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Ägypten: Das Richtige im Richtigen tun

Von | 12.02.2011, 15:16 | Kein Kommentar

An diesem Samstag, verkatert nach der Revolution, eröffnen sich völlig neue Perspektiven. Und eventuell naht das Ende einer prägenden Zeit.

Kairo, 12. Februar 2011. Foto: sierragoddess, Lizenz: CC BY-ND 2.0

An diesem Samstag, verkatert nach der Revolution, eröffnen sich völlig neue Perspektiven. Und eventuell naht das Ende einer prägenden Zeit.

Wovon werden wir geprägt? Einige wenige sind vom zweiten Weltkrieg geprägt. Sie haben noch Bombennächte erlebt, können die Toten riechen. Für jene wird der Frieden immer das Wichtigste sein. Und sie werden für ihn mitunter ihre Freiheit opfern. Auch das muss man sagen, wenn man etwa die DDR erklären will. Friede statt Freiheit: Das erschien vielen eine gangbare Perspektive.

Einige mehr sind von 1968 geprägt. Von den Straßenkämpfen, der Politisierung des Privaten, der sexuellen und gesellschaftlichen Liberalisierung. Für sie ist diese Zeit des Aufbruchs lebensbestimmend geworden. Manche kippten ins Dogmatische, manche wurden zu Mördern. Doch die meisten überlebten mit einer gesunden Portion Geschichtsoptimismus, der durch den Einzug der Grünen in den Deutschen Bundestag und der Ernennung des grünen Straßenkämpfers Joschka Fischer zum deutschen Außenminister auch Jahre danach noch bestätigt wurde. Eine Generation von Gewinnern.

Einige mehr sind von 1989 geprägt, der größten friedlichen europäischen Weltrevolution überhaupt (mit Ausnahme von Rumänien). Letztlich hat nicht allen gefallen, was danach kam: die Verklärung des Westens führte zu herben Enttäuschungen. Doch bis auf eine kleine Gruppe Selbstgerechter und ideologisch Unbeugsamer hat auch in dieser Generation ein positives Geschichtsbild Platz genommen. Wir sind das Volk: Irgendwie kam es anders. Aber irgendwie war es ein Sieg.

Generation Nuller-Jahre

Dann kam die Generation, die von negativen Ereignissen geprägt wurde. Und von einem negativen Geschichtsbild. Der Anschlag in New York, der Krieg gegen Terror, das alltägliche Einschränken bürgerlicher Freiheiten, der Vormarsch rechtspopulistischer Parteien, die unlösbare Debatte der Zuwanderung, die Finanzkrise: Die Nuller-Jahre waren wirklich Nuller-Jahre. Ein Jahrzehnt für die Rundablage.

Doch jetzt geschieht etwas, das Geschichtsoptimisten hoffen lässt. Das Volk der arabischen Länder, mehrheitlich Muslime, verjagt ihre Despoten von der Macht. Noch dazu relativ unblutig. „Es tut so gut, wenn hohe Priester fallen“, schrieb André Heller einst in einem Lied. Gestern fiel mir dieser Satz wieder ein. Und kurz waren wir alle Ägypter.

Eine Französische Revolution?

Jetzt wird viel gedeutet und spekuliert. Was wird aus dieser Revolution? Aus der Französischen Revolution (ähnliche Vorlage: eine kleine erboste Mittelschicht verbündet sich mit dem Lumpenproletariat und Bauern) entstand die Herrschaft ideologischer Spinner (mit Massenhinrichtungen etc.). Und danach eine Art Militärdiktatur (Napoleon) mit Kaiserkrone und dem ersten modernen Weltkrieg.

Aus der russischen Revolution (wieder eine ähnliche Gemengelage) entstand die erste lang andauernde Herrschaft einer neuen Sozialreligion namens Kommunismus. Mit bekanntem Ausgang. Was aber entsteht aus dieser arabischen Revolution? Ein 1989? Oder bloß ein weiteres 1979, ein neuer Islamismus. Mit Gottesstaat, Schwulenmord und Steinigung.

Nein, sagt der Geschichtsoptimist in mir. Und der will sich später nicht geirrt haben. So ist es sicher grotesk, dass man eine Militärdiktatur begrüßt, weil sie einem das geringere Übel scheint. So ist es auch grotesk zu glauben, die Muslimbrüder werden eine Art AKP werden, sich also wie die türkischen Islamisten verhalten, die heute den Staat regieren und letztlich neue Freiheiten durchgesetzt und das Land dramatisch modernisiert haben.

Doch so grotesk ist diese Annahme dann auch wieder nicht, wenn man die jungen Sprecher der Muslimbrüder sieht. Das ist nicht der Islam, von dem man uns erzählt hat. Wir müssen in unseren Köpfen mehr Möglichkeiten zulassen. Und Provisorien.

Es ist, das ist viel zitiert worden, eine Facebook-Revolution, eine Twitter-Revolution. Gleich sind auch wieder jene zur Stelle, die das relativiert sehen wollen. Facebook, Twitter? Und wenn schon: Am Ende kommt der böse Islamist aus dem Loch gekrochen. Doch so wird es nicht sein.

ARD und ZDF

Denn so kompliziert alles scheint, so einfach ist es letztlich. Facebook ist wie ARD und ZDF, die das Bild des Westens in die DDR trugen; Facebook bringt die Welt in die Wohnzimmer der jungen Leute der arabisch-islamischen Welt. Und was sie da sehen, ist nicht jener Westen, von dem man ihnen immer erzählt hat. Keine konsumsüchtige Masse, die Drogen nimmt und der Pornografie frönt. Nein, was sie da sehen ist eine Welt freier Bürger, vor allem Gleichaltriger, die in Ruhe, Frieden und Wohlstand leben.

Das, worüber in Deutschland ein Hartz-Vier-Empfänger jammert, ist für den ausgebildeten Zahnarzt in Alexandria purer Luxus. Also eine Fünfzig-Quadratmeter-Wohnung in einem stabilen Sozialbau, Heizung, Telefon und vielleicht sogar ein kleines Auto. Das alles ist heute selbst für viele Gebildete in diesen Ländern unerreichbar. Und bei Facebook erkennen sie, dass die um ihr Leben betrogen werden, dass es anderswo einen unaufgeregten Wohlstand gibt. Und Freiheit, die sie meinen. Eventuell ist das ein etwas verklärtes Bild, doch darum geht es nicht. Im Prinzip ist es richtig.

Sie winken uns

Und das ist, was wir verstehen müssen. Diese Leute dort, sie winken keinem Kalifen, keinem Stammesführer, keinem Sippenchef, keinem Clandespoten zu. Sie winken uns. Sie winken Dir und mir. Und sie sind stolz auf das, was sie gemacht haben. Und da können sie auch stolz sein.

Und wenn wir ihnen das Angebot machen, sie auf den Weg in ihr selbstbestimmtes Leben ein Stück weit zu begleiten, dann sind wir auch den ganzen Steinzeitislam los. Und das oft so tumbe Amerika verliert ein Feindbild. Und Europa schreibt sich wieder auf die Anwesenheitsliste. In Tagen wie diesen wünsche ich mir Joschka Fischer zurück. Und Helmut Schmidt. Und Bruno Kreisky. Dennoch: Ich bleibe Geschichtsoptimist. Wenn man sich etwas ganz fest wünscht, dann geht es auch in Erfüllung. Keine Atempause, Geschichte wird gemacht.

Dieser Text erscheint auch auf CaptainCork. Es kommen die dort gültigen Lizenzbestimmungen zur Anwendung.

Foto: sierragoddess, Lizenz: CC BY-ND 2.0

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