Jetztzeit

Reality-Check: die Gegenwart in Wort und Bild

Netzzeit

Geschichten aus dem Leben mit dem Netz

Sexklinik

Alle Zeit bereit: Quality Time zum Thema Nummer Eins

Auszeit

Kultur & Freiheit: Doping zur Bewältigung des Alltags

Denkzeit

Die Welt ist kompliziert. Reden wir darüber

Sie sind hier: Home » Wort zum Sonntag » Pimping Gaddafi
Share

Pimping Gaddafi

Von | 06.03.2011, 19:08 | 2 Kommentare

Erinnert Sie der Oberste Libyer an einen Zuhälter? Kommt Ihnen der Westen nuttig vor? Es gibt Fragen, die kannst du nicht trennen.

Zwei, die einander verstehen by daveeza, Lizenz CC BY-SA 2.0

Erinnert Sie der Oberste Libyer an einen Zuhälter? Kommt Ihnen der Westen nuttig vor? Es gibt Fragen, die kannst du nicht trennen.

Langsam packt sie der Genierer, die Unterhalter. Gestern verlautete Nelly Furtado, dass sie die Dollarmillion, die ihr Gaddafi 2007 als Schmattes für ein Lied zuwarf, jetzt eigentlich nicht mehr braucht. Heute machte es Usher ihr nach. Die Gage vom Neujahrsgig 09 für Gaddafi-Sohn Hannibal in der Karibik? Alles schon bei der Caritas, man wird doch wohl noch was für die Wohlfahrt tun dürfen?

Die Karibik-Party. Auch die süße Beyoncé ließ dort ihren Hintern wackeln, sie war nicht so billig wie Nelly, erst zwei Millionen machten sie willig, dafür brachte sie ihren coolen Gatten Jay-Z mit, der eiskalte Miene – Yo, Muammar! – zum wonnigen Spiel unter heißer Sonne machte.

Von Beyoncé bzw ihrem Gatten hab ich noch keine Stellungnahme entdeckt, von Mariah Carey – auch keine Billige – auch nicht. Aber warum sind diese Entertainer jetzt plötzlich generell so unrund? Der Despot wünscht, der Popstar spielt – das ist doch Genre-immanent, no? Michael Jackson tanzte für den Sultan von Brunei ( $16 Mio, thanks), Bob Marley für Mugabe (Zimbabwe 1980), Sting („I hope the russians love their children too“) für den habituellen Menschenrechtsverletzer Islam Karimov von Uzbekistan.

Dass Eric Clapton nicht für Nordkoreas Kim Jong Il aufgeigte, hat nur damit zu tun, dass ihm das New York Philharmonic Orchestra den Gig wegschnappte. Aber Entertainer & Despoten, das war immer schon wie Tanzbär & Nasenring, wie Richard & Christine, die gehören zusammen, egal wie auseinander sie sein mögen. Johannes Heesters trat mal für Hitler in Dachau auf (1941)? Hat es ihm geschadet? Der ist noch immer quietschfidel, und das mit 106!

Aber gut, vielleicht war Jay-Z nur angewidert. Weniger, weil sein Gespons für den Gaddafi-Bengel laptanzte. Eher, weil sie es zu billig gaben, was sind schon ein paar Millionen für einen Handtuchkopf, der auf Öl sitzt? Gerade der Amirapper ist ja nicht blöd, der hat gehört, was Bernie Ecclestone den Scheichs in Bahrain aus den Ärmeln zog (zu dumm, dass dort grad Zoff ist, aber keine Sorge, Bernie, die werden das hobeln), was sich die Dubai-Emire die jährlichen Gigs von Tiger Woods und Nadal und Co kosten lassen, damit sie in der Welt gut aussehen. Oder die Ziffer mit den vielen Nullern dahinter, die jetzt auf einem Scheck adressiert an Mister Sepp Blatter stehen, gezeichnet von Scheich Hamad Bin Khalifa al-Thani, Emir von Quatar, damit dort dereinst in absurder Hitze die Kicker-WM abgespult werden kann – wieso sind sich die so sicher, dass in dem Land 2022 noch ein Sandkorn auf dem anderen ruht?

Irgendwann müsste doch auch dem abgebrühtesten Massenunterhalter mal die Frage zwischen die Ohren nisten, Moment mal, wer ist das eigentlich, mit wem ich da deale. Aber wahr ist halt auch, dass sie sich die Frage ohnehin stellen – und dann eben umso mehr verlangen, je anrüchiger der Kunde ist. Haltung ist eine Frage des Preises.

