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Demokratie in Nahost: Arabisches 1989

Von | 16.02.2011, 12:05 | 5 Kommentare

Seit Nordafrika an den Islam verloren gegangen war, hatten einander die Menschen auf beiden Seiten des Mittelmeeres nicht mehr viel zu sagen. Seit der Revolution in der arabischen Welt ist das anders.

Bonaparte vor Sphinx. Von Jean-Léon Gérôme, ca. 1868.

Seit Nordafrika an den Islam verloren gegangen war, hatten sich die Menschen auf beiden Seiten des Mittelmeeres nicht mehr viel zu sagen. Die Revolution in der arabischen Welt ändert dies nun, denn dort stehen die Uhren nun auf 1989. Künftig werden wir uns unsere jeweiligen Freiheitsgeschichten erzählen können.

Der Mittelmeerraum war zu Zeiten des Römischen Reiches ein homogener Raum. Mit der Ausbreitung des Christentums im Imperium wurde dieses Band gefestigt. Mit der Expansion des Islam brach diese kulturelle Welt auseinander. Im Jahr 638 wird Jerusalem erobert, um 640 ist die Eroberung Ägyptens abgeschlossen. Im Jahr 711 klopfen die Streitkräfte Muhammads in Südspanien an. 1802 kommen die Europäer zurück: Napoleons Truppen landen in Ägypten. Für die arabische Welt beginnt nun im eigentlichen Sinne die Moderne: Die Begegnung mit der Technik, Wissenschaft und Kultur des Westens – der ihr doch vor allem durch eines verschieden ist: eine fremde Religion.

Entsiegelte Zeit

Der Islam war in den vergangenen Jahren, man kann sagen, im Gespräch. Seine Vereinbarkeit mit Demokratie wurde diskutiert. Seine Fähigkeit zur Freiheit. Seine Kraft, sich mit der Moderne auseinanderzusetzen. Dan Dinner schrieb in seinem Buch „Versiegelte Zeit“, dass die arabisch-islamische Kulturwelt quasi eingefroren vor sich hin wese, da sie ihre religiösen Vorstellungen seit einem Jahrtausend nicht modernisiert habe. Hamed Abdel-Samed folgt dem in seinem Buch „Der Untergang der islamischen Welt“ und weitet Dinners These dahingehend, dass er in dem Erstarken der Radikalen ein letztes Aufbäumen einer Kultur sieht, die keine Antworten mehr weiß und deshalb zum Bombengürtel greift.

Diese Thesen sind überholt; wir wissen zwar immer noch nicht, ob der Islam zur Modernisierung fähig ist. Wir wissen aber, dass es Muslime sehr wohl sind (Gleiches lässt sich vom Christentum und Christen sagen). Der Charme der politischen Freiheit – von staatlicher oder religiöser Repression – ist unwiderstehlich.

So wie 1989 nach der DDR der ganze Ostblock ins Wanken geriet, so wird durch Tunesien und Ägypten angefangen, die gesamte despotisch geführte arabische Welt in den Sog der Freiheit gezogen werden. Vielleicht kippt am Ende auch der schiitische Tugendterrorstaat der iranischen Mullahs. Ausgeschlossen ist das nicht.

Gemeinsame Freiheitsgeschichte

So wie Europa im Gefolge von 1989 eine neue, eigene Freiheitsgeschichte erzählen kann, die Ost-Erweiterung der EU ist sichtbares, äußeres Zeichen dafür, so werden das die Länder der arabischen Welt in 20 Jahren auch können. Endlich haben wir etwas, was uns auf beiden Seiten des Mittelmeeres vereint, etwas worüber wir sprechen können: Die Erfahrung einer eigenen Freiheitsgeschichte.

5 Kommentare »

  • snotty sagt:

    hmm, eine sonderstellung also. der persische pionier der medizin avicenna etwa muss also auch zufall gewesen sein.

    zum zeitpunkt des entstehens des islam war das christentum bereits in zwei heftig konkurrierende lager zerfallen, was einer von ihnen postulierten homogenität ein bisschen widerspricht.

    und achja, der zitierte historiker heisst diner.

  • Sehr geehrter Snotty,

    Wikipedia ist eine interessante Quelle; 1802 ist der Feldzug in jedem Fall abgeschlossen – also hätte es hier einer genaueren Zuordnung bedurft. Das ist allerdings keine Geschichtsklitterung, sondern im allerschlimmsten Fall eine falsche Jahreszahl. Oder ändert sich an den hier beschriebenen geschichtlichen Zusammenhängen etwas dadurch?

    Was das Christentum betrifft, so spreche ich über den Mittelmeerraum, der zur Zeit der Entstehung des Islam aufgrund der römischen Herrschaft christlich war.

    Das Kalifat von Cordoba? Wir wissen, dass die Entwicklungen dort eine Sonderstellung einnehmen. Wie dem auch sei: Eine Auslassung ist keine intentionale Geschichtsklitterung. Bei einem Text über das Kalifat von Cordoba würde ich vielleicht Karl Martell auslassen. Wer weiß.

    Besten Dank, herzliche Grüße,

    Ihr

    Alexander Görlach

  • snotty sagt:

    napoleon in ägypten, falsches datum: 1798 bis 1801, nicht 1802. siehe http://de.wikipedia.org/wiki/Ägyptische_Expedition

    dass die ausbreitung des christentums den „homogenen Raum“ des imperium romanum gefestigt hätte wäre zu belegen. immerhin zerbrach das reich nicht lange nach der erhebung des christentums (391) zur staatsreligion. gibbon etwa führt das christentum als GRUND für den untergang des reichs an. siehe auch demandt, fall roms.

    über die wissenschaftlichen und kulturellen errungenschaften im kalifat von córdoba gehen sie geflissentlich hinweg.

    das nenne ich geschichtsklitterung.

  • Sehr geehrter Snotty,

    danke für Ihren Kommentar. Leider kann ich keinen Bezug zu meinem Editorial herstellen: Wo geht es darin um die katholische Kirche? Wo geht es um den Cartellverband? Wo betreibe ich Ihrer Meinung nach Geschichtsklitterung.

    Ich habe in Ägypten gelebt und studiert und denke, dass ich mit diesem Hintergrund die aktuellen Veränderungen in dem Land einschätzen kann.

    Beste Grüße

    Ihr

    Alexander Görlach

  • snotty sagt:

    geschichtsklitterung vom ex-cartellverbandssprecher, aber wen wundert’s. die katholische kriche als freiheitsbote, klar. extrem peinlich, zib21.

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