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Dancing Stars 2011: ein Käfig voller Laudas

Von | 06.03.2011, 3:33 | Ein Kommentar

True Dirty Dancing: Diese Woche startet Dancing Stars, die Nächste.  Devil Dirt empfiehlt die Mutter aller Höllenshows. Devil Dirt weiß, wie man dem Volk nach dem Mund redet. Er stimmt gern in Schimpfkanonaden ein, schießt dann aber weit über das Ziel hinaus. Neulich in der U-Bahn war es wieder mal soweit. Aber lesen Sie selbst. […]

Niki Lauda by Erich Reismann

True Dirty Dancing: Diese Woche startet Dancing Stars, die Nächste.  Devil Dirt empfiehlt die Mutter aller Höllenshows.

Devil Dirt weiß, wie man dem Volk nach dem Mund redet. Er stimmt gern in Schimpfkanonaden ein, schießt dann aber weit über das Ziel hinaus. Neulich in der U-Bahn war es wieder mal soweit. Aber lesen Sie selbst.

Die Morgenbesprechungen mit meinem Scout sind eine einzige Katastrophe, weil der junge Mann immer unausgeschlafen herumsteht und grantig schaut. Das ist nicht besonders erbaulich und hilft dem Teufelswerk nicht weiter. Aber ich muss den Azubi bei Laune halten, also erzähle ich ihm manchmal gut erfundene Geschichten aus Mr. Dirts reichem Erlebnis- und Erfahrungsschatz. Von alltäglichen Begegnungen mit einfachen Männern und Frauen. Männer und Frauen von echtem Schrot und Korn, die regelmäßig meinen Weg kreuzen, seit ich als freier Missionar der Finsternis im Gewusel da draußen Dienst tue.

Heute erzählte ich ihm die Geschichte vom Mann mit dem Zopf. Eine wahre Geschichte, noch frisch vom Weg ins Büro.

In der U-Bahn war heute so ein Mann mit einem Zopf, der hat mit seiner Zeitung vor dem Kopf eines anderen herumgefuchtelt. Zerknitterter Anzug, kaum wahrnehmbare Alkoholfahne, aufgedunsenes Gesicht, feuchte Aussprache und ein unfreiwilliger Zuhörer vor der Nase. Zuerst wusste ich nicht genau, worum es ging. Dann sagte der mitteilungsbedürftige Herr:

Der Lauda hat schon recht, bald müss ma uns entschuldigen, dass ma auf Frauen stehn. Wenn die Homo-Selbstdarsteller jetzt schon bei Dancing Stars mitmachen dürfen, hört sich eh alles auf. Der Haider, die schwule Sau, soll sich schleichen, wo führt des hin?! Die kriegen vom ORF noch a Supergage, damit sie sich im TV bespringen dürfen …

Chancen wie diese kommen nicht so schnell wieder. Also nützte ich die eine Millisekunde, die der Zopfträger zum Atemholen brauchte, und sagte:

Guter Mann, wie recht Sie doch haben!

Der gute Mann mit dem Zopf sah mich an. Noch ein paar Gesichter drehten sich in meine Richtung, und endlich durchströmte mich wieder dieses warme Gefühl, einen Draht zu den Sterblichen gefunden zu haben. Keinen rettenden Strohhalm, nein, eine hübsche, dünne Drahtschlinge, die man vielleicht einmal zuziehen konnte.

Wie recht Sie doch haben, sagte ich noch einmal zum Bezopften, der mich unfreundlich angaffte. TV-Sender im Quotenkampf sind wirklich das Letzte. Und wer bezahlt die schwulen Tanzstunden? Wir Steuerzahler, stimmt’s?

Zustimmendes Gemurmel und schiefe Blicke. Der Zopfträger war nicht begeistert, ich hatte ihn als Wortführer abgelöst. Aber es war zu spät. Viel zu spät.

Es ist eine Frechheit, was wir für unser gutes Geld vorgesetzt bekommen!

Zustimmendes Gemurmel.

Was der österreichische Rundfunk da macht, ist einfach nur peinlich und berechnend. Tanzende Männer als Quotennutten, ich bitte Sie!

Hinten im Waggon klatschte tatsächlich jemand Beifall. Ich hatte sie an den Eiern, zwanzig treue Seelen. Es war einer dieser Momente, die ich gerne für die Ewigkeit festgehalten hätte. Phänomenal, nur leider unwiederbringlich.

Das Problem sind die Senderchefs, denen fehlt es an Weitsicht, sagte ich sanft. In diesem verschissenen Österreich reicht es einfach nicht, dass ein schwuler Moderator mit einem heterosexuellen Eintänzer über das Parkett wackelt! Ein bisschen mehr Mumm, und Dancing Stars 2011 hätte die Tanzshow des Jahrhunderts werden können. Ein richtiges Ballroom-Inferno. Was Großes halt.

Lauda im Smoking by Erich Reismann

Wenn schon Quotengeilheit, dann richtig, meine Damen und Herren! Stellen Sie sich vor, man hätte Josef Fritzl aus dem Knast geholt und mit der Kampusch zusammengespannt. Überhaupt kein Problem, mit Fußfesseln und kleinen finanziellen Zuwendungen. Ich kann mir einen Ballsaal der Träume vorstellen, da wirbelt Kardinal Schönborn mit einem Messdiener auf dem Parkett herum, windet sich Gina Wild um Juppi Heesters, kuschelt Muammar al-Gaddafi mit Hosni Mubarak, lässt Lena Meyer-Landrut Silvio Berlusconi ran, wirft der Kannibale von Rothenburg Alexander Pitschuschkin über die Schulter, liegt Niki Lauda im Rüschenhemd dem teilamputierten Skifahrer Matthias Lanzinger in den Armen und dreht Karl-Heinz Grasser mit der Leiche von Friedrich Flick seine Runden.

Wirtschaftsexperte by Erich Reismann

Seien wir ehrlich, B- und C-prominente Lesben und Schwule reichen schon lange nicht mehr. Konkurrenzfähige Tanzshows brauchen Pädophile, Nekrophile, Serienkiller, Kannibalen und Wirtschaftsverbrecher. Tonnenweise Wirtschaftsverbrecher. Und Liliputaner, immer wieder Liliputaner. In Tanzshows oder beim Wissensquiz, ganz egal.

Das war dann die Stelle, an der mein Scout wegkippte. Zu müde, zu gelangweilt. Ganz im Gegensatz zu den Zuhörern in der U-Bahn. Die reagierten mehrheitlich gereizt, das Bild vom Messdiener als tanzende Kardinalsschnitte hatte sie vielleicht gegen mich aufgebracht. Oder war’s der Gaddafi beim Slowfox? Wer kann das schon genau sagen …

Früher oder später wird sich sowieso alles ändern, der Quotendruck steigt bekanntlich ins Unermessliche, jeder muss ans Limit. Ich prophezeie risikofreudigen TV-Machern eine goldene Zukunft und uns allen endlich das Programm, das wir verdienen.

Es ist schwul, es geht über Leichen und es führt kein Weg daran vorbei.

Video: Veni, vidi, Berlusconi (YouTube)

Ein Kommentar »

  • saxo lady sagt:

    dirt mein lieber,
    ich bin erfreut. nicht, dass mir vorher die lange abstinenz aufgefallen wäre, aber jetzt muss ich doch gestehen, seine geifernden boshaften gutmenschentexte sind schon eine nette morgenlektüre.
    herzlichst

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