollen sich auch immer verkleiden und Verstecken spielen und richtiges Verarschen will gelernt sein, also Applaus!

Werden wir von Charlie Sheen demnächst auch eine Fake-Doku zu sehen bekommen? Ist vielleicht alles ganz anders, sogar anders, als es möglicherweise später, nach einer gut inszenierten Enthüllung, aussehen wird? Erwartet uns unter dem doppelten Boden in sagen wir mal zwei, drei Jahren die wirklich verblüffende Deutung einer bodenlosen Frechheit?

Charlie agiert eindeutig cleverer als Mister Phoenix. Er zeigt, wie Selbstinszenierung im Web-Zeitalter funktioniert, als Überinszenierung eben, mit festem Blick auf die harte Währung, die durch grundsolide Selbstvermarktung wieder in die Kasse gespült wird.

Der alte Hurenbock mag zugedröhnt sein wie ein Hamster auf Haarspray, aber er hat eine wunderbare Verkaufsstrategie und legt gerade den vielleicht nicht besten, schon gar nicht politisch korrekten, aber sehr wohl effektivsten Social-Media-Auftritt hin, den sein Vermarkter, also Ad.ly, so eine Twitter- und Facebook-Werbemaschine für ganz ganz wichtige Beutelratten, bisher mit einem seiner Klienten zustande brachte.

Wenn ich meinen Bruder Charlie so sehe, mit leicht geschürzten Bunnys an der Seite, dann möchte ich sofort literweise Tiger Blood trinken, obwohl die Tiger Blood-Website leider temporary under construction ist. Wenn ich seine Web-Show Sheen’s Korner sehe, breche ich augenblicklich in Jubelstürme aus. „Sheen’s Korner“ dreht sich natürlich ausschließlich um Charlie selbst, aber so muss es sein, das ist das Ding der Stunde, hier geht ein Mann seinen Weg. Ich vermute stark, für Sheen selbst war die Loslösung von Charlie Harper wie eine Erlösung, er kann jetzt richtig aufdrehen, wandelt mit Charlie Sheen’s Winning Receipts auf den Spuren von Jamie Oliver, begibt sich mit seiner Machetennummer in den Dunstkreis amoklaufender Waffennarren und lässt wenig später in aller Seelenruhe eine Waffen-Razzia über sich ergehen.

Und Charlie Sheen spricht gerne abwertend über Trolle, das qualifiziert ihn eindeutig für höhere Aufgaben. „Your’re either in Sheen’s Korner or with the Trolls“, was für eine entzückende Botschaft für einen imposanten Internetauftritt, für den – nur so nebenbei – ein gewisser Dirt Nasty aka Simon Rex Cutright als Musik-Chef den Ton angibt. Ein großer Entertainer, der heute als Rapper bekannt ist, seine famose Karriere aber mit Pornofilmchen startete, in denen er gern und oft der Masturbation frönte.

Natürlich könnte auch alles ganz anders sein, wie es derzeit aussieht, so von der Optik her. Ist es aber nicht, zumindest vorerst.

Weil: „The new Charlie Sheen ist temporarily under construction“.

Es gibt jetzt eine Menge Leute, hauptsächlich aus Kreisen der Aasgeier-Journaille, die von geistiger Umnachtung sprechen und kopfschüttelnd über die grauenhaften Folgen des Kokain-Konsums herziehen, doch es gibt auch aufmunternde Reaktionen („He’s so crazy, he’s a fucking genius“, „There’s method to this madness“), und Charlies prominentester Fürsprecher, der Gitarrengott Slash hat in einem Interview aufrichtig seine Bewunderung ausgedrückt, als Nachbar und Freund und Rockstar und überhaupt. Sheen sei für ihn der „most rock’n’roll character in entertainment“, also die größte Rock’n’Roll-Sau unserer Zeit. Wenn sowas aus dem Mund eines Mannes kommt, der Carlos Irwin Estévez als Freund und Nachbar noch vor zehn Jahren geraten hat, mit den Drogen und all dem Irrsinn etwas kürzer zu treten und über den Entzug nachzudenken, dann rührt mich das zu Tränen.

Und es stimmt mich auch zuversichtlich. Charlie wird sich seinen wohlverdienten Platz in Hollywood zurückerobern, so wie der komplett weggetretene Robert Downey Jr. vor einigen Jahren wie Phoenix (nein, der andere Vogel) aus der Asche aufstieg und gleich darauf als Iron Man über die Leinwand düste. Wir dürfen uns auf ein großes Comeback vorbereiten, so schaut’s aus!

Aber muss man dem Sheen gleich den Harper abdrehen? Muss man diesen großartigen Menschen, Ehemann, Vater und Machetenschwinger gleich kündigen, damit sich der Ärmste von Existenzängsten geplagt genötigt sieht, ein Hollywood-Studio zu verklagen?

„Sein Fall entlarvt die Bigotterie des Filmgeschäfts: Geächtet wird, wer seine Exzesse öffentlich macht – und auch noch stolz darauf ist“, schreiben die gescheiten Menschen von der Online-Welt in einer sehr fundierten Abhandlung über die Praktiken der Traumfabrik, die diesen Namen aber nur für den Stoff, den sie produziert, wirklich verdient.

So wie es aussieht, meine ich. Man muss da vorsichtig sein, es ist eine Frage der Interpretation.

Ich hatte Dr. Slater völlig vergessen, wie das oft passiert, wenn die Therapie richtig greift und das Temperament mit mir durchgeht.

Ich schweife schon wieder ab, Doktor, das bringt uns überhaupt nicht weiter. Aber wie soll ich mit all dem Müll umgehen? Als Missionar der Unterwelt kann ich dagegen natürlich aufs Schärfste protestieren und Konsequenzen androhen, doch Sie als mein Vertrauer wissen, dass meine Position nicht so gefestigt ist, wie es nach außen hin aussieht. Wie Bruder Charles wandle ich auf dünnen Eis, Sie wissen das nur zu gut.

Ja, was soll ich dazu sagen, seufzte Slater, nahm seine Brille ab und rieb sich die Augen. Die Dinge sind nun mal, wie sie sind. Ich verstehe Ihre Sorgen, aber ich fürchte, da kann man gar nichts machen …

Schön, dass Sie das auch so sehen, sagte ich. Und schön, dass Sie es haargenau so meinen, wie es sich anhört.

Dr. Slater, ich danke für das Gespräch.

2 Kommentare »

  • Inge sagt:

    no, wenn ma sonst kane sorgen hätten…

    • Devil Dirt sagt:

      Inge Inge
      wenn ich dir jetzt ein Loblied singe
      bist du dann endlich guter Dinge?

      DD
      for your pleasure

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