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Guttenberg macht den Westerwelle

Von | 26.01.2011, 13:43 | Kein Kommentar

Brief aus Berlin: Abgehoben, beratungsresistent, kritikunfähig. In ihrer Tragik gleichen sich Verteidigungsminister zu Guttenberg und FDP-Chef Guido Westerwelle.

Karl-Theodor Freiherr zu Guttenberg, Foto: Michael Panse, Lizenz: CC BY-ND 2.0

Abgehoben, beratungsresistent, kritikunfähig. Das, was man im Moment im politischen Berlin über Verteidigungsminister zu Guttenberg hört, trifft auch auf FDP-Chef Guido Westerwelle zu. In der Tragik sind sie sich gleich. Dennoch gibt es einen Unterschied: Wenn Westerwelle morgen gehen müsste, hätte er auch Erfolge aus zehn Jahren politischer Hochebene vorzuweisen.

Mein erstes Gespräch mit Karl-Theodor zu Guttenberg fand bei der Premiere von Walküre statt. Im Gespräch ging um die Zukunft der CSU. Ein junger, aufgeschlossener, sympathischer Mann. Das nächste nach einer Veranstaltung von Innocence in Danger, einer Hilfsorganisation, für die seine Frau wirkt. Es ging um das Zueinander von Außen- und Verteidigungsressort. Guttenberg war ein kompetenter, weltläufiger, gewinnender Gesprächspartner.

Ein Jahr später: Ein Empfang im Hotel Adlon nach der Quadriga-Preisverleihung. Die Bundeswehr wurde ausgezeichnet. Der Minister nahm den Preis entgegen. Guttenberg steht im Kreis von Adlaten und Zuarbeitern. Alle leicht gebückt. Der Minister doziert. Eine ganze Weile kommt niemand auf ihn zu, Guttenberg geht auf niemanden zu. Eine Momentaufnahme, die bündelt, wie es um den beliebtesten deutschen Politiker steht.

Stell dir vor es ist Krieg und Kerner geht hin

Guttenberg macht den Westerwelle. Der Überflieger hebt ab. Der Flug mit seiner Frau nach Afghanistan ist der erste große Faux pas seiner jüngeren Vergangenheit. „Das ist nicht die Armee der Guttenbergs, das ist nicht die Armee des Adels“, sagt Stern-Chefkolumnist Uli Jörges zu Recht auf N24, als er die Bilder kommentiert. Das sich im Haar streichen des Liebespaars im Kriegsland war doppelt so peinlich wie das Foto auf dem erlegten Dinosaurier. Turteln in Tarnwesten – peinlich. Mit dem ehemaligen ZDF-Moderator Johannes Bapiste Kerner im Gespräch geriet der ganze Aufenthalt bei der Bundeswehr zu einer Farce. Wer berät den Minister eigentlich?

Er hat keine Haftung mehr, die ihm sagt, wann Schluss ist, kein Selbstregulativ. Wir wissen nun, dass jedes Telefonat mit seiner Frau ein Gewinn ist, jedes an jedem Tag. Jeder, der Jahre lang verheiratet ist und mit dem ich auf diesen Satz zu sprechen komme, schüttelt den Kopf. Entweder ist KT ein Über-Mensch, ein Halbgott – oder einfach nur abgehoben. Schaut, so ruft es, an mir ist eben alles perfekt.

Polit-Popstar

Es passt so gar nicht zu dem KT von vor zwei Jahren. Woran liegt das? Ein Punkt ist der Umgang mit Popularität. Ein Phänomen, das man eher von Fußballern und Schauspielern und nicht von Politikern kennt: Sie werden immer und überall angesprochen, fotografiert. Sie werden nicht kritisiert. Es gibt Zuspruch, keine Ablehnung. Damit geht jeder Fußballer und Schauspieler anders um, auch jeder Politiker.

In all dem erinnert er an seinen Opponenten Westerwelle: Kritikunfähig, beratungsresistent, von Gebückten umgeben, abgehoben. Wohin das führt, ist an Guido Westerwelle abzulesen: In die Isolation, zur falschen oder verzerrten Wahrnehmung der Wirklichkeit. Es gibt einen Unterschied: Der FDP-Chef hat sich ein Jahrzehnt an der Spitze seiner Partei behauptet. Er hat sie zu einem unvergleichlichen Bundestagswahlergebnis geführt. Karl-Theodor zu Guttenberg hat noch nicht diese Erfolge vorzuweisen.

Sollte sich die Gunst des Volkes – und nur davon zehrt im Moment der Mythos Guttenberg, ganz so wie in den alten Zeiten der Feudalherrschaft – wenden, wendet sich auch die Union von ihm ab. Der Prozess beginnt schon. Das Kanzleramt hält seine Wehrreform für ungenügend.

Foto: Michael Panse, Lizenz: CC BY-ND 2.0

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