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Alexander der nicht ganz so Große

Von | 13.02.2011, 18:26 | 11 Kommentare

Peter Alexander war ein netter Mensch und grandioser Entertainer. Und ein perfekter Superstar für die Generation der Verdränger.

Ein Mann und seine Welt. Screenshot.

Peter Alexander war ein netter Mensch und grandioser Entertainer. Und ein perfekter Superstar für die Generation der Verdränger.

Ich weiß, ich bin weltfremd. Ich hab zum Beispiel nicht gewusst, dass er bis gestern noch lebte. Das möchte ich ihm gleich mal hoch anrechnen. Seine dezente Haltung, dass dieses Jahrhundert nichts mehr mit ihm zu tun hat. Dass er schwieg, wenn andere unzeitgemäße Leute wie Lauda meinen, den Mund aufreißen zu müssen.

Gestern Nacht war ich gesichtsbüchern, und da starb dieser Hieristein-Mensch auch virtuell mit einem nicht zu übersehenden Nachleben. Von einem „Giganten“ war die Rede und natürlich von „Alexander dem Großen“. Ein FB-Freund schrieb: „Wer Beatles sagt und Johnny Cash und Bob Dylan und Jimmy Hendrix, der darf auch Peter Alexander sagen.“

Das halte ich für untertrieben. Eine der großen Jugendqualen meiner Generation war, dass du Peter Alexander sagen (und vor allem hören) MUSSTEST, wenn du Beatles und Dylan und Hendrix sagen und hören wolltest. Das österreichische Radio zwang dich dazu. Die kehrten alles, Hendrix und Stones ebenso wie Wencke Myhre und Roy Black und Peter Alexander in die Abteilung Schlager. Es gab eine wöchentliche Hitparade, die wurde von einer Eva-Maria Kaiser moderiert, und man wartete auf die überlebensnotwendige Dosis „Satisfaction“ und musste dabei so Torturen wie „Ich will nen Cowboy als Mann“ oder eben „Delilah“ auf sich nehmen (leider verriet Frau Kaiser nie im Vorhinein, um welche Zeit die guten Nummern laufen würden).

Überhaupt Why Why Why Delilah. Das kam im unsäglichen Doppelpack, zuerst von Tom Jones – auch schon eine Mutprobe – und schließlich vom alten Peter. Da rollten sich dann die Zehennägel auf. Wahrlich, ich sage Euch, der Österreichische Rundfunk betrieb Psychoterror. Wir mussten leiden, um zu denen zu gelangen, an deren Lippen wir hingen.

Und so kam es, dass meine Generation Herrn Alexander eben hasste. Das war nicht seine Schuld, aber unsere Schuld war es ebensowenig. Sein Kollege Udo Jürgens meinte einmal, Alexander war ein Sänger der „schweigenden Mehrheit“, der sich um die Jugend nicht kümmerte. Stimmt. Diese Künstler waren Auslaufmodelle, nur ließ unser Kulturbetrieb sie nicht auslaufen. Schlagersänger wie Herr Alexander minderten unseren Lebensgenuss, also waren sie Hassfiguren.

Natürlich ist mir klar, dass er ein netter Mann war. Er war sogar nicht zum Aushalten nett, wer brauchte damals schon „nett“? In seiner TV-Show war er so nett, dass ihm schon beim Begrüßungsapplaus in Minute Eins vor Rührung die Tränen kamen. Und seine Frau nannte er „Schnurrdiburr“.

Herrgottnochmal! Ich meine, ich hatte auch einmal eine Freundin, die nannte mich „Guggerling“, und das Problem mit solchem Knutschiwutschi-Slang ist doch dann immer ein horizontales, oder?

Dann seine seinerzeitigen Meldungen! „Man fragt sich“, sagte er einmal, „warum so schreckliche Dinge auf der Welt passieren können, wenn es solche netten Leute gibt.“ Wen er damit meinte? Seine Fans! Leute, die älter waren als meine Eltern. Die Kriegsgeneration und Wiederaufbauer, für die eine Watschn noch gsund war. Also auch jene Macher, die etwa dafür sorgten, dass der Geschichtsunterricht bei mir im Gymnasium im Jahr 1922 endete. Für mehr war keine Zeit, tut leid.

