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Der Facebook-Märtyrer

Von | 01.02.2011, 2:58 | Ein Kommentar

El Shaheed oder: Märtyrer sind die perfekten Revolutionäre. Warum? Weil Tote nicht umzubringen sind. Und dann auch noch virtuell weiterleben.

Einer von vielen, die der Märtyrer Khaled Said sind. Screenshot vom Video Egyptian Revolution by Tamer Shaaban

Das Internet in Ägypten ist tot, auch Börse-Provider Noor ist seit Mitternacht weg. Die Eisenbahnen sind außer Betrieb, die Tankstellen ohne Benzin, die Lebensmittelgeschäfte ohne Lebensmittel. Der Rest ist Chaos, schreibt El Shaheed. Dennoch wird heute „Die Million“ (= „Das Volk“) marschieren. Es wird ein ganz besonderer Dienstag im Land am Nil.

Ägyptens Präsident Hosni Mubarak (82) ist politisch so gut wie tot, seine Armee wird heute nicht für ihn auf das marschierende Volk schießen, gestern Nacht hat endlich auch der erste US-Senator, der Demokrat Bill Nelson, seinen Rücktritt verlangt. Aber noch ist Mubarak im Amt – und hat ein Problem, wie es schon sein tunesischer Ex-Kollege Ben Ali hatte: Es gibt Tote, die sind nicht umzubringen, im Gegenteil, sie sorgen als Märtyrer für einen Wirbel, den sie lebendig nie auf der Reihe hatten.

Tunesiens Vorzeige-Märtyrer war Mohamed Bouazizi, jener Student, dessen Feuertod Ben Ali die Macht kostete. Ägyptens Version ist Khaled Said, ein von der Polizei vor Monaten totgeprügelter Geschäftsmann, der heute als „El Shaheed“ unsterblich ist. Als Märtyrer.

Das besonders tückische Problem Mubaraks aber ist, dass unzählige – insbesondere junge – Ägypter nun der Ansicht sind, auch Khaled Said zu sein, tatsächlich hat vor Monaten ein anonymer El Shaheed die Facebookseite Wir Sind Alle Khaled Said gegründet – als Kampagne gegen Folter und Polizeibrutalität. Vor Wochen aber inspirierte ihn Bouazizis Feuertod zu mehr.

Am 22. Jänner rief El Shaheed den 25. Jänner 1952 in Erinnerung, jenen tragischen Tag, als die Britische Armee das Hauptquartier der ägyptischen Polizei in Ismailia attackierte und die Polizei sich nicht ergeben wollte. 50 ägyptische Polizisten wurden damals getötet. „Wo sind diese tapferen Polizisten heute“, wollte El Shaheed wissen, „würden sie auch zum ägyptischen Volk halten, wenn es Gerechtigkeit verlangt?“

Einen Tag später kündigte er diesen 25. Jänner – den 59. Jahrestag des Massakers – als „Tag des friedlichen Aufstands Ägyptens“ an, der sich dann tatsächlich nach einer symbolischen Blutspende – ein 59jähriger Ägypter schnitt sich vor dem Obersten Gerichtshof die Vene seiner Hand auf – furios zu entfalten begann. Den Rest verfolgen wir seither vor dem TV-Schirm. Was nicht heißt, dass hier der Akt eines Einzelnen Früchte trägt. Aber da war etwas, das kommuniziert wurde. Das Lauffeuer wurde. Netzwerk funktioniert.

El Shaheed. Märtyrer. Niemand weiß, wer er oder sie ist oder sind, das ist wichtig, heißt es, das macht ihn oder sie glaubhaft. Die Sprachregelung: „El Shaheed ist ein toter Mann, um den wir uns alle scharen. Es gibt kein Geschlecht, es gibt keine Namen, es gibt nur den Gedanken.“ Ein Gedanke, der heute als Menschenmeer auf die Straße geht.

Heute ist ein Dienstag wie noch keiner zuvor in Ägypten.

Folgend ein taufrisches, auf den heutigen „Marsch der Million“ zugeschnittenes Video des Filmemachers Tamer Shaaban – The World Calls For Peace.

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