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Super-Gau: Unser Wille geschehe

Von | 12.03.2011, 16:42 | 4 Kommentare

Eine große Atomkatastrophe bedroht ein ganzes Land. Denken wir darüber nach, warum es zu dieser Katastrophe kam. Das Erdbeben war es nicht alleine.

Eine große Atomkatastrophe bedroht ein ganzes Land. Denken wir darüber nach, warum es zu dieser Katastrophe kam. Das Erdbeben war es nicht alleine.

Das ist ein zweites Tschernobyl. Über diesen Satz muss man sich keine Gedanken mehr machen. Man kann ihn sagen. Es wird wenig geben, das uns aus dieser Tatsache herausholt, das uns den Zustand erträglicher macht. Mag sein, dass weniger Radioaktivität austritt, die Kernschmelze scheint noch nicht erfolgt. Mag sein, dass es weniger Cäsium ist. Und mehr Jod. Mag sein, dass es unmittelbar weniger Tote gibt. Sicher ist aber, dass ein sehr dicht besiedeltes Land einen Unfall mit einem Kernkraftwerk erleidet. Und es ist ein westliches Land, seine Atomkraft auf hohem technischem Niveau. Allen Beteuerungen entgegengesetzt, sind die Kraftwerke dieses Landes offenbar nicht sicher.

Was heißt das? Zu allererst heißt das, dass die hochtechnologische Firma, die das Kraftwerk betreibt kein absolut sicheres Energieversorgungssystem für Katastrophen bereit hat. Kein Energiesystem, dass die Kühlung des Reaktors garantiert. Zuerst, so heißt es, fiel der Strom aus, dann der Notstrom, dann das letzte Glied der Kette: Die Batterien.

Als die Batterien ausfielen, gab es offenbar keine weiteren Batterien, die die ausgefallenen Batterien ersetzen konnten. Und es konnten auch binnen Stunden keine neuen Batterien zur Kühlung zum Kraftwerk gebracht werden. Was wieder heißt, dass man sich offenbar diesen Notfall nicht vorstellen konnte. Man dachte also, Strom, Notstrom und Batterien müssten zu Kühlung reichen. Das ist im Augenblick alles nur Spekulation, aber so stellt es sich laut Nachrichtenlage dar. Man hat also – wahrscheinlich aus Kostengründen – auf eine vierte Sicherung verzichtet.

Ein irres Experiment

Von Tschernobyl wissen wir, dass ein Experiment eines jungen Ingenieurs den Reaktor zur Explosion brachte. Also etwas völlig Widersinniges, typisch für ein widersinniges System. Auch war der sowjetische Reaktor sehr minderer Stufe. Und generell schadfallgefährdet. Daraus zog man den Schluss, dass Ähnliches in westlichen Atomkraftwerken nicht stattfinden kann. Und der Schluss war auch richtig: Ähnliches fand in westlichen Atomkraftwerken nicht statt.

Deswegen machte man mit der Atomkraft weiter. Bis heute. Doch heute zerstören die Folgen eines Erdbebens den Traum von der westlichen Reaktorsicherheit. Der war ja eigentlich ja schon seit Harrisburg ausgeträumt, jenem ersten schweren Unfall in einem Kernkraftwerk, der 1979 die Welt erschütterte. Und allen Atomkraftgegnern, vor allem den deutschen, Recht zu geben schien. Damals hielt noch die Reaktorhülle. Und der Austritt von Radioaktivität hielt sich in Grenzen.

Tschernobyl geriet mit den Jahren in Vergessenheit. Der Unfall und die Folgen waren das Erbe des unzulänglichen und desolaten kommunistischen Systems. Im Kapitalismus, so wusste man, kann das nicht passieren. Schon gar nicht dort, wo strenge staatliche Aufsichtsbehörden ein Auge auf die Anlagen werfen. In Deutschland, so versichert die FDP gleich heute, ist das immer noch der Fall. Deutsche Atomkraftwerke sind sicher, tönt es aus der Koalitionspartei, um ja keine Atomkraftdiskusson aufkommen zu lassen. Die wird sich jedoch nicht vermeiden lassen.

Doch eines ist klar: Deutschlands enormer wirtschaftlicher Aufschwung wäre ohne Atomkraft nicht möglich gewesen. Ähnliches gilt für Japan. Und ganz sicher für Frankreich, das sich in den siebziger Jahren nach dem Ölschock mit dem exzessiven Ausbau der Atomkraft von fossilen Brennstoffen unabhängig machte. Und bis heute von dieser Unabhängigkeit profitiert.

Klar auch, dass konventionelle Energie von alternativer Energie heute noch nicht zur Gänze ersetzt werden kann. Und zur Entwicklung alternativer Energie braucht es jede Menge konventioneller Energie. Die woher kommt? Genau.

