Die Macht der Musen
Die von Howard Hughes, die von Bob Dylan, die von Dior. Drei Musen, drei starke Auf – bzw Abtritte binnen weniger Tage. Eine Würdigung.

Bob Dylan & Suze Rotolo am Cover eines legendären Albums. By misterbijou, Lizenz: CC Attr.-NC-ND 2.5
Es war eine große Woche für Musen, jene Geschöpfe meist weiblicher Natur, die so viel bewegen können, ohne weiß-Gott-was tun zu müssen. Sie begann mit dem Abtritt der Jane Russell, jener Inspiration für Howard Hughes, die für die Geschichte der weiblichen Oberweite das wurde, was Isaac Newton für die Schwerkraft darstellte und nein, das ist nicht mal von weit her geholt, Sie wissen schon, die Anziehungskraft zweier Objekte ist gleich das Produkt ihrer Massen geteilt durch das Quadrat ihrer Distanz, und was die Anziehungskraft der beiden schwerkraftresistenten Objekte von Ms Russell anbelangt, wurde auf diesem Portal bereits ausführlich berichtet, nämlich HIER.
Man sagt, es gebe kaum noch Musen, nur die Mode finde noch Verwendung für sie, das ist erstens natürlich falsch, jeder Schriftsteller hat seine Muse, sonst würde er sich die ganze Schreiberei nicht antun, Inspiration ist ja nicht etwas, das du stehlen kannst. Nur geht ein Autor mit seiner Muse mehr oder weniger diskret durchs Leben und wird sie dann doch einmal auch Thema, dann wird sie anonym lebendig und heißt beispielsweise Angel Dust, so machte es unlängst der seinerseits anonyme Devil Dirt mit seiner Ballade über sie, die im übrigen so lesenswert ist, dass ich sie noch einmal wärmstens ans Leserherz lege.
Zweitens ist es auch richtig, jedes Modehaus, das auf sich hält, unterhält auch eine Muse, wer Chanel sagt, der bleibt gedanklich häufig bei Nicole Kidman hängen und was Dior anbelangt, kommt deren „Face“ Natalie Portman seit Tagen nicht aus den Schlagzeilen. Ja, die Portman. Sie ist noch keine 30, aber sie ist am Zenit, sie ist schwanger und frisch gebackene Oscar-Preisträgerin. Außerdem ist sie Jüdin, eine „stolze“, wie sie sagte und deswegen konnte sie unmöglich tolerieren, dass „ihr“ Designer, der spanische Brite John Galliano, der seine kreative Kraft eigentlich aus ihr und sonst niemand schöpfen sollte, sich öffentlich für Adolf Hitler stark machte.
Also sprach sie ein Wort, und die Dior-Karriere des Dali-Bartträgers war hin und eigentlich könnte er einem fast leid tun, so angesoffen wie er war, aber die Betonung liegt auf fast, Trunkenheit am Steuer ist auch kein Milderungsgrund und wenn eine öffentliche Figur in der Öffentlichkeit den Mund aufmacht, dann ist das eben öffentlicher Verkehr, nicht wahr.
Nun aber zu Suze Rotolo. Ich will nun nicht ausschließen, dass Ihnen der Name eventuell nichts sagt, also erwähne ich gleich auch Bob Dylan, den kennt jeder. Ja, die Rotolo, jene nette Brünette in Dylans Arm am Cover von „The Freewheelin´ Bob Dylan“, war dessen erste Muse und nicht nur das. Geht es nach Dylan war sie die Hauptverantwortliche dafür, dass er so wurde, wie wir ihn am liebsten kennen – als DIE Stimme des humanistischen Protests.
Rotolo wurde einer italoamerikanischen Familie in New York geboren, ihre Eltern waren Mitglieder der kommunistischen Partei in der McCarthy-Ära und es war Suze, die den zuvor apolitischen Folkie radikalisierte, zu politischen Aktionen schleppte und in die Department-Stores der Woolworths-Kette, wo Schwarze beim Lunch noch nicht mit Weißen an einem Tisch sitzen durften. Und es war auch sie, die ihn bewegte, im August 1963 am berühmten Marsch auf Washington teil zu nehmen, wo Martin Luther King seine noch berühmtere „I have a dream“-Rede schwang und Dylan „Blowin´in the Wind“ sang.
Rotolo und Dylan trafen einander 1961, sie waren zwei Jahre lang unzertrennlich, wenn sie doch mal Urlaub von ihm machte, troff er seinen Trennungsschmerz in Klassiker wie „Don´t Think Twice It´s All Right“. Als er sich 1964 eine Affäre mit Kollegin Joan Baez leistete, war es dann aus mit Suze und Bob. Es gab Dinge, die wollte sie ihm nicht verzeihen, Suze Rotolo zog sich aus der Musikszene zurück, sie lebte den Rest ihres Lebens als politisch aktive Künstlerin und Lehrerin in Greenwich Village und starb vergangene Woche 67jährig an Krebs.
Somit zu Don´t Think Twice It´s All Right, jenem Lied, das Bob für Suze schrieb, jenes „most erotic thing I´ve ever seen“, wie er mal anmerkte. Das Lied wird im folgenden Video nicht von Dylan himself gesungen, der lässt sich bekanntlich nicht auf die Ebene YouTube herab, vielmehr ist es Joan Baez, die da mit Gitarre auf der Bühne steht, eine zartbittere Note, nicht wahr, wenn da Die Eine ein Lied singt, das für Die Andere bestimmt war, die nicht mehr Die Seine war, weil da Die Eine mit ihm im Bett lag. Aber so waren sie eben, die wilden Sechziger Jahre.
Joan Baez: Don’t Think Twice, It’s All Right (YouTube)