Das alles haben die Popstars sicher mitbekommen und konnten daher nur zu einem Schluss gekommen sein: dass sie sich zu billig verkauft hatten; dass Wissenschaftler wie der Harvard-Professor Joseph Nye die besseren Nutten sind, der brauchte nur nach Tripolis zu fliegen (2007), den alten Gaddafi einen „Mann der Ideen“ nennen – und kam seither aus dem Dollarzählen nicht mehr raus. Die Insel-Unis beziehen seit Jahren Megamillionen aus Libyen, dafür mussten die Studiosi nur ein wenig „Israel raus aus Palästina“ schreien und der Innenminister den Lockerbie-Attentäter Abdel al-Megrahi laufen lassen (2009), der hatte zwar fast 300 Menschenleben auf dem Gewissen, aber nur noch Wochen zu leben und das Dumme ist eigentlich nur, dass er immer noch lebt und in Libyen ein Held ist.

Reicht ein Handjob? Noch zwei, die einander verstehen. Screenshot

Ein Großmeister in der Kunst des Kehrtwendens war Neokatholik Tony Blair, der 2007 auf einen Handjob zu Muammar ins Zelt gelangte und bei Wunsch auch auf einem Bein stand, dann aber seine Signatur unter einen fetten Deal für BP setzen konnte.

Das alles nimmt unsereins locker in Kauf, nicht wahr, wenn man vor dem Computer sitzt und sich die News des Tages einverleibt, weil samma ehrlich, jeder will sein Auto fahren, dafür steckt man so manches weg, zumindest so lange, bis auch ein tief im Sand steckender Kopf nicht mehr weghören kann, wie eben jetzt.

Nur versteh ich jetzt nicht, dass keiner mehr den Gaddafi verstehen will, dass jeder ihn für verblendet und verrückt erklärt, so als wär er anders als zuvor. Der ist nicht verrückt, liebe Leute, wie verrückt kann einer schon sein, der sich 42 Jahre an der Macht behauptet?

Dass er nun in Interviews so Sager wie „Libya love me, all my people with me, they love me all“ oder „Ich kann keine Macht aufgeben, ich hab ja kein Volk“ loslässt, bedeutet nicht, dass er geisteskrank ist. Der sagt das nur, weil er weiß, dass er dem Westen alles sagen kann. Weil er den Westen verachtet. Weil der Westen sich in seinen Augen alles reindrücken lässt. Ein paar Liter Öl zur Lubrikation und alles ist möglich.

Apropos Neokatholik Blair, der mich an einen berühmter Sager Gaddafis erinnert („ich unterstütze alle Frauen, egal ob weiblich oder männlich“). Protestanten haben keine Beichtväter und ich glaube, Blair wechselte seine Religion, weil er sich im Leben habituell viel einbrockte und jemanden brauchte, der den Schmutz auslöffelte, der ihn erleichterte, von Dreck wie dem Gaddafi-Deal. Der Protestant wurde Katholik, um den inneren Gaddafi los zu werden. Da fällt mir eine legendäre Renate ein, die ihre Religion wechselte, um zu Gaddafi zu gelangen. Renate legte uns bemühten Co-Publizistikstudenten der 70er Jahre eine beeindruckende Show vor. Sie wollte Gaddafi interviewen, trat dafür 1978 in Tripolis zum Islam über und kriegte so ihren Termin. Der begann laut Spiegel am Gebetsteppich hinter einer Bücherwand. R: „Gaddafi küsste mich und atmete heftig.“ Die Story war eine Gaudi. Alle amüsierten sich.

Wir Studenten waren auch ein wenig neidig. Diese Renate hatte gezeigt, wie man es macht, „System Günter Wallraff“ halt, das war ein investigativer Journalist, der inkognito Bild-Reporter wurde und eine Weile den entsprechenden Scheißkerl raushängen ließ und darüber einen Bestseller schrieb. Das war cool, er tat es für einen Zweck, er war ein Jemand. Und Renate hatte es ihm gleich getan, schrieb auch ihr Buch über das „enfant terrible“, kam gleich nach der Gaddafi-Begegnung mühelos bei profil unter und putzte eine Weile die linke Schickeria (Gulda, Helnwein, etc) auf, keine Ahnung, was sie heute macht.

Gaddafi diktierte ihr schon damals – vor über 30 Jahren – Dinge wie „ich bin ein Führer, habe aber kein Volk. Ägypten hat 40 Millionen, aber sie haben keinen Führer“ ins Mikro. Nichts anderes sagt er heute. Und schon damals war er für den Spiegel „ein Staatschef eines kleinen Volkes, (der sich gebärdet), als sei er der Größte“, ein „Operettenstar auf der Weltbühne“. Ähnlich wie heute. Und Ronald Reagan nannte ihn einen „verrückten Hund“.

Die Frage war anfangs auch: Konnte einer, den ein Reagan als „mad dog“ bezeichnet, tatsächlich ein gar so Schlechter sein? Aber gut, Ereignisse wie die Bombe im Berliner Nachtklub (1986), Lockerbie (1988), das Massaker der 1200 Menschen im Gefängnis Abu Salim (1996)  und und und belehrten auch den größten Naivling.

