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Mubarak Obama

Von | 06.02.2011, 20:17 | Kein Kommentar

30 Jahre war der Ägypter im Bett mit Amerika. Kein Wunder, dass Obama nicht weiß, wie man ihn rauswirft. Seltsam, nicht? Manchmal wär es so einfach. Manchmal reichte Amerika ein kleines Lippenbekenntnis und schon hätte man es ein wenig lieb. Nur will es nicht von der Zunge. Armer Obama. Es wär ja so einfach. Ein […]

Barack Obama & Hosni Mubarak in Kairo. Foto: The Official White House Photostream, Lizenz: Public Domain

30 Jahre war der Ägypter im Bett mit Amerika. Kein Wunder, dass Obama nicht weiß, wie man ihn rauswirft.

Seltsam, nicht? Manchmal wär es so einfach. Manchmal reichte Amerika ein kleines Lippenbekenntnis und schon hätte man es ein wenig lieb. Nur will es nicht von der Zunge.

Armer Obama. Es wär ja so einfach. Ein Freiheitsplatz voll mit tausenden hoffnungsvollen Seelen hängt an seinen Lippen und alles, was sie von ihm wollen, ist ein Wort. Das D-Wort. Sag „Demokratie“, Mister Präsident. Aber seltsam, der selbstbekennend größte Gläubige an die Tugenden der Demokratie gibt sich wortkarg. Er „tanzt um das Wort herum, wirft mit Begriffen wie ‚Freiheit’ und ‚Toleranz’ um sich, aber kann das eine Wort nicht buchstabieren, um das es geht – Demokratie.“ heißt es bei Al-Jazeera.

Aber gut, wahrscheinlich ist er noch nicht so weit. Tatsächlich ist in den USA niemand so weit, da grassiert in den Netzwerken gerade der „Mea Culpa“-Virus. Das Bewusstwerden, was man sich in den vergangenen Jahrzehnten mit Ägypten geleistet hat. Hosni Mubarak. Ein Bad Guy? Eindeutig. „Und wir sind mit ihm im Bett.“ Die USA gab ihm einskommafünf Milliarden Dollar im Jahr, dafür hielt er dem Westen den Dschihad vom Hals, schmuste mit Israel und folterte alle, die der Westen nicht foltern darf, weil, wie sieht denn das aus, man denke an Guantanamo.

Dann ist da der Faktor Kriegswirtschaft. Die Geldmaschine. Amerika rüstet Israel ebenso wie Ägypten aus, die müssen einander die Waage halten, nicht wahr. Eine perfekte Situation, unter anderem für Mubarak: Sein persönlicher Reichtum wird zwischen 40 und 70 Milliarden Dollar angesiedelt, nicht schlecht für einen ehemaligen Offizier der Luftwaffe, aber so ist das eben, wenn man Beziehungen für Militärverträge nützt.

Hosni Mubarak, 82, seit fast 30 Jahren im Amt. Man muss 200 Jahre zurück blättern, um jemanden zu finden, der in Ägypten ähnlich lange die Regierungsbank drückte, das war Muhammad Ali Pascha, der kämpfte noch gegen Napoleon (1799). Und er erreichte die Unabhängigkeit Ägyptens von den Osmanen, sowas verbindet.

Aber wie schaffte Mubarak drei Jahrzehnte? Wissen wir. Permanentes Notstandsgesetz, das jeglichen demokratischen Prozess unterbindet, Polizeistaat, solider Rückhalt durch die Armee, gigantischer Geheimdienst, Zensur, 30 000 politische Gefangene und so weiter. Ein Hurensohn reinsten Wassers, aber „unser Hurensohn“, wie man in Washington sagt.

Und so kam es denn zum unseligen Diplomatenspeak von gestern. Der „ordentliche Übergang“ zu einem reformierten Ägypten mit halbwegs garantierten Menschenrechten. „Sowas braucht Zeit“, meinte Hillary Clinton.

Eine Zeit, die man sich mit Vizepräsident Omar Suleiman erkaufen will. Einen Vertrauensmann Mubaraks, einen Geheimdienstler. Darf das wahr sein? Wie frustrierend muss das für die Protestbewegung sein? „Amerika versteht nicht“, heißt es am Tahrirplatz. „Das Volk weiß, dass es ein illegales Regime unterstützt.“

Natürlich ist das ein Irrtum. Amerika versteht sehr wohl. Nur hat Mister Präsident gerade die Hosen nicht ganz trocken. Verlange „Demokratie“ und er kriegt einen Schweißausbruch. Wie sähe ein demokratisch entstandenes Ägypten aus? Wie Iran unter Khomeini, sagen die Alpträumer. Wie eine freie Marktwirtschaft, meinen kapitalistische Optimisten. Nur ging ein entsprechender Versuch bereits 2005 schief, weil die Privatisierungen auf Kosten der Arbeiter gingen – die an sich selten, aber genau dann unwirsch werden, wenn der Brotpreis nicht mehr geschützt ist.

Das Dumme ist, dass ein demokratisch gewähltes Ägypten undenkbar ist. Niemand kann es sich vorstellen. Weil keine entsprechende historische Referenz existiert. Die älteste Referenz ist alttestamentarisch, da hortete ausgerechnet der Jude Josef im Dienste des Pharao in fetten Jahren Getreide, um es dann in den mageren Jahren ans Volk zu verfüttern – als Gegenleistung für deren Leibeigenschaft. Die jüngste Referenz ist Mubarak. Höchst umstritten, aber jedenfalls eine starke Hand.

Die Ägypter wurden immer diktiert, und sie ließen es generell zu, solange der Regent eine Hand darstellte, die sie fütterte. Ich muss zugeben, ich bin bei diesem Statement ein wenig von einer Quelle vereinnahmt, wonach es zu den jahreszeitlichen Ritualen des Pharao gehörte, seinen göttlichen Samen in den Nil zu streuen – der daraufhin über die Ufer trat und für jene Erde sorgte, die Ägypten zur Kornkammer der Frühen Welt machte. Ein leicht machbares „Wunder“, der Pharao brauchte dafür nur einen Boten, der rechtzeitig über das kommende Hochwasser informierte.

Selbstverständlich ist Mubarak kein Pharao, er ist allerhöchstens größenwahnsinnig, aber Amerika mit seiner „Wirtschaftshilfe“ hat mit geholfen, ihn als fütternde Hand darzustellen. Und Obama ist nun drauf und dran, alle Vorurteile der „Amerikahasser“ des Mittleren Ostens zu bestätigen. „Sie hassen unsere Freiheit“, meinte George Bush einmal. Ist falsch. Sie beneiden die Freiheit der Amis. Sie hassen nur deren Einmischung in ihre Affären.

Allein, dieses eine Mal würden sie eine Einmischung Obamas begrüßen. Sie würden begrüßen, dass er das D-Wort fallen lässt. Dass er Demokratie fordert. Nur wagt er es nicht. Warum? Ganz einfach: aus Angst vor dem Resultat. Und ehrlich gesagt, ich kann ihn verstehen. Ich hab sogar in Österreich auch immer Angst vor dem Wahlergebnis – und meistens begründet! Aber dumm ist es dennoch. Es ist dumm, Jahrzehnte lang mit einem Hurensohn das Kissen zu teilen, ohne jemals etwas für die Hygiene getan zu haben.

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