Das, finde ich, sollte bei den Nachbetrachtungen zu Peter dem Giganten auch seinen Platz finden. Er war ein perfekter Superstar für die Generation der Verdränger, die keinen Bock auf eine bewusste Verarbeitung der Nazizeit hatten, die stattdessen lieber auf Schwamm drüber ins sogenannte „Heile Welt-Genre“ kippten.  Für die spielte er gern den Tut-keiner-Fliege-was-zuleide-Wiener Schmäh-Mann in so Knüllern wie Charleys Tante und Graf Bobby. Film gewordene Alpträume. Filme, die ihren Teil dazu beitrugen, dass Österreich heute so seltsam inselselig dasteht.

Peter Alexander war ein Escapismus-King, und ich möchte ihm das nun wirklich nicht vorwerfen, er ist ja noch nicht mal unter der Erde. Ich wollte es aber erwähnt haben. Nun aber noch eine Huldigung seiner Kunst – ein Video aus seiner großen Zeit, für mich eine überragende Studie in Sachen Nihilismus, für die ihm wahrscheinlich sogar der große Takeshi Kitano die Hand geschüttelt hätte: Peter Alexander über „das Schönste“. Was das ist? „Wenn du bei mir bist und mich küsst – agedibumm!“

Video: YouTube (mit Dank an Walter Gröbchen)

11 Kommentare »

  • Birgitta sagt:

    das Video ist doch total englischer Humor! Nie gesehen (und will es auch nie wieder) aber ich nehme an du wirst diverse Elemente darin erkennen! Vielleicht war er (oder wer auch immer das gemacht hat) sogar seiner Zeit voraus! Und in dem Film schaut er sogar auch noch aus wie Eric Idle! RIP in any case.

  • ur-laut sagt:

    Man kann zu meinem Musik-Stil stehen wie man will, aber sein Andenken anzukratzen wäre der falsche Weg.

    Mir gefällt der Ötzi-DJ auch nicht, stehe ihm aber loyal gegenüber.

    Für solche Personen gibt es zwei geniale Sprüche:

    1.) über geschmack lässt sich nicht streiten

    2.) und können 50 Millionen verkaufte Tonträger lügen?

    Sein Privatleben… Keiner weiß was wirklich war, bei niemandem. Noch dazu muss man sagen, dass ganz selten einer wie Peter Alexander Neumayer sich politisch herausnahm und sich für niemanden einspannen ließ. Mir ist keine dementsprechende Aussage oder gar ein Foto dazu bekannt.

    Ein Mann der seinen Weg gegangen ist, der das, was seinen Erfolg ausgemacht hat fast 50 Jahre seiner Karriere treu geblieben ist, vermutlich im Bereich der „seichten Unterhaltung“ das größte österr. Aushängeschild der Nachkriegsgeschichte IST (und noch dazu zu Österreich gestanden ist, im Gegensatz z.B. zu Udo Jürgen Bockelmann aka Udo Jürgens) ist nicht mehr… Belass es ganz einfach dabei.

    • saxo lady sagt:

      dem kann ich mich nur anschließen.

    • karotterl sagt:

      liebster frater,
      die fragen, die sich da türmen, sind groß.

      war er ein opportunist? oder war er einer, der versuchte, augenmerk auf die feinen kleinen dinge im leben zu richten?
      und ist das dann im 2. fall escapismus? ist jeder jazzmusiker ein guter mensch? sind jene, die lieber zu karajan ins konzert geströmt sind und ihn verehrten, wegen „kunstaffinität“ – was immer das sein soll – weniger escapisten?

      ich hörte die großen 10. zugegeben,der einzige, der uns 12-15jährige wirklich interessierte, war udo huber. geilste stimme ever..(bis er ins tv kam…da war irgendwie eine übereinstimmungshürde, die ich nicht und nicht dapackte…)
      aber dass peter alexander da schon längst nicht mehr gespielt wurde, daran erinnere ich mich genau. weil p.a. war der typ, dessen sendungen man ansehen durfte. sonntag nachmittag. familienfernsehen. schön. weil zusammen mit errol flynn und winnetou so ziemlich das einzige, dass interessierte in der post-heidi zeit(die von der alm…heut müssen sich mädls in diesem alter mit klumheidis rumschlagen, seufz).
      sowas wie elvis presley in österreichisch. auch schön. einer, der sang, der tanzte, der immer nach herrlichen verwicklungen die richtige bekam. beruhigend.

