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Sex für Fortgeschrittene 26. Der oberweite Horizont

Von | 03.03.2011, 2:18 | 6 Kommentare

In mancher großen, gütigen Frauenbrust steckt heute ein kleines, kratzbürstiges Feministenherz. Zur Politik des Busens.

 

The Two&Only Nicoles by The One&Only Erich Reismann

Zunächst zur Beschwörung der Muse. Diese Kolumne ist der amerikanischen Schauspielerin Jane Russell gewidmet, die vor wenigen Tagen im Alter von 89 Jahren starb. Russells erster Film war The Outlaw (1943), und sie wurde damit unverzüglich ein Begriff. Grund war eine strategische Positionierung ihrer Oberweite, die Amerika nie vergaß. Kongeniale BHs wurden „JaneRussells“ genannt, ihr Kollege Bob Hope stellte die Diva gern als „the two and only Jane Russell“ vor. Trotz dieses markanten Brandings ihrer heraus ragenden Attribute machte sie in der Folge auch als Schauspielerin Karriere und Friede ihrer Asche.

Jane Russell in Yank Magazine by US Army. Lizenz: Public Domain

Nun zur Sache, am besten von ganz vorn. Es ist nun auch schon wieder knapp fünf Millionen Jahre her, dass unsere Ahnen die Vierbeinigkeit eine solche sein ließen und als frisch gebackene Zweibeiner den Affen und anderen Verwandten den Mittelfinger zeigten. Der aufrechte Gang hatte beachtliche Vorteile:

Der Horizont wurde weiter. Gefahren wurden früher erkannt. Die Trauben hingen nicht mehr so hoch.

Dem nunmehr aufrechten Mann wurden damit auch gewisse Probleme geboren, von deren Tragweite er damals keinen Tau haben konnte. Die Brust der Frau, zum Beispiel, erlebte einen fantastischen Höhenflug. Bislang nicht wirklich Ehrfurcht gebietende, knapp über dem Erdboden baumelnde Etwasse, deren Funktion sich in der Sättigung der Brut erschöpfte, machten die endlich oberweiten Titten nun dem Arsch die Rolle des obersten erotischen Signalgebers streitig. Mit dem aufrechten Gang begannen „die Glocken zu läuten“, wie Busenfotografen gerne sagen.

Der Mann von heute will auf die einschlägigen Konsequenzen keineswegs verzichten, aber wie gesagt: Manchmal erwachsen ihm Probleme. Im Jahr 1994 etwa, als ein Plakat mit den beiden Exemplaren des Supermodels Eva Herzigova – drapiert mit zwei Wonder-Körbchen und signiert mit „Hello Boys!“ – direkt an einem Londoner Verkehrsknotenpunkt errichtet wurde, hieß das Problem „Massenkarambolage“.

Allerdings wird Monsieur das Phänomen „Wunderbrust“ selten als Problem bewusst. Im Gegenteil. Im Idealfall versetzt ihn der Anblick eines von diskreten Korbeinlagen zum perfekten Dekolleté genötigten Paares ebenso spontan wie unwiderstehlich in den Zustand törichter Verzückung, die ihn die Bürde des Seins ein paar geistig schwerelose Momente lang vergessen lässt. Nicht auszuschließen, dass der Zustand mit einer jähen zerebralen Blutleere einhergeht. Aber die Wirkung auf Männer ist, nun, mannigfaltig.

Die einen registrieren einen kurzen, scharfen Anfall von Erweiterung, die mit dem Bewusstsein nicht wirklich was gemein hat. Anderen fehlen häufig adäquate Worte, sie geraten in eine Maumau-Zone, die den maskulinen Geist zur hilflosen Pendelei zwischen den Worthülsen verdammt und wie einen hiebtrunkenen Boxer radebrechen lässt.

Orangen by luismaram, Lizenz: CC BY-NC-ND 2.0

Ja, Brüste. Gäbe es sie nicht, müsste man sie erfinden. Sie kommen in jeder erdenklichen Form daher. Nur wird ihre Ansicht gern zwiespältig reflektiert. Kommen sie klein, haben ihre Trägerinnen gleich das Vorurteil „widerspenstig“ am Hals. Sind sie groß, kann der Begriff Intelligenz unter die Lupe geraten, wenn auch heute seltener (siehe weiter unten).

