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An der Seite des Anderen: Thomas Maurer schreibt ein neues Programm

Von | 08.03.2011, 8:56 | 4 Kommentare

Nach der Premiere bleibt die Frage: Was wäre, wenn mein Leben nicht so durch den Beruf des Anderen bestimmt wäre?

Nach der Premiere bleibt die Frage: Was wäre, wenn mein Leben nicht so durch den Beruf des Anderen bestimmt wäre?

Sommer 2010. Eigentlich sei es ja eine Schande, schwadronierte der Andere, dass die alten Kabarettprogramme, also die von vor fünfzehn, zwanzig Jahren, keine Sau mehr kennt. Aufzeichnungen darüber gäbe es auch nur ungenügende. Er hätte sich das alles kürzlich durchgelesen und sei begeistert von der Qualität und der bestehenden Aktualität. Diese Arbeiten müssen eine Renaissance erleben. Alles andere wäre Verschwendung von wertvollem Hirnschmalz. Und das wird ja nicht schlecht. Das nächste Programm wird also ein Best Of. Das Material existiert schon, das muss nur einen Bogen bekommen, eine Sache von konzentrierten zwei Wochen. Ein Kinderspiel.

„Super Idee“, sage ich. „Fuck“, denke ich. Ein neues Programm. Das heißt: Konzeptionsphase, Diskussionsphase. Schreibphase, in deren Rahmen dann eh so gemacht wird, wie er sich das selber denkt. Und dann wird unheimlich viel dran gearbeitet. Monate. Phase der technischen Planung. Übern Haufenwerfphase. Dann doch Dabeibleibphase. Hysteriephase, weil die Technik immer Last Minute passiert. Premiere.

Sommer 2010, da habe ich gerade einen Job geschmissen. Unvereinbarkeit auf verschiedenen Ebenen. Vor allem mit der Schlaflosigkeit. Das Kind ist ein so genannter Eineinhalbstundentakter. Das wirkt sich aus, nach zwei Jahren en suite. Aber diesmal, diesmal mach‘ ich das besser als früher, das mit dem neuen Programm. Ich ziehe mein eigenes Ding durch.

Der Herbst ist lange. Er ist durchwirkt von allabendlichen Vorstellungen des Anderen, Hundertschaften von Nebenprojekten, die ihn nicht am neuen Programm arbeiten lassen, aber die Nervosität schüren. Weil der Premierentermin steht: 1. März, Stadtsaal Wien. Mein eigenes Ding äußert sich dadurch, ziemlich aktiv 40 zu werden. Das war jetzt auch kein Honiglecken. Wo bin ich? Wer bin ich? Und wer ist dieser Komödiant in meiner Wohnung? In der Zeit teilte ich mir mit dem Sohn die Warum-Phase. Jobaufträge für mich trudeln ein, machen kehrt und sind wieder auf und davon.

Weihnachten. Neujahr. Vorgezogene Zeit der Panik des Anderen. Nix ist noch fix im neuen Programm. Er braucht Zuspieler von Kollegen und Prominenten, am besten vom Bundespräsidenten oder von wem anderen ganz argen, so wie John Cleese. Mhm. Träum weiter. Ich habe ein paar Schreibjobs dazugekommen und schreibe neuerdings „Autorin“ unter meine Emails. Auf das wäre ich von selbst nicht gekommen.

Der Andere entwickelt als Bühnenfigur einen Parallel-Typus von sich, so eine Mischung aus beuteligem Kokser und einem dieser Deutschen Mario Barth-Typen. Die so peinlich ihr eigenes Logo auf dem T-Shirt tragen und austrainiert und dünn sind.

Die Diät wird begonnen. Eisern. Schöne Zeit für mich. Kein Alkohol und strenger Ernährungsplan bedeuten, dass der Andere sich nicht nach den Vorstellungen woanders versaufen oder verfressen kann. Er kommt nach Hause. Wir reden am Küchentisch. Fast wie früher. Er erzählt über die Vorstellung. Oder die Fortschritte in der Arbeit. Ich erzähle über was anderes. Aber bald sind wir wieder beim Anderen. Dann reden wir darüber, was er alles kochen wird, wenn die Diät vorbei ist. Oder vom Kind.

