Jetztzeit

Reality-Check: die Gegenwart in Wort und Bild

Netzzeit

Geschichten aus dem Leben mit dem Netz

Sexklinik

Alle Zeit bereit: Quality Time zum Thema Nummer Eins

Auszeit

Kultur & Freiheit: Doping zur Bewältigung des Alltags

Denkzeit

Die Welt ist kompliziert. Reden wir darüber

Sie sind hier: Home » Renee Unplugged, Sexklinik » Renee Unplugged 03. Sexuelles Networking oder: die Webcam, mein Lover und 1000 Voyeure
Share

Renee Unplugged 03. Sexuelles Networking oder: die Webcam, mein Lover und 1000 Voyeure

Von | 26.03.2009, 2:28 | Ein Kommentar

„Hi Renee, Du siehst heute aber bezaubernd aus.“ Kaum habe ich mich eingeloggt, sind bereits hunderte Paar Augen auf mich gerichtet. Im Schnitt werden es 800 bis 1200 Voyeure. Und alle sehen auf mich.

Renee by ReismannIn meinen Seidenkimono gehüllt liege ich auf meinem Bett, der Laptop vor mir, auf dem Nachtkästchen der Chardonnay, ein Päckchen Zigaretten und das Spielzeug. Die Kamera ist nicht lichtstark genug und die Neonröhre über mir lässt mich blass aussehen, also habe ich einen Scheinwerfer aufgestellt, der das Schlafzimmer in warmes Licht taucht. Zwei Stunden Cybersex mit Renee Pornero sind am Start.