Dass der Mann – jenseits von Zeitgeist – von klein auf lieber im Vollen wühlte, spricht nicht nur für seine Vorurteilslosigkeit. Dass die Frau heute gern mittels Wonderbra und Miracle Bra und ähnlichem strategischen Tand üppigen Eindruck schindet, heißt sicher nicht, dass sie das ihm zuliebe macht.

Schon gar nicht haben Push-ups mit Sex zu tun. Es liegt in der Natur der Sache, dass sich des Mannes anfängliche Begeisterung für das vife Brustkleid nach ersten intimen Kontakten – und realistischeren Ansichten – rasch ernüchtert. Der Wonderbra war nie wirklich für Begegnungen im Bett geeignet. Das „Wonder“ ist ein für die Außenwelt errichtetes beziehungsweise gegen die Außenwelt schützendes Artefakt. Daher geht es hier auch nicht um Sex, es geht um die politische Dimension des Busens.

Der Schriftsteller Philip Roth hat 1972 eine Novelle des Titels „The Breast“ veröffentlicht, laut Umschlag die Story eines Mannes, der sich in eine weibliche Brust verwandelte. Man kann nicht sagen, dass er sich in dieser Haut übertrieben wohl fühlte. Sein vormals männliches Selbstvertrauen sank auf die Ebene eines „großen hirnlosen Sackes voll dummen, wenn auch begehrenswerten Gewebes, das sich im passiven Herumhängen erschöpft, wie es eben die Art der Brüste ist“.

Das oberweite Werk, das damals zeitgleich mit dem unaufhaltsamen Aufstieg des Feminismus erschien und daher sang – und klanglos unterging, erlebte ein viertel Jahrhundert später anlässlich der Spielerei des US-Präsidenten Bill Clinton mit Monica Lewinsky ein überraschendes Comeback, das nichts mit dem notorischen Blowjob, aber alles mit Lewinskys Busen zu tun hatte. Laut der drallen Bürohilfskraft konnte Clinton ihre Eifersucht ob der gemunkelten Affäre mit einer gewissen Kathleen Willey (eine andere Hilfskraft) mit der simplen Logik beschwichtigen, dass er sich „niemals einer so schmalbrüstigen Frau wie Willey nähern“ würde.

Dazu dann befragt, was Feministen über so ein Bekenntnis denken, meinte eine Feministin: „Wir hassen es. Weil wir alle schmalbrüstig sind. Sonst wären wir ja keine Feministen.“

Worauf der ewige frauenbewegte Diskurs zum Kampf der Geschlechter vorüber gehend in ein innerweibliches Scharmützel in Sachen Busen umschlug. „Klein, aber vif oder groß, aber doof“, das war die Frage, und die letztliche Antwort war irgendwie weiblich: Der große Busen wurde zum Maß aller weiblichen Dinger erklärt. Ohne nennenswerte logistische Durchhänger. Dazu bedurfte es nur eines simplen Re-Brandings. Die reifen „melons“, die bombastischen „bazookas“, die erheiternden „jugs“ waren nun eben nicht mehr dumm und bestenfalls nährend sondern simply „empowering“ (ermächtigend). Im Jahr 2000 war das, und tatsächlich hat die kleine Brust seither keine erwähnenswerte Presse genossen (bedauerlicher Weise, finde ich).

Nicht anzunehmen, dass diese Diskussion in unseren Breitengraden je passiert. Die „tits“ sind eine zutiefst amerikanische Obsession. Das amerikanische Vokabular hat locker über 250 Worte für „Busen“ auf Lager und ist diesbezüglich dem deutschen Sprachraum überlegen, wenn auch nur quantitativ. Was Tiefgang anbelangt, hält etwa das Wienerische mit dem US-Slang mühelos mit, wie beispielsweise die Sprachblüte „Duttelscheriff“ (für „weiblicher Polizist“, Wiener Dialektlexikon 1990) eindrucksvoll beweist.

Allein, in der öffentlichen Diskussion der USA ist der Busen seit fast einem Jahrhundert ein mächtiges Politikum, wobei als Faustregel galt und gilt: In konservativen, repressiven Zeiten ist der große Busen populär. In liberalen, freigeistigen Zeiten gilt dasselbe für die winzige Titte. In den repressiven Fünfzigern waren Marilyn Monroe und Jane Russell populär. In den Leben umarmenden Sixties avancierten Twiggy und die großartige Jane Birkin zu Rollenmodellen. Womit jedenfalls deutlich transparent wird, in welchen Zeiten wir heute leben. (Wie gesagt: bedauerlich, dass die kleine Brust so out ist.)