Resultat des Finanzmarktkapitalismus

Die Frage, die wir uns alle stellen müssen, ist, ob der gegenwärtig finanzmarktgetriebene Kapitalismus, der immer kürzere Produktionszyklen vorsieht und immer mehr Rohstoffe und Energie verbraucht, das System nicht gegen die Wand fährt. Die Frage, die wir uns nach dieser Frage zur Frage der Atomkraft stellen müssen, ist, ob sichere Atomkraft ökonomisch einträglich betrieben werden kann. Oder ob ein sicheres Atomkraftwerk (unterirdisch, sechsfacher Mantel, fünffache Sicherung) nicht einfach zu viel Geld kostet, um Rendite zu erwirtschaften.

Darauf folgt wieder die Frage, ob man eine lebensbedrohende Technik in die Hände einer gewinnorientierten Marktwirtschaft legen darf, die in den letzten Jahren von Fonds und Beteiligungsgesellschaften getrieben wird; eine Entwicklung, an der wir alle Schuld tragen, alleine wenn wir eine Riester-Rente zeichnen.

Fragen nach Fragen

Und danach stellt sich die Frage, ob man ähnliche Beschränkungen nicht auch für Lebensmittel fordern darf, die von Hedge-Fonds zur Spekulation benutzt werden. Und wenn wir weiter nachdenken fallen uns sicher noch ein paar Beispiele ein, die den gegenwärtigen Kapitalismus als Zerstörer der sozialen und gelenkten Marktwirtschaft ausmachen.

Und für all diese Einsichten muss man nicht mal Marxist sein. Das Atomkraftwerk in Japan flog deswegen in die Luft, weil man offenbar auf eine vierte Sicherung verzichtete. Auf diese Sicherung wurde wahrscheinlich aus Kostengründen verzichtet – und weil die willige Behörde keine weitere vorschrieb. Dieser Verzicht führte dazu, dass der börsennotierte Energiekonzern Tokyo Energy & Systems Inc. (Besitzer von Tokyo Electric Power Co.) höhere Gewinne an seine Anteilseigner ausschütten konnte. Und das wiederum garantiert die Höhe so mancher japanischen Zusatzpension. In Deutschland ist das ähnlich. Überall ist es ähnlich.

Noch Fragen?

Deswegen müssen wir auch nicht lange nach Schuldigen suchen. Wir sind die Schuldigen. Wir haben das System kreiert und akzeptiert. Jede Art Empörung ist lächerlich. Das werde ich denken, wenn ich das nächste Mal von den rheinhessischen Hängen auf Biblis schaue. Unser Wille geschehe.

Dieser Text erscheint auch auf CaptainCork.

4 Kommentare »

  • Kritische Analysen sind wichtig. Aber in dem Fall ist mir das alles ein bissl sehr weithergeholt. An Fukushima ist also der Finanzkapitalismus schuld? Oder, noch zynischer: Warum wollen die Japaner nicht einfach ohne Strom leben?
    ad 1) Wie überall, ist auch die Geschichte der japanischen AKW nicht frei von bedenklichen Episoden und Skandalen. Man muss sich aber vor Augen führen, dass die meisten Reaktoren in Japan das schwerste Erdbeben der jüngeren japanischen Geschichte überstanden haben, das wahrscheinlich über die Annahmen des Auslegungsstörfalls hinausgeht; dass in den betroffenen Reaktoren mehrere Sicherheitssysteme bestanden haben, die unter diesen dramatischen Umständen eben nicht ausgereicht haben, dass aber trotzdem die Situation in Fukushima nicht hoffnungslos ist. Es gibt in Japan momentan andere, viel furchtbarere Situationen, die unmittelbar tausende Menschenleben gekostet haben, hunderttausende in Not gestürzt haben, unsere Aufmerksamkeit verdienen, und wo wir den Menschen in Japan zumindest indirekt auch helfen können.
    Übrigens: Die beiden bislang schwersten Reaktorvorfälle sind in streng antikapitalistischen Systemen geschehen. Ich bin auch überzeugt, dass die Trennung Aufsicht – Betrieb noch eher (nicht immer!) für scharfe Kontrollen und Auflagen sorgt, als wenn der Staat gleich selbst AKWs betreibt.
    Ad 2) Aufgrund seiner Situation blieb den Japanern gar nichts anderes übrig, als auf Atomkraft zu setzen. Für Wasserkraft fehlen die passenden Flüsse und der Platz; Wind- und Solarkraft sind noch bei weitem zu teuer und unzuverlässig, wie Du selbst schreibst. Kohlekraftwerke verschmutzen die Umwelt unmittelbar, was im dichtbesiedelten Japan kaum zu ertragen wäre. Die Chinesen wollen wegen der Luftverschmutzung weg von den kalorischen Kraftwerken, weil sie zum unerträglichen Smog einiger chinesischer Städte massiv beitragen. In Deutschland kann man massiv in Wasserkraftwerke investieren (ich hoffe, die Grünen in D sind für diese ökologische Form der Stromerzeugung), in Japan wird man aber auch in den nächsten Jahrzehnten ohne Atomkraft nicht auskommen können.

  • rasenmäher sagt:

    Alles richtig.
    Das mag (falls notwendig) Denkanstoss für überdurchschnittlich Verdienende mit dem nötigen Freizeitpolster sein.
    Also auch gerne für mich. Glasklare Analyse, keine Frage.