Auf der Website ist mein Profil neben vielen anderen Zeigefreudigen hervorgehoben, dick umrandet und mit großen Lettern steht da „Supershow“. Gut zu wissen, dass sie wissen, was sie an mir haben.
Gerade habe ich es mir gemütlich gemacht, die Zuschauer sehen nur mein Gesicht, meine Lippen sind auf „gewinnendes Lachen“ eingestellt und ich schicke Küsschen. „Was ist Deine Spezialität?“ lese ich in meinem Chatfenster. Ich überlege kurz und drehe den Spieß um. „Finde es heraus, Süßer.“ Er kennt Frau Pornero wohl nicht, sonst wüsste er, dass ich in erster Linie aufgrund meiner analen Aktivitäten bekannt wurde. Das hat sich so ergeben. Dort waren die Pornohengste und ihre Lümmel, und hier waren ich und mein Arsch und der Rest war Bestimmung.
Ich habe heute aber keine Lust auf rektale Spielchen. Wenn ich damit anfange, wollen sie nur das eine und ich bin nicht darauf vorbereitet. Eigentlich kann ich mich nicht mehr erinnern, wann ich mein Hintertürchen das letzte Mal eingesetzt hab. Nö, heute gibt es Standard-Einhänderkost.
Ich will es langsam angehen. Zwei Stunden sind lang, wenn man sich dabei ständig an seiner Mumu rumfummelt. Es ist stimmungsabhängig, wie ich zu meiner Kleinen sage. Heute mag ich sie so richtig. Heute sage ich Mumu.
Langsam schäle ich mich aus dem Kimono und präsentiere meinen Körper. Die Voyeure auf der anderen Seite tippen begeisterte Kommentare in ihre Keyboards und fordern mehr. Ich nehme das Remote und zoome die Kamera auf das Objekt ihrer Begierde, lese die Kommandos auf der Chatleiste und versuche, den Anregungen zu folgen. Kein leichtes Unterfangen, wenn jeder User was anderes sehen will. Der eine will mich von hinten, der andere von vorne, wieder einer will nur die Mumu sehen, der nächste auch das Gesicht im Bild haben. Ich folge meiner Intuition, drehe mich um, der Arsch im Close-up. Mit der einen Hand spiele ich daran rum, in der anderen halte ich die Zigarette. Irgendwen da draußen mache ich damit glücklich. Das weiß ich. Ist ein Erfahrungswert. Close-ups machen immer glücklich. Und das fühlt sich gut an. Es gibt mir ein Gefühl der Wärme.
Ich sehe nicht, was im Chatroom abgeht und das ist gut so, da fällt es nicht schwer, mich fallen zu lassen und sogar zu genießen. Schön langsam komme ich in Fahrt und werde kribbelig. Sowas beginnt bei mir immer direkt am Punkt, als nette klitorale Sensation.
Ich drehe mich wieder zum Publikum und checke die Chatleiste, wo sich eine Flut von Nachrichten angesammelt hat. Derbe Sprüche, dreckige Kommandos. Zieh dir die Arschbacken auseinander, meint da einer, und steck dir was rein …
Nein, meine Lieben, so geht das nicht. Ihr seid in meinem Schlafzimmer zu Gast und dürft zusehen, was ich hier treibe. Aber keiner hat mir zu sagen, was ich zu tun habe. Nicht hier und nicht jetzt.
Ich lege mich auf den Rücken, zoome ran, bis nur mehr das Wesentliche zu sehen ist, nehme mein Telefon und wähle die Nummer meines Lovers. Als er abhebt, frage ich ihn, was er tut. Nichts, meint er. Gut, sag ich, dann hast du jetzt was zu tun und ich setze ihn ins Bild, was gerade in meinem Schlafzimmer abgeht. Kurze Stille. Dann lege ich die Stimme auf, die ich nur für meinen Lover hab: „Ich liege in meinem Bett und hab nichts an, Freust du dich, mich zu hören?“ Weehah! Zeit für mein Programm. Für die Zuschauer da draußen, für meinen Lover am Rohr und dann bin da auch noch ich.
Es ist ein Kick. Die einen, die vielen hundert gesichtslosen und namenlosen Voyeure beobachten mich; der andere, mein Lover, ist in meinem Ohr und flüstert süße Unerhörtheiten. Das nenne ich sexuelles Networking und das ist ein Kick und so wird was Cooles möglich: Ich kann voll außer Kontrolle geraten und behalte dennoch voll die Kontrolle. Ich habe alle in der Hand. Ich sag ihm was, ich zeige denen was, ich gebe mich preis, ich treib sie zum Wahnsinn, da mach ich mir keine Illusionen. Aber keiner von denen kommt an mich ran. Nicht körperlich. Da gibt es keine Berührungen, nur reines Kopfkino. Das ist ein Kick.
Ja, die Webcam und ich. Mein Einstieg ins Pornobusiness war als Webcam-Girl,  vor neun Jahren, in einem Studio in Graz. Natürlich ging es primär ums Geld, aber ich hegte auch den Verdacht, ich könnte Talent haben. Zurecht, wie sich zeigen sollte. Da lag ich, Stunden über Stunden, auf einem Bettchen in diesem hellen Studio. Damals war ich verdammt nervös und unsicher. Wusste nicht, ob ich Kunden gefalle, wusste nicht, wie weit ich gehen soll, wusste nichts. Aber mit der Routine kam der Spaß, kam das Selbstbewusstsein.
Zwischen mir und meinem Gespielen lagen hunderte, wenn nicht tausende Kilometer. Vielleicht war es auch der Nachbar von nebenan, der sich gerade eingeklickt hat. Vielleicht war er nebenan, aber egal, er war weit weg. Was immer ich für die Netzvoyeure auch trieb, wir würden uns nie über den Weg laufen. Damals waren Webcam-Shows neu und entsprechend wenig los. Oft lag ich nur da und lernte für die nächste Schularbeit, bis es klingelte und ein Kunde meine Räumlichkeiten virtuell betrat.
Jetzt bin ich Renee Pornero und der Chatroom quillt über und ich mach gerade ziemlich viele hundert Besucher ziemlich glücklich. Reiner Erfahrungswert. Auf der Chatleiste stehen keine Kommandos und so ist es eben, wenn keiner eine Hand frei hat. Ich mache heute einen ziemlich guten Job.

Ein Kommentar »

  • truetigger sagt:

    Der Job erfordert wahrscheinlich jede Menge Selbstsicherheit. Ich könnt mir vorstellen, dass es an vielen Webcam-Girls NICHT spurlos vorbeigeht, dass viele Menschen sie ausschliesslich als Wichsvorlagen sehen – Frau hat ja mehr Talente.

    Letztlich ist es natürlich wurscht, was andere Leut über einen denken, aber ausblenden könnt ich solche Gedanken nicht. Schön für Dich, dass Du es geschafft hast, Dich von solchem Ballast zu befreien!

    Zum Artikel selbst: Erster und letzter Absatz rahmen das Thema gut ein. Das Thema selbst (wie fühlt sich ein Webgirl?) ist nicht ganz so spannend für mich, aber gut geschrieben ist es. Thumbs up!

ZiB21 sind: unsere Blogger