Aber gut, die oberweiten Trends fanden immer schon ungeachtet etwaiger männlicher Präferenz statt, derzeit rammt der Zufall offene Türen ein, laut der frühen austro-britischen Psychoanalytikerin Melanie Klein war Adam immer schon und zwar deswegen großkariert orientiert, weil die große Brust ihm Güte, Geborgenheit und Nahrung signalisiert, während ihm der Winzling als aufmüpfig, sich verwehrend und kratzbürstig erscheint. Jedenfalls bis vor kurzem. Womit wir wieder beim Feminismus sind – und seinem aktuellen Bekenntnis zu mehr Größe.

As ever, mit zutiefst empfundenem Dank an Erich Reismann

Tatsache ist, dass heute in so mancher großen, silikonerweiterten Frauenbrust ein kleines, aber ermächtigtes FeministInnenherz pocht. Das heißt auch, dass Männer nicht einer satten Identitätskrise huldigen müssen, wenn der Anblick eines riesigen, seltsam strammen Paares sie nun plötzlich nahezu einschüchtert. Und sie könnten angesichts einer schmalbrüstig daher kommenden Kate ihre altbewährten Scherze („He Kate, ich weiß einen Witz, der dir die Titten wegblasen wird, ach so, du kennst ihn schon“) eigentlich im Sack lassen.

Womit ich leider nicht mehr weiß, worauf ich hinaus wollte. Aber das ist ja das ewig männliche Problem mit dem Busen. Wer sich zu lange damit befasst, verliert irgendwann den Faden.

PS. Video: The two and only Jane Russell, 19, in The Outlaw

6 Kommentare »

  • ZiB21. im arsch sein = bad! seit wir zweibeiner sind, passieren eros-signale above. Der Oberweite Horizont http://t.co/dXmkeMrP

  • Bernd sagt:

    Bitte Artikel und Tweet zeitgleich posten.
    Nichts ist nerviger wie einen Tweet it einer neuen Überschrift zu bekommen und einen (guten, das muss mann schon schreiben), bereits bekannten Beitrag über Mobile abzurufen.

    • Manfred Sax sagt:

      Danke für den Hinweis, Bernd. Bin aber etwas verwirrt. Tweet und Artikel kommen immer (automatisch) zeitgleich raus. Manchmal wird später noch einmal hingewiesen. Der Titel – Der oberweite Horizont – ist aber hier immer dabei. Hoffe, es war in diesem Fall nur halb so nervig. Um der Sache einen – bemüht – positiven Spin zu geben: Eine wissenschaftliche Studie kam zum Ergebnis, dass der Blick auf eine nette Oberweite des Mannes Leben verlängert. Herzlichst, Ihr sax.

  • saxo lady sagt:

    …machten die endlich oberweiten Titten nun dem Arsch die Rolle des obersten erotischen Signalgebers streitig…

    sehr schöner satz. und so stimmig.
    es stellt sich halt jetzt die frage: darf ich mit körbchengröße 80B noch feministin sein?
    oder muss ich?
    und was ist das überhaupt?
    und warum sollte sich die frage stellen, ob es von bedeutung ist, in der wirtschaft erfolgreich zu sein, wo die wirtschaft doch grad so minuserfolgreich ist???
    ach, schon wieder gleite ich ab.
    gibts eigentlich auch zusammenhänge (erforschte) über hodengröße und erfolg?

    herzlichst

    • Manfred Sax sagt:

      Hodengröße und Erfolg, saxo? Na, der Darwin´sche „Spermienwettbewerb“: Männer produzieren mehr Spermien – sind erfolgreicher in der Spermienproduktion -, wenn sie Rivalen vermuten. Die Hoden des Mannes entwickeln sich dann umso stattlicher, je mannstoller sich sein Gespons gebärdet. Aber wie schnöde darf Erfolg sein, um noch als solcher zu gelten? Wer braucht diese nervöse, von Eifersucht aufgestachelte Unrast … Mehr: http://bit.ly/h1a8vj

  • Georg sagt:

    frauen mit kleinem busen machen in der wirtschaft eher karriere als die mit einem großen. das ist statistisch bewiesen. ist wohl eine testosteron-überschwemmung, wenn er klein bleibt und sie dafür mehr ellbogen hat ;-)

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