      den escapismus werf ich eher meinen geschichte lehrern vor, die damals jahrelang ägypten (das alte), rom und die germanen durchnahm, und in den letzten 2 wochen vor der matura den 1.+2. Weltkrieg. Nagut. Kann sein, dass es länger war. Gefühlt definitiv 2 Wochen. Oh nein, stop. 4. Klasse hauptschule ausflug nach mauthausen. Viele Fragen, aber keine Antworten. Mit dem Ausflug war die Sache schließlich für die zuständigen Lehrer erledigt.
      Aber das ist eine andere Geschichte.

      Weil später wurde ich Musikstudentin. Charley Parker, John Coltrane, Cannonball Adderly…das ist die einzige echte Musik! …Dieser Meinung war ich jedenfalls 6 Jahre während des Studiums…also…im Grunde war ich nicht dieser Meinung. Ich dachte einfach auch aus Zeitmangel nicht darüber nach. Und dann fing ich an, auf der Bühne zu stehen. Fing an, mit Publikum in Kontakt zu treten.

      Da bin ich jetzt seit 15 Jahren und hab eine Menge gelernt. Zum Beispiel Demut vor der Musik. Ein Lied, eine Melodie, die so stark und groß ist, dass sie ein Hit (so gemeint, wie vor 10 Jahren gebraucht. also nicht die liedchen und dazugehörigen interpreten, die in der branche als kanonenfutter verwendet werden) wird. Unter Jazzmusikern gibt es nämlich eine weitverbreitete Ansicht, die da lautet: wenn was bekannt ist: avoid tune! ja kein Take Five, ja kein Girl from Ipanema, ja kein BEsame Mucho…iiiii. Nun, ich lernte, dass genau jene Songs wirklich mit Vorsicht zu genießen sind, und zwar deshalb, weil man sie verdammt genau und gut spielen muss, damit sie diese Eleganz und Tiefe bekommen, die sie berühmt gemacht haben. Und dann lernte ich Elton Johns Musik kennen, und Frank Zappas, und die von Lizza Minelli und von Russaja. und von Peter Alexander und Heinz Rühmann auch. und und und

      Dann hörte ich noch eine Rede irgendwann vor Jahren beim Amadeus, wo Thomas D den gspreizten Ösis mit ihrem „wertvolle“ und „wertlose“ Musik-Diktat die Leviten gelesen hat. Also…ziemlich nett war er..ist er ja, der Thomas. Kluger netter und verdammt geiler Musiker. und er sagte sowas wie:
      er versteht garnicht, warum es da eine debatte gibt, ob der dj ötzi so eine preis verdient hat, weil das ja wohl das publikum entscheidet. klar kann man behaupten: ja das sind ja alles musikantenstadel verbildete volltrottel. (übrigens, wenn p-a-shows im grunde musikantenstadl sind, ist es wohl das neujahrskonzert am ende der argumentationskette auch…:D)
      Muss man aber nicht.

      Menschen, die lernen, in so einer demütigen und gleichsam energie-vollen Haltung, wie der oide alex es zeit seines lebens machte, sein leben zu leben und andere dabei glücklich zu machen, sind für mich vorbilder.

      musste mal gesagt sein, lieber frater
      herzlichst

      • Frater Gladius sagt:

        Also vorwerfen, liebe Leute, tu ich Herrn Alexander mal überhaupt nichts. Ich schätzte sehr wohl seine öffentliche Zurückhaltung jenseits vom Entertainment, das hatte auch Noblesse. Auch glaube ich nicht, dass er Opportunist war, im Gegenteil, der hat sicher genau das gemacht, was er machen wollte. Anno Delilah -Zeit meines Teenager-Erwachens, so-to-speak – war das eben nicht, was „die Jugend“ brauchte, sondern gekonnte Unterhaltung für die Sprechen-wir-nicht-über-den-Krieg-Generation. Das machte ihn damals halt zu jener perfekten Hassfigur, als die ich ihn würdigte – und Betonung auf „würdigen“, bitte schön (egal sein kann einem bald mal wer).
        Der Opportunismus kam vom Kulturbetrieb, der ihn auf Powerplay als Gegenmittel für den Zeitgeist einsetzte – für die „Langhaarigenmusi“, welche die Alten so immens beunruhigte. Mit den Haarbüscheln, die einem die Lehrer (BRG Wels) damals ausrissen, weil sie über die Ohren ragten, konnte man eine ganze Liga mit Fußballerfrisurperücken ausstatten.
        In diesem Sinne: Seid froh über die Gnade Eurer späten Geburt! Euer FG