Eines Jännerabends kommt er nach Hause und strahlt. Das Stück ist fertig. Er liest es mir am Küchentisch vor. Ich bin begeistert. Nämlich sofort. Bei den früheren Programmen musste ich immer drüber nachdenken und habe die Hälfte nicht kapiert. Aber das hier fand ich von vornherein wirklich gut. Das wird ein Erfolg. Es ist zwar ein Geheimnis, aber ich bin der Maßstab für sowas. Ich weiß nicht, ob ihn meine Begeisterung stutzig gemacht hat, wahrscheinlich hat er es sich noch einmal durchgelesen, ob es doch nicht zu seicht ist.

Probenzeit. Der Andere verschwindet in der Symbiose mit der Regisseurin. Ich mache weiter mein Ding. Heimse zwei Buchprojekte ein, die ich mit wirklich triftigen Gründen prokrastiniere. Das Kind fängt derweil zu spinnen an vor Sehnsucht nach dem Vater und erfindet Szenarien, wie ein Monster den Papa überwältigen kann. Oder umgekehrt. Einmal steht es verbotenerweise auf einem Glastisch. „Das ist eine Bühne. Ich arbeite.“ Wir werden Freud dazu befragen, irgendwann. Ich habe eine friedliche Zeit, mit Arbeit und die Sinuskurve zeigt grad wieder mehr Entzücken als Anstrengung wegen des Kindes an.

Die Premiere lauert in einer Woche. Der Andere ist euphorisch über seine gepurzelten Kilos, seine gelungene Planung mit den zugespielten Filmchen und völlig devastiert über die Techniksituation. Sein langjähriges Team verkrallt sich in den Reigen von gewohnter Professionalität und uralten, immer wiederkehrenden Fehlern. Der Ausnahmezustand ist eingeläutet.

Mich jucken alte Berufsautomatismen. Überprüfe die Vorankündigungen. Es gibt nichts Schriftliches. Keine professionelle Kampagnenplanung, keine von langer Hand ausgemachten Features in den Monatszeitungen, die Homepage ist wie Kraut und Rüben. Kein Facebookauftritt. Ich werde abgewimmelt. Soll mich relaxen. Wird schon alles passieren. Geht mich nichts an. „Sauhaufen“, denke ich. Dann sehe ich sie, die Plakate und die Interviews und die Pressefotos. Alles läuft. Ich ziehe mich ins Innerste zurück und spiele mit mir Topfklopfen. Schreiberisch bringe ich nichts weiter.

Ich schaue mir die Einladungsliste durch. Ertappe mich dabei, dass sie mir unangenehm ist. Ich habe damit nichts zu tun. Ich bin keine Schnurrdiburr. Die Namen, die dastehen ohne Vornamen, sind die, wo ich nicht nachfragen sollte. Fans. Exliebschaften. Die mit den nächtlichen SMS. Das sind seine VIPs, seine Medien, seine Lebensbegleiter. Ich schreibe ein paar Freunde drauf und meine Schwester.

„Bist du aufgeregt?“ werde ich gefragt, am Premierenabend. Weiß ich nicht. Nein. Ich bekomme vom Spotlight nur die Blendung, aber nicht die Wärme. Und ich kann es ja nicht ändern. Dass es eine Premiere gibt, ob das Stück aufgeht oder nicht. Ob irgendwer aus dem Team einen Kollaps bekommt. Der Andere steht locker und voller Vorfreude unten in der Garderobe und spielt Tischtennis. Ich wünsche Glück. Und gehe wieder. Ich kann nur versuchen, die Hysterie wegzuhalten. Und mich jetzt sehr auf mich zu konzentrieren. Es gelingt mir nicht.

