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Plagiats-Affäre: Tu Buße, Karl-Theodor!

Von | 23.02.2011, 11:16 | 2 Kommentare

Karl Theodor zu Guttenberg ist kein Mann der Tat: Statt endlich Konsequenzen zu tragen, eiert der deutsche Verteidigungsminister seit Tagen herum.

Ein Vergleich ist angebracht: zwischen dem Fehlverhalten von Frau Käßmann und Herrn zu Guttenberg. Die reuige Kirchenfrau tritt sofort von ihren Ämtern zurück, der gläubige Katholik eiert seit Tagen herum. Klar ist: Ihrer beider Fehler sind verzeihlich. Doch vor der Vergebung kommen das Schuldeingeständnis und die Buße.

Ich habe an dieser Stelle vor vier Wochen gemutmaßt, dass Karl-Theodor zu Guttenberg den Westerwelle macht. Die Dinge ändern sich schnell, und so kommt es, dass ich ihm einige Wochen später wünschte, er hätte in der Affäre um seinen Doktortitel die Käßmann gegeben. Die ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland und Bischöfin von Hannover war nach einer Alkoholfahrt direkt von ihren Spitzenämtern zurückgetreten. Die Behauptungen gegen sie tat sie nicht als „abstrus“ ab, sie verlud auch nicht die Presse. Sie sagte: „Ich bin über mich selbst erschrocken.“

Frau Käßmann hat gehandelt und Konsequenzen gezogen. Deswegen stehen ihr auch in absehbarer Zeit wieder alle Türen offen. Sie kann wieder eine Spitzenposition in ihrer Kirche einnehmen. Sie kann, das ist in ihrem Job genauso essenziell wie in dem eines Politikers, wieder Beispiel geben.

Kein Mann der Tat

Karl-Theodor zu Guttenberg hätte sich durch rasches Eingestehen und sofortige Zurückgabe des Titels als den Mann der Tat zeigen können, als der er sich bis dahin inszeniert hat. Seine Kritiker sagen jetzt nicht ganz zu Unrecht: Konsequenzen trugen bislang immer andere, wenn der Minister in Schwierigkeiten geraten ist. Jetzt hätte er selber Konsequenzen ziehen müssen. Das häppchenhafte Klein-Klein seiner Einräumungen hingegen war und ist ein Trauerspiel.

Natürlich kann er bis zum Ende der Legislatur Verteidigungsminister und Mandatsträger bleiben. Die Opposition soll jetzt auf dem Teppich bleiben und nicht mit Schaum vor dem Mund hyperventilieren! Deutschland ist in Afghanistan im Krieg und eine Bundeswehrreform ist gerade im Werden. Da hat Frau Merkel recht: Dafür braucht sie Guttenberg jetzt. Nicht wegen vermeintlicher akademischer Begabung. Aber: Mit der Fußnoten-Affäre im Rücken kann er nicht bei der nächsten Wahl wieder antreten. Dafür fehlt die Zeit der Reinigung, die Zeit der Buße.

Die Union muss ihn gehen lassen – damit er zurückkommen kann

Frau Käßmann haben viele in der Evangelischen Kirche und der Öffentlichkeit bekniet, nicht alles hinzuwerfen. Zu groß waren die Hoffnungen, die mit ihr verknüpft waren. Klar war ihr Ausnahmetalent. Natürlich war es eine Tragödie, dass sie über diesen einen Fehler gestolpert ist. Klar ist es tragisch, wenn ein Ausnahmetalent, so sehen viele in der Union den Baron, wegen akademischen Fehlverhaltens die politische Bühne verlassen muss.

Die Union muss Guttenberg nach dieser Legislatur aus seinem Spitzenamt freigeben, damit er in einigen Jahren wieder an ein solches kommen kann. Durch Leistung, Fleiß und – so wie Frau Käßmann – durch eine Periode der Buße kann ihm der Rückweg gelingen. Herr zu Guttenberg muss seinen Rückzug jetzt auch schon ankündigen. Nur so kann er seine Zukunft in der Politik retten und sich und uns allen das nervige Gelärme der Opposition und von Journalisten ersparen, die ihr Studium abgebrochen haben und schon immer etwas gegen akademischen Dünkel hatten, der sich jetzt durch das KT-Ventil entlädt.

Verzeihliche Fehler sind etwas anderes als lässliche Sünden

Was ist schon ein Gläschen zu viel? Was ist schon eine eilig (mit schlechter fremder Hilfe) hingeschriebene Promotion? Von Politikern wird doch Übermenschliches verlangt, hat denn niemand ein Einsehen? Jetzt lasst den Mann doch, er ist doch ansonsten ein Talent. So wurde bei Frau Käßmann um Verständnis geworben, das ist der Zungenschlag jetzt beim Verteidigungsminister.

Aber es hilft nichts: Betrunken Auto fahren geht genauso wenig wie beim Verfassen einer Promotion betrügen. Beides sind keine Bagatellen oder lässliche Sünden. Beides ist in sich falsch, unabhängig von Umständen, die man abwägend vielleicht in eine Bewertung der Tat einbeziehen müsste. Entscheidend ist: Die Fehler, die beide begangen haben, sind verzeihlich. Verzeihliche Fehler sind etwas anderes als lässliche Sünden.

Ja, verzeihen kann die Öffentlichkeit ihnen: Frau Käßmann für die trunkene Fahrt am Steuer, Herrn zu Guttenberg für die Promotion, die nicht in der Weise die seine ist, wie er bei ihrer Abgabe beteuert hat. Doch dieser Vergebung müssen Schuldeingeständnis und die Zeit der Buße vorausgehen. Beides ist Karl-Theodor zu Guttenberg sich noch schuldig.

Foto: Bundeswehr Fotos, Lizenz: CC BY 2.0

2 Kommentare »

  • nepumo sagt:

    Liegt wohl an katholischer Kultur im Gegensatz zum protestantischen Puritanismus. Siehe zum Beispiel Italien: Dort begeht Berlusconi eine „Sünde“ nach der anderen … und macht munter weiter als sei nichts geschehen.

  • green_eye sagt:

    Er wird das Büßerhemd nie anziehen, denn er ist adelig. Für diese gelten besondere Regeln.

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