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Das Ende von Mubarak: Showdown in der Siegreichen

Von | 02.02.2011, 9:58 | Kein Kommentar

Die Ägypter schütteln das Joch der Despotie ab. Es ist für sie zu hoffen, dass sie nicht sogleich ein neues aufnehmen: Das des Islamismus.

Kairo, 1. Februar 2011

Die Ägypter schütteln das Joch der Despotie ab. Es ist für sie zu hoffen, dass sie nicht sogleich ein neues aufnehmen: Das des Islamismus. Die Muslimbrüder haben sich schon lange als wahre Alternative zum Regime Mubarak inszeniert. Das Ende der Diktatur bedeutet noch nicht die Ankunft der Freiheit.

Als ich im Wintersemester 2003/2004 an der islamischen Universität Al Azhar in Kairo studiert habe, lag über Ägypten eine schummrige Atmosphäre, das Land war in den Klauen des Stillstands. 40 Prozent Analphabeten, hunderttausende Studenten ohne Jobaussicht, die Hälfte der Bevölkerung unter 20 Jahre – und über 20 Jahre Alleinherrschaft von Hosni Mubarak. Der Machthaber konnte sich schon damals nur mit der Unterstützung des Militärs und der Muslimbruderschaft halten.

Beide spielen bei den aktuellen Entwicklungen entscheidende Rollen:

Die Armeeführung hat mitgeteilt, dass die Forderungen der Opposition, der Demonstrierenden, legitim seien. Die Hauptforderung ist der Sturz Mubaraks. Während Sie diese Zeilen lesen, wird er vielleicht schon mit seiner Familie (wir erinnern uns: Sein Sohn sollte ihm in das Amt des Staatslenkers folgen) einen Flieger Richtung Exil besteigen. Das Militär, so viel ist sicher, wird nicht um Mubaraks willen, auf die eigenen Landsleute schießen. Seine Ära ist zu ende.

Die Muslimbruderschaft hat häufig still und leise an der Umsetzung von Hosni Mubarak politischen Vorstellungen mitgewirkt. Sie hat beispielweise den Protest der Ägypter gegen den Krieg im Irak in Bahnen gelenkt, die von der Führung noch kontrollierbar waren. Hätte die Muslimbruderschaft das einfache Volk angestachelt, wäre es sicher zu der einen oder anderen Eskalation gekommen. Im Laufe der Proteste sind immer mehr als fromme Muslime kenntliche Männer zu den Demonstrierenden am Midan Tahrir gestoßen. Die Gruppe formiert sich; es wird sehr, sehr bald um ihren Einfluss in dem neu entstehenden Staatswesen gehen.

Gemäßigt heißt nicht säkular

Die 1928 in Ägypten von Hasan al-Banna gegründete radikal-islamische Organisation war am Nil verboten worden, später wieder zugelassen. Ihre Glieder gelten heute als eher gemäßigt. Das „eher gemäßigt“ mag dazu verleiten, sie nicht als Gefahr anzusehen. Unter gemäßigt versteht man allerdings in der islamischen Welt etwas anderes als im Westen. Keineswegs heißt „gemäßigt“ dort „säkular“. Die Muslimbruderschaft ist eine Vereinigung, die ihr Gründungsmythos und –Ethos aus dem Islam bezieht. Der politische Islam – also der Einfluss der Religion auf die Politik und ihre Dominanz über sie- gehört unverzichtbar dazu.

Die Muslimbrüder stoßen in ein religiöses Vakuum im Land. Die Autorität der al-Azhar Universität, der ältesten Universität der islamisch-sunnitischen Welt, ist beschädigt, da sie in den vergangenen drei Jahrzehnten zu den stabilisierenden Elementen der Mubarak-Herrschaft gehört hat. Jede Moschee wurde vom Staat kontrolliert; Zulauf hatten daher nur die Garagen- und Hinterhofmoscheen.

Wer vom Flughafen in die Stadt fährt, der kann neben den Moscheen viele Kirchen sehen. Kairo ist eine bunte Stadt. In der Nähe des Tahrir-Platzes ist die Amerikanische Universität. Hier studieren die Kinder der Elite des Landes. Auch eine deutsche Schule, die der Borromäer-Schwestern, befindet sich in der Nähe. Die Melange aus westlich anzusehenden jungen Studierenden und eher städtisch-westlich anmutenden Erwachsenen repräsentiert nicht das gesamt Land. Das Militär ist säkular gestimmt, die Mehrheit der Ägypter hat kein Problem mit der christlichen Minderheit im Land. Auch Touristen aus der christlichen Welt sind willkommen.

Kairo heißt übersetzt „Die Siegreiche“

Womit die Ägypter aber schon seit über dreißig Jahren ein Problem haben, ist der Frieden mit Israel. Die Tektonik der Region wird sich sehr wahrscheinlich verändern – es sei denn, eine neue Regierung unter der Führung von Mohammed El-Baradei kann schnell gewählt und ins Amt eingeführt werden. El-Baradei kann die Stabilität in der Region aufrecht erhalten und die verschiedenen Gruppen im Land einbinden.

„Survive Egypt – the rest is easy“ – das war der Spruch auf einem Sticker, den ich zu Beginn meines Semesters am Nil zu Gesicht bekam. Ich habe in Kairo Radfahrer mit einer Palette frischem Brot auf dem Kopf gegen die Fahrtrichtung auf der innerstädtischen Autobahn radeln sehen, tote Esel im Nil treiben, Rinderhälften, die auf der offenen Straße im Staub lagen und von Metzgern mit riesen Messern bearbeitet wurden. Die Menschen in der Metropole, deren Name übersetzt „Die Siegreiche“ bedeutet, kämpfen für ihre Zukunft. Es ist in unser aller Interesse, dass es eine Zukunft in Freiheit, Demokratie und Frieden, ohne Einfluss des radikalen Islam, wird.

Foto: Al Jazeera English, Lizenz: CC BY-ND 2.0

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