Die Premiere beginnt. Ich sitze neben meiner Schwester und einem berühmten Schriftsteller und finde beides absurd. Und dann lasse ich mich von diesem gescheiten Fremden auf der Bühne überraschen. John Cleese grüßt. Mein Sitznachbar wird in einem Filmchen mit Papierkugeln beworfen. Der Bundespräsident sagt „Lauser“. Ich höre mich lachen, laut. Hinter mir sitzt aber gottlob der eine Fotograf, der noch mehr wiehert. Das Publikum feiert den Anderen. Er lächelt. Als hätte er‘s gewusst.

Premierenfeier. Ich werde grundlos gelobt und eigenartig ausgefragt. Danke für die Karten. Danke für die tolle Premiere. Großartige Leistung. Gratuliere. Saukomisch war es. Wie merkt man sich den Text? Komische Visuals. Tolle Einspielungen. Wie kommt man auf das alles? Das Logo auf dem T-Shirt hätte man sich sparen können, das wäre ja so peinlich wie diese Mario Barth-Typen.

Ja, was weiß ich? Mir ist übel von all der Aufregung und der Erleichterung über den gelungenen Abend.

Mir wird von einem Experten erklärt, dass eindeutig die alten Sachen herauszuhören sind, die qualitativ viel schlechter sind. Er irrt, hätte ich erwidern können. Der gesamte Text besteht aus den alten Stücken. Das war die Kunst, dass es wie neu geschrieben wirkt. Aber ich fühle mich bereits wie ein Maulwurf beim Feuerwerk. „Ah?“ sage ich nur. Soll sich doch der Andere selber verteidigen. Soll er selber über sich reden. Er ist sein allerbester Anwalt.

Später sitzen wir am Küchentisch, der Andere und ich. Bei mir löst sich der Knopf und alles sprudelt aus mir heraus. Der Stolz und die Bewunderung. Ich spiele ihm Szenen aus seinem Programm vor. Er ist gnädig und findet es ja zumindest inhaltlich lustig. Es ist vorbei. Und der Andere wird jetzt auch wieder greifbarer sein. Er badet in der Zuneigung.

Die Kritiken trudeln ein. Sie sind gut. Erleichterung. Ehrliche Freude beim Anderen. Die alten Programme sind endlich zu Ehren gekommen. Ein grosses Lebensthema hat sich erfüllt. Liebevolle Anrufe, auch bei mir, ob vielleicht nur ein einziger Journalist bei der Premiere war, der dann die Lobeshymnen an alle Medien verkauft hat.

Belohnungsessen in einem Haubenlokal auf Einladung des Anderen mit Regie und Management. Müde Zufriedenheit.

Ein Wichtiger meldet sich bei ihm. Ich soll nicht so viel Persönliches auf Facebook posten. Der viele Einblick in mein Leben sei gefährlich für das Privatleben des Anderen. Natürlich.

Eine Woche nach der Premiere sitze ich auf der Couch. Postpremierenblues. Das Telefon ist still. Der Andere ist im Theater, ab jetzt fünf Abende die Woche. Das Kind schläft. Der Hund liegt im Körbchen, riecht schlecht. Ich hänge meinen Gedanken nach. Bin faschiert von dem Hype, der ja nichts mit mir zu tun hat.

Ich frage mich, was ich jetzt tun würde, wenn mein Leben nicht so durch den Beruf des Anderen bestimmt wäre. Weil ich habe mir das selber ausgesucht, sagt jeder. Wird schon stimmen.

Ich brauche vielleicht was eigenes. Etwas, das mich so umreißt, das mir dieses Fremdmeer von dem Anderen meinen persönlichen Tümpel nicht mehr zuschwappen kann. Einen neuen Job. Einen Liebhaber. Ein anderes Land. Noch ein Kind. Oder doch das Buch angehen. Bis ich genaueres weiß, lese ich etwas über Pflanzen. Und denke ein bisschen an den Anderen. Und das tut schon gut.

PS: Termine unter www.thomasmaurer.at

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