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Bürgerpflicht Organspende: Darf’s noch etwas mehr sein

Von | 19.01.2011, 10:23 | 6 Kommentare

Im Ernstfall wollen wir alle ein Ersatzorgan. Der medizinische Fortschritt zwingt uns einzusehen: Organspende muss Pflicht werden.

Organspende muss zur Pflichtabgabe werden. Denn: Im Ernstfall wollen wir alle mit einem Ersatzorgan ausgestattet werden. Genauso wie wir alle gesunde Kinder und würdig sterben wollen. Der medizinische Fortschritt zwingt uns einzusehen: Wir sind uns selbst am Nächsten.

Organspende muss für alle zur Pflicht werden. Warum? Weil wir alle – ich kann mir kein Argument dagegen denken – erst einmal ein neues Organ ersehnen, wenn uns ein hergebrachtes, eigenes den Dienst versagen sollte. Niemand von uns