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True Dirt: Die Ballade von Devil Dirt und Angel Dust

Von | 03.03.2011, 0:10 | 4 Kommentare

„Dein Mund steht offen, sagt Angel, sieht vertrottelt aus. Verfluchtes Tageslicht, sage ich.“ Eine Hin-und-wieder-Liebesgeschichte von Devil Dirt. Wenn man den Winter in einem Sommerhaus verbringt, geschehen manchmal sonderbare Dinge. Mein Konfusionstherapeut Eugen Slater, von dem ich bald mehr erzählen werde, hat mir dazu geraten. Nicht direkt natürlich, weil Slater mit Worten sparsam umgeht und […]

Illus: Tim Möller-Kaya

„Dein Mund steht offen, sagt Angel, sieht vertrottelt aus. Verfluchtes Tageslicht, sage ich.“ Eine Hin-und-wieder-Liebesgeschichte von Devil Dirt.

Wenn man den Winter in einem Sommerhaus verbringt, geschehen manchmal sonderbare Dinge. Mein Konfusionstherapeut Eugen Slater, von dem ich bald mehr erzählen werde, hat mir dazu geraten. Nicht direkt natürlich, weil Slater mit Worten sparsam umgeht und Andeutungen bevorzugt. Wie auch immer, ich habe seinen Text so verstanden, und der Rückzug aus dem öffentlichen Leben war unvermeidlich. Nennen wir es einen Rückzug, obwohl vielleicht doch was anderes dahinter steckt. Aber so ist es besser für uns alle, das können Sie mir glauben.

Angel Dust sitzt gegenüber, es ist dunkel, leicht dämmrig, ein Vorhang liegt am Boden und die Kerzen sind an. Elektrisches Zeug, ein Plastikchristbaum aus einer früheren Zeit mit anderen Bewohnern.

Ich hätte gerne echtes Feuer, sage ich zu Angel, du weißt, ich komme direkt aus der Hölle, doch sie legt den Finger an die Lippen und hat Tränen in den Augen. Packt mich an den Ohren, beugt sich vor und zieht mich über den Küchentisch, bis wir Stirn an Stirn aneinanderkleben und unendliche Trauer in uns hochsteigt. Infinita tristeza. Eine alte, erstickte Trauer, die süß und modrig riecht. Ich stelle mir vor, die Flammen wären echt und Rauch würde in meine Nase sickern und greife nach Angels Ohren, dann verschmelzen wir endlich und alles ist wie früher.

Wie ich dich gefunden habe? Angel fixiert mich, Schlange und Kaninchen in einem Blick. Das war keine Kunst. Alte Bastarde wie du kehren immer dorthin zurück, wo sie noch eine Rechnung offen haben. Ich will mir gar nicht vorstellen, welche Art von Rechnung das ist.

Rache, sage ich. Schon erledigt. Jetzt ist alles leer, aber sieh dir diese Schweinerei hier an!

Das mit deiner Menschwerdung hat wohl nicht ganz geklappt, Devil, flüstert Angel und fasst mit einer Hand zärtlich an meinen Hinterkopf. Sie trägt kurze Röcke und das Haar klatscht immer halblang in ihr Gesicht. Sie duftet nach Heu und Kamille, stärker als der Rauch, den es in diesem Raum gar nicht geben sollte, und eine Haarsträhne kitzelt meine Augenbraue. Eine surreale Gefühlsregung steigt in mir hoch, fühlt sich nach Verzweiflung an und zerstört das aufkommende Gefühl von eng umschlungener Lagerfeuerromantik im Ansatz.

Bis hierher und nicht weiter, sage ich, wenn du wirklich eine alte Freundin bist!

Wir lachen gleichzeitig los. Es ist ein herzhaftes Lachen, sie driftet etwas zur Seite und zieht an meinem Haar, bis die Kopfhaut schmerzt. Kann sie nicht einfach loslassen? Was soll das wieder, denke ich, mitten in dieser Müllkippe von Landhaus?