    Jedoch: Einer – Hausnummer – alleinerziehenden Krankenschwester kann man wohl kaum guten Gewissens empfehlen, ins Rad der Weltwirtschaftsgeschichte einzugreifen, indem sie sich halt – statt zu „riestern“ oder den für sie kostengünstigsten Brennstoff zu verheizen – lieber mal über die Mechanismen der Rohstoffbörsen Kenntnis verschaffen und fundiertes Wissen über Nuklearphysik aneignen, sowie sich vor allem nicht lächerlich empören sollte, wenn sich bei ihr das diffuse Gefühl breitmacht von der weltweiten Machtgierlobby missbraucht und dafür mit Angst um Leib und Leben belohnt zu werden.
    Hirnakrobatik ist das luxuriöse Eine, (nicht nur gefühlte) Hilflosigkeit das Andere.

  • Manfred Klimek sagt:

    Ganz klar ist das Atomzeitalter seit gestern vorbei. Alles Neue müssen wir einrichten..

  • ur-laut sagt:

    Man muss dir schon recht geben…

    Leute kaufen gerne billig (wieso gibt es sonst Leute, die bei LIDL, HOFER und Co. immer das Billigste kaufen, egal woher es kommt, wie es produziert wurde usw.). Ebenso ist es bei der Gartengarnitur für die Veranda (es ist egal, wo das Holz her kommt). Genauso geht es mit dem Fisch (billig ja, Nachhaltigkeit egal). Wieso sollte es dann beim Strom anders sein (natürlich „importiert“ Österreich „Atomstrom“ – vorallem aus Frankreich).

    Es es reif für die Zeit, wo der Konsument (also wir alle) endlich mal zu denken beginnen sollte. Das Zauberwort sollte nicht „bio“ heissen. Dies ist ein Zauberwort der Werbewirtschaft. (Wenn man sich ansieht, wie „bio“-Fleisch und derartige Produkte verpackt sind, wie weite Wege diese hinter sich haben usw.)

    UNSERE worte (als Konsumenten) müssten ökologisch und für-jeden-selbst-ökonisch sein. Man würde viele Fliegen mit einer Klappe schlagen. kauft doch beim bauern im ort, beim tischler um die ecke wenn ihr wisst wo er seine ware her hat usw.

    als beispiel: was nützen mir bio-bananen aus brasilien??? nur damit einige leute wieder zusätzlich geld beim verkauf von co2-zertifakten verdienen, damit sich das ganze „bio“ nennen darf? was nützt mir „bio-schinken“ – wo 120 Gramm schinken in 40 gramm erdöl (plastik) eingepackt sind und der schinken 1.000 km reise hinter sich hat? diese liste könnte endlos lange fortgeführt werden.

    normalerweise ist es nicht meine art, aber ich wäre an deutscher (genauso wie an österreichischer) stelle hier restriktiv:

    Es gibt bei Windparks und Solarkraftwerken KEINE bürgerbefragung und keine Möglichkeit der Eingriffnahme (bei atommeilern brachte dies ja auch nichtsm it ausnahme von zwentendorf – ja unsere österreichischen eltern und großeltern waren ja doch klüger). Gesetzlich ist festgelegt, Windparks und Solarkraftwerke 500 Meter vom wohngebiet weg, kurze Studie über die rentablität und dann stehen dort die windräder – UND AUS PASTA. genauso wie bei autobahnen, pipelines usw. – wer den grund nicht verkaufen will wird zwangsenteignet – und wieder AUS PASTA.

    Wer bei windrädern mit dem eingriff in die Vogelpopulation argumentiert, sollte seine psychopharmaka absetzen. absoluter schwachsinn.

    wer damit argumentiert „die sind doch nicht schön und greifen in den charakter der landschaft ein“: ja von mir aus, malt sie grün, blau, braun oder was weiß ich was an. oder schaltet den leuten ganz einfach den strom ab und klebt ihnen auf die fenster abziehbilder von kalorischen kraftwerken und packt ihnen in ihre „febreze-luft-verbesserer“ aromastoffe von verbrannter kohle und erdöl.

    E10-sprit: absoluter schwachsinn, den sich die Ölmultis einfallen lassen haben. Für die Ethanol-Produktion ist der Energieaufwand dermassen groß, die Umwelt wird dermaßen mit Pesti- und Fungiziden belastet (na klar, was auf dem Acker wächst, muss ja auch gedüngt und vor dem Schädlingsbefall bewahrt werden) dass dies eine absolute Lüge ist. Wie man zum „Energiekorn“ steht (also das was auf dem Feld wächst nicht essen sondern zum Energierohstoff umwandeln) sei jedem selbst überlassen…

    Das Motto kann nur lauten: weg vom Erdöl- und Erdgas, weg vom Atomstrom. Alle (geistige) Energie in erneuerbare und sichere Energiegewinnung. Hin zur ökologischen, für-sich-selbst-ökonomischen Nachhaltigkeit und führt ihnen vor augen, was wir alle unseren nachkommen mit unseren blödheiten anrichten…

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