Nicht belehrte Gaddafis blutige Spur das Establishment des Westens, die Nutten, die bis vor kurzem um ihn herum kurvten wie die Motten ums Licht. Wie zuvor um Ben Ali und Mubarak. Der Unterschied ist, dass er sich nicht so leicht vertschüssen lässt wie seine beiden Ex-Kollegen.

Im übrigen ist es höchste Zeit, die Aufstände in den Ländern Nordafrikas nicht mehr so praktisch portiönchenweise zu konsumieren, erst Tunesien, dann Ägypten und welches Land ist das nächste? Der Westen tut es, weil es nach jedem Despoten, der fällt, noch immer genug andere gibt, die sich beknien lassen, seid doch so nett und produziert jetzt etwas mehr Öl, gell? Nur haben die Emirate auch genug Leichen im Keller (Wie wärs mit den tausenden versklavten Bangladeschis von Dubai?), um ausreichend nervös zu sein. Weiters sind die Saudis gerade unwirsch, weil ihre Anrufe nach Washington – man solle Mubarak doch erlauben, auf sein Volk zu schießen (!) – dort auf taube Ohren fiel.

Warum sollten sie also den Ölpreis durch Mehrproduktion niedriger halten? Damit sie leichter zu entmachten sind? Na eben. Viel wahrscheinlicher, dass sie den Westen an dessen Eiern packen. Beim Ölpreis. Wahrlich, ich sage euch: Noch heuer werdet Ihr zwei Euro für den Liter Benzin hinlegen. Dumm für unsereins. Aber Jay-Z wird es verkraften.

2 Kommentare »

  • saxo lady sagt:

    wer ist nur schuld, frag ich mich?

    die pop-heros, die ihren job tun und ordentlich kohle machen? aber geh. das rührt mich ja jetzt fast. nett eigentlich, dass sie jetzt das geld nicht mehr haben wollen…oder einem besseren zweck zukommt. ich hab mich gerade gefragt, ob ich wohl auch …?
    na klar, wenn ich ein engagement um ein paar tausender in dubai/lybien/kairo bekommen hätte, immer her damit. ich hab mir vor 4 jahren ja auch noch überlegt, ob ich in tunesien oder in der türkei urlaube (bin ich eigentlich gut, weil es die türkei geworden ist?) Weil ich nämlich nie…als recht eifriger zeitungsleser, wie mein mann bestätigen könnte…auf die idee gekommen wäre, dass das nicht in ordnung wäre. von einer berichterstattung über die tatsächlichen zustände in diesen ländern habe ich nichts mitbekommen…

    sind jetzt die journalisten schuld?
    aber geh. warum denn? auch die müssen sich auf irgend etwas verlassen.
    vielleicht auf das grundgefühl, dass es eh passt, weil so schlimm kann nicht sein, wenn die westlichen politiker sich mit den herren diktatoren treffen…

    also sind die politiker schuld? hm. die berichterstattung wäre sicher interessant gewesen, wenn die politik postuliert, dass der spritpreis halt leider nicht zu halten ist, weil öl jetzt teurer importiert werden muss, pipelines nicht gebaut werden…

    also doch der „bürger“, für den diese lebensgrundhaltung gemacht wird?
    also doch ich?
    nun, dann werd ich den spritpreis halt widerspruchslos schlucken und ev mein fahrverhalten anpassen. bisserl mehr nachdenken, für welche strecken das auto wirklich sein muss…der feinstaub wird sich ärgern ;)

    herzlichst

    • Frater Gladius sagt:

      Es gibt Dinge, die brauchen keine Schuldfrage. Sag ich mal. Und weil gerade Öl etwas ist, worin alle verwickelt sind, wär das bewusste Entsorgen durch Zuordnen des „schwarzen Peters“ auch ein wenig unbefriedigend. Da bleibt wohl nur Haltung, jeder für sich und wie es ihr/ihm gefällt.
      Bei mir rührt sich da der innere Seelsorger, nämlich der sich um die eigene Seele sorgende. Ich bin in einem Alter, in dem sich Gedanken an den letzten Atemzug nicht mehr so leicht automatisch unter „Thema uninteressant“ abhaken. In diesem Zusammenhang gefiele mir nicht, wenn mir beim Ausröcheln Wortfetzen wie „eigentlich warst du ein Arschloch“ zwischen die Ohren gerieten. Da, fürchte ich, würde ich mir noch einmal in den Arsch beißen, ehe ich ins Gras beiße. Ein unsympathischer Gedanke, der (törichtes) vorbeugendes Unbehagen schafft – das es sozusagen auf Teufel komm raus zu delogieren gilt. (Seht ihr, so kommen die Pfaffen zu ihren Lämmern.) Herzlichst, Ihr FG

ZiB21 sind: unsere Blogger