Gehst du wieder zurück, fragt Angel.

Nicht, wenn ich es verhindern kann. Der Laptop ist hin, das Handy spinnt, ich hab keine Lust auf soziale Brandherde und Multikulti-Tasking. Mein Ex-Chef ist hinter mir her, ich kann es spüren. Der Scheißkerl will mich scheitern sehen, und ich will meine Ruhe haben. Das verträgt sich nicht gut.

Angel legt den Kopf schief. Wie ist das, wenn man eine Familie auslöscht?

Kommt drauf an. Wenn wir von dem Rattennest hier sprechen …, langweilig. Aber du solltest das besser wissen. Du hast zwischen deinen Beinen ganze Großfamilien geopfert. Und auf dem Altar unter deinem Kinn eine ganze Armee. Du hast Männer in den Wahnsinn getrieben und Frauen mitten ins Hirn gefickt. Oder umgekehrt. Du hast Kinder auf dem Gewissen. Geborene und ungeborene. Du bist hier der Profi, Miss Dust.

Wir sehen uns an und das Ticken der einsamen Küchenuhr neben dem Herrgottswinkel übertönt das, was sonst noch zu hören ist. Nichts.

Es ist nie Blut geflossen, sagt Angel allen Ernstes mit belegter Stimme. Außer wenn ich meine Periode hatte.

Der Küchentisch wackelt leicht. Sie sieht scharf aus, ganz in Leder. Draußen zeigen sich die ersten Sonnenstrahlen und danach kräht kein Hahn, denke ich, ohne lange zu überlegen. Wir können nicht anders, kichern schon wieder Stirn an Stirn wie durchgeknallte Schulmädchen und wieder rollen die dicken, schweren Tränen über unsere Wangen.

Dein Mund steht offen, sagt Angel, sieht vertrottelt aus.

Verfluchtes Tageslicht, sage ich.

Der Schnaps wird uns auch nicht retten, sagt Angel.

Wir müssen uns wiedersehen, sage ich.

Weil ich die Liebe deines Lebens bin?

Hin und wieder, ja.

Bis du die Tür hinter dir schließt, sagt Angel.

Ja, nein, vielleicht. Vielleicht auch nicht.

Der Raum sieht kahl aus in der Morgendämmerung. Erinnert mich an eine Filmszene, die man nicht gerne zweimal sieht. Nicht, wenn man bei Verstand bleiben möchte. Aber zwischen mir und dem trostlosen Land hinter dem Fenster springt ein Funke über, und die Kraft kehrt zurück. Durch das tote Fleisch auf dem Küchenboden bahne ich mir den Weg zur Tür und schließe kurz die Augen, um das Bild meines Engels für immer in mein schwarzes Herz einzuschließen.

Dr. Slater wird sich für alle Vorkommnisse in meiner Auszeit brennend interessieren. Er wird mich mit gezielten Blicken zu ausführlichen Schilderungen ermutigen.

Die Begegnung mit Angel werde ich natürlich mit keinem Wort erwähnen. Er ist ein großartiger Therapeut und ein noch besserer Zuhörer, aber meine Schwäche für Miss Dust kann auch der wunderbare Herrr Slater nur falsch verstehen.

Ob ich damit leben kann? Ja und nein, denke ich. Ist aber auch gar nicht so wichtig.

4 Kommentare »

  • p. sagt:

    toll!

  • saxo lady sagt:

    :) sehr musikalisch. da intressiere ich mich doch gleich auch für den rest des romans. die abgründe des seins haben doch die anziehensten momente.

    • Devil Dirt sagt:

      Lady Saxo, ich hoffe, es ist Ihnen nicht entgangen, dass ich mir jetzt endlich meinen wohlverdienten Platz in der Sexklinik erkämpft habe. Angel hat mir dazu gratuliert. Sie sagt, eine reife Leistung für ein sexuell desorientiertes Monstrum. Was sagen Sie?

      MtG
      Dirt

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