        • karotterl sagt:

          ja die gnade der späten geburt…wie recht Sie haben, lieber Frater.

          wir wahren unser pokerface nach guter alter manier
          gefühle sind luxus, weil wir hart sind
          sind wir hier
          wir sind aus gnade zu spät geboren
          haben mit hitler nichts mehr am hut
          wir sind kreuzritter des fortschritts
          zuviel vergangenheit tut nicht gut
          den blick nach vorn …h. grönemeyer

          und trotzdem…grad dass ringt mir respekt ab vor dem p.a.

          mein geschichtslehrer in der HAK2 Wels hat keinem mehr die Haare ausgerissen, aber die subtile Art der Gschichtsverschleierung hat er perfekt beherrscht…

          never ending story…

    • Frater Gladius sagt:

      @ur-laut: „können 50 Millionen verkaufte Tonträger lügen?“

      Können sie eben nicht. Das ist es ja. Das heißt erstens alle Achtung, Herr Alexander. Was aber die Käufer angeht, verrät es mir über „die österreichische Seele“ mehr, als ich je wissen wollte. Ihr FG

  • Gernot sagt:

    Nun, ich kenne das auch: Peter Alexander aufs Ohr gedrückt kriegen statt Stones oder CCR. Aber: Ich habe das mit meinen Eltern ausgetragen und nicht einem Verstorbenen nachgetragen.1969 bekam Peter Alexander auch sehr viel Gegenwind – das war auch der passende Zeitpunkt. Er hat ihn offensichtlich ausgehalten und ist bei seinem Stil geblieben. Darf er auch, oder?. Ich war nie Fan seiner Musik. Aber ich habe es geschätzt, dass meine Oma mit ihrem nicht leichten Leben, sich über seine Musik und Filme gefreut hat. (Sie musste auch damit leben, dass bei mir CCR auf dem Plattenspieler lag.) Und Ich vermute, er selbst konnte sehr gut zwischen der öffentlichen Figur und seinem echten Leben unterscheiden …
    PS: Mein Geschichtsunterricht (in den 1970ern) reichte bis 1972. Und der Braune unter meinen Opas war kein Alexander Fan, meine rote Oma schon ;-)

    • Frater Gladius sagt:

      Wer trägt denn nach, Gernot? Wo ich wohne, wird anlässlich eines Todesfalls „erweckt“, nämlich mit etwas Realem – und ich verbrachte mehrere Stunden mit ihm. Das ist Respekt. „Alexander der Große“ und „Wiener Sinatra“ sagen geht in Sekunden – so wenig bedeutete er mir eben nicht. Ihr FG

  • Andrea sagt:

    Mhm ich weiss ja nicht, wie alt du bist, aber ich bin 36 und ich habe Peter Alexander nicht gehasst. Bei mir hat auch der Geschichtsunterricht nicht bei 1922 aufgehoert.

    Mir ist auch nicht ganz klar, warum „wir“ Peter Alexander gehasst haben sollen.
    Hoch interessant auch die Verbindung von Kosenamen mit dem „Problem Horizontal“
    Die beiden waren 50 Jahre verheiratet und sie war beileibe keine Schoenheit, wenn ich das mal so sagen darf, aber die Ehe war wohl gluecklich und sein Leid gross, als sie starb.
    Peter Alexander indirekt die Schuld daran zu geben, dass er im Radio gespielt wurde oder das alle Wiederaufbauer die „Watschn“ fuer gesund hielten und die auch noch alle daran Schuld waren, dass Geschichtsunterricht 1922 endete, ist wohl ein wenig weit hergeholt. Harmlos ausgedrueckt.

    • Frater Gladius sagt:

      Nichts für ungut, Andrea, aber mit „wir“ ist hier eher die Generation Deiner Eltern gemeint (es sei denn, Du bist ein „spätes“ Kind). FG

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