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Die 50jährigen & das Midlife. Krise? Welche Krise?

Von | 21.01.2011, 18:33 | 8 Kommentare

Angeblich kommt sie so sicher wie der Schlaffe nach dem Erguss. Aber warum kommt die MidlifeCrisis nicht mehr, wenn sie eigentlich Saison hat?

 

Colin Firth gab sich bemüht ironisch. Sein Best Male Actor sei „jetzt das Eine, was zwischen mir und einer Harley Davidson steht“, meinte er in seiner Dankesrede anlässlich der Golden Globes-Gala, so als hätte er sich auf die Harley gefreut. Ich kann ihn verstehen.

Ich hab einiges mit Firth gemeinsam: Er wuchs in Winchester auf, ich lebe dort. Er spielte einen Arsenal-Fan, ich bin einer. Und dann ist da noch das Alter: Firth ist fünfzig. Das bin ich auch. Seit Jahren.

Mit fünfzig hat man noch Erwartungen. Fast ist es wie das Pochen auf ein Recht – die sogenannte Lebensmitte ist erreicht, jetzt wärs nett, die entsprechende Krise zu genießen oder wenigstens das, was als solche gehandelt wird: die Affäre mit dem Feger, der zwanzig Jahre jünger ist; der spontane Mittelfinger Richtung Arbeitgeber; das Alkoholproblem; oder wenigstens die Trips auf der Harley, mit iPod in der Jacke und Steppenwolf im Ohr.

Krisen kommen nicht verheißungsvoller als jene in der Lebensmitte, und angeblich kommt sie bei Männern so sicher wie der Schlaffe nach dem Erguss, aber ich warte noch immer. Wo ist die Krise, wenn sie eigentlich Saison hat?

 

Es erinnert ein wenig an jene angesagten Revolutionen, die immer ausbleiben und in Wahrheit gibt es Gründe, warum bei 50jährigen die Krise keinen Platz hat. Nur gibt es auch Autorinnen, die darauf beharren, dass sie ohnehin stattfindet. Sie werde nur anders ausgelebt, sagen sie.

Alessandra Stanley von den New York Times hält es für ein Phänomen der Nullerjahre. „Die Dekade“, schreibt sie, „begann mit einem Alphamann im Büro einer Psychotherapeutin und endete mit einem Alphamann, der sich in die Psychiatrie einliefern ließ.“

Erläuterung: Wir sind hier in der Fernsehwelt, Stanley meinte James Gandolfini in The Sopranos und Hugh Laurie in House und klar, Gandolfini wird heuer fünfzig und Laurie ist bereits mittendrin, nur sollte man die TVwelt nicht mit der Realwelt verwechseln, immerhin sind die beiden Darsteller gerade am Zenit ihrer Schaffenskraft, nicht wahr.

Aber die Lust am Differenzieren fehlt den Autorinnen in der Tat, nebenan auf Daily Beast vermisst Nicole LaPorte genau die Traditionen der MidlifeCrisis im TV – „trotz all der chaotischen Tragödie in ihrem Leben haben diese Männer mit ihren heißen neuen Autos und ihren heißen neuen Girls wenigstens Spaß gemacht“ – und schiebt den Realfünfzigern die Schuld am lahmen Menofacertainage-TV in die Socken: „Nicht einmal Golfspielen macht denen Spaß.“

 

Na gut, sie sagte nicht Realfünfziger. Sie nannte sie beim populärwissenschaftlich abgehakten Namen – Babyboomer. Jene Generation, die nach dem Zweiten Weltkrieg so zahlreich ans Licht der Welt geriet, weil die Pille erst in den Sixties auf den Markt kam. Und das Dumme ist, dass LaPorte dabei ins Freudianisieren geriet: „Nie komfortabel mit der Übermännlichkeit ihrer Väter – oder mit dem Altern – sind Babyboomers nun gezwungen, sich mit beiden zu befassen. Und das inspiriert mehr Unbehagen als Bravado.“

My Ass.

Hier ein paar notwendige Ergänzungen zur Frage, warum die Fünfzigjährigen, wenn überhaupt, dann nur ironischen Bock auf ihre Krise haben. Erstens, klar, weil diese Krise immer schon für Kerle maßgeschneidert war, die ein Leben lang nur Karriere machten und dabei aufs Leben vergaßen. Genau das ist dem Babyboomer nicht vorzuwerfen.

Wir hatten keine X-Box, mit der wir die Teenagerjahre vertrödelten, wir waren vergleichsweise arm. (Wenn wir am Weihnachtstag nicht mit einer Morgenlatte erwachten, hieß es mal, hatten wir nichts zu spielen.) Aber wir hatten Girls. Und Drogen, die hatten wir auch. Tatsächlich hatten wir all das im Übermaß, was einem Mann in der MidlifeCrisis so angedichtet wird (von der Harley mal abgesehen).

Na gut, es mag 50jährige geben, die keine um zwanzig Jahre jüngere Frau hatten und vielleicht gerne hätten. Obwohl, jeder 50jährige weiß, wie 30jährige Girls drauf sind, er war ja selber mal 30. Aber die relevante Frage ist sicher nicht jene, die ein Kommentator auf diesem Blog vor kurzem stellte: „Was bitte könnten tolle, junge Frauen von einem alten Sack mit 50+ wollen?“ Na, was wohl?

 

Die kurze Antwort: Qualität. Die längere Antwort gab vor vielen Wochen die tolle, junge Gnädigste mit ihrem Essay über die Herren mit den grauen Schläfen.

Dann war da noch dieser MidlifeCrisis-Film L.A. Story, da geriet der Krisenmann (Steve Martin) an eine 30jährige SanDeE, die ausgerechnet von Sarah Jessica Parker verkörpert wurde. Wie mies muss es einem Mann gehen, damit er sowas braucht?

Apropos Parker. Bekanntlich ist es gerade die traurige SexAndTheCity-Meute, die sich heute ihre Mittelalterskrise leistet und ebenso bekanntlich immer an jüngere Männer gerät. Ein Umstand, für den es eine einfache Erklärung gibt: weil 50jährige ihre Zeit nicht gestohlen haben. Was hat das S&TC-Gedröhne der Nachwelt denn Denkwürdiges hinterlassen? The Rachel (Anm.: eine Frisur). Selbst einer Dumpfbacke wie Brad Pitt war das auf Dauer zu blöd.

 

Hier ein paar 50jährige Hollywoods: Colin Firth, Hugh Laurie, Tom Hanks, Bill Murray, Denzel Washington, Geoffrey Rush. Männer mit einem Wort im gemeinsamen Nenner: Substanz. Männer die so sind, wie die 40er Hübschlinge der Gegenwart – Pitt, Depp & Co – gern wären (und von Ricky Gervais, 50, gern verarscht werden).

Und so kommt es, dass die Fünfzigjährigen heute keine Zeit für Krisen haben. Sie sind auf der Höhe ihrer Zeit. Wer braucht da eine Krise?

Und hier noch ein Clip aus American Beauty, in welchem sich Kevin Spacey (damals 50) den möglicher Weise finalen Schlachtruf des Mittelkrisenmannes alter Schule leistete. Enjoy!

Video: YouTube

8 Kommentare »

  • Sabine sagt:

    Hallo, mir gehen diese 50-jährigen total auf die Nerven. Was glauben die mit wem sie flirten können. Bitte liebe 50-jährige, bleibt in eurer Altersklasse. Alles andere ist peinlich. Wer möchte gerne mit seinem Vater/Opa flirten. Vonwegen Lebenserfahrung…. Erinnert euch mal zurück, als ihr jung wart, wie hat es auf euch gewirkt, wenn so ein Alter der Freundin blöd nachgegafft hat.
    Liebe Grüße Sabine

  • Susanne sagt:

    Da auch ich nichts mit Männern meiner Altersklasse anfangen kann, bin auch ich ein Fan der grauen Schläfen. Herren der älteren Generation sind besser im Bett (Qualität vor Quantität) und ich finde ganz einfach, dass sie einer Frau besser das Gefühl geben können, ein begehrenswertes Weib zu sein.Ich finde es einfach sexy, wenn der Mann 50+ seine Lebenserfahrung ausspielt. Er braucht sich nichts mehr beweisen, weiß, wo er steht und strahlt dadurch eine gewisse Ruhe aus – und das ist verdammt geil..

    • Manfred Sax sagt:

      Greetings & Respekt für Ihren ungetrübten Blick, Susanne. Das Wissen „wo er steht“ ist natürlich mit dem „begehrenswerten Weib“ untrennbar verknüpft. Mit 50+ weiß Mann eben, was oder wer der Huldigung wert ist, und was oder wer nicht. Ihr sax

  • Helga sagt:

    na was sollen wir machen wir ü-50 ziger..noch sind wir nicht tot..und im endeffekt beginnt jetzt die zeit für uns..eltern begraben kinder aus dem haus….enkel noch nicht in sicht..die zeit sich hemmungslos auszuleben..aber ne…es wird ständig an uns rumgemälkelt—wir sehen immer zu jung aus und hören die falsche musik..und dann tragen wir auch noch jeans??man was für ein verbrechen…ich freue mich einfach das ich noch lebe ..darf ich das ??

    • Manfred Sax sagt:

      50+ und hemmungslos ausleben? Hm, ich weiß nicht. Ich würde das „hemmungslos“ eher durch „bewusst“ ersetzen. Ihr sax

  • Joachim Luetke sagt:

    Qualität? Möglich. Aber – wie überall im wirklichen Leben – ist Qualität dünn gesät. 50+ ist da kein Garant – für nichts. Nun kommt hinzu, dass der Sack von 50+ (also wir) nur für kurze Zeit auf dem energetischen Level einer, sagen wir, 20 Jahre jüngeren Partnerin agieren kann. Unsere Körper sind nicht mehr kugelfest. Schnell brauchen wir Pausen, fangen an Ausreden zu erfinden – nur um nicht SCHON WIEDER zu irgendeinem Event oder was auch immer, gehen zu müssen. Wir sitzen (angetan mit Pyjama und Socken) vor der Glotze und atmen tief durch. Heimlich versteht sich – denn offiziell ist das ja eine wichtige Besprechung oder sonstwas unaufschiebbares. Dann nicken wir gegen 20:30 ein, schrecken hoch und fragen uns, ob dieses kräftezehrende Anrennen gegen das eigene Ablaufdatum den Krisen-Dämon wirklich auf Distanz halten kann. Wenn ja, wie lange halte ich durch? Bin ich bereits Opfer der Krise? Grübel…..

    • Manfred Sax sagt:

      Auch möglich. Ich kann vermutlich nicht mehr so lange auf dem (körper)energetischen Level einer um 20 Jahre jüngeren Partnerin agieren. Ich kann auch nicht mehr so gut Fußball spielen wie vor 20 Jahren. Aber im Fußball bin ich jetzt ein besserer Coach. Und ich bin auf einem Bewusstseinsstand, den ich vor 20 Jahren nicht hatte. Natürlich kann man den Dingen nachweinen, die heute „nicht mehr so funktionieren“. Aber ist das sinnvoll?
      In Verweis auf den in obiger Story angeführten Geoffrey Rush (den ich, zugegeben, bewundere): Der hat im „Karibik-Film“ einen Piraten hingelegt, von dem sein jüngerer Kollege; Mister Depp, nur träumen konnte. Das hatte mit der Souveränität des Alters zu tun, die ihm gestattete, für den Olymp – die Götter – zu spielen (also Komödiant zu sein). Depp konnte nur menscheln, blieb also unfreiwilliger Tragöd …

  • mare sagt:

    Es ist doch so wunderbar einfach, alles kommt zur rechten Zeit;-)
    Wer, wann, was zum kiefeln hat, hängt von seinem bewusst-werden ab. Das Umfeld, das ständig dir sagt, zeigt, verlangt, was du wie denken, machen und haben sollst, das wird mit zunehmenden Alter wohldosiert ignoriert. Das ist eine besonders angenehme Begleiterscheinung der Reife. Wenn wir wie anno dazumal nur eine Lebenserwartung von 50 oder 60 Jahren hätten, wäre jetzt Todesfurcht angesagt, so dürfen wir uns jetzt dder Frage stellen, hurra ich habe noch 30 Jahre – was nun?
    Aber vielleicht schreckt viele, gerade diese Tatsache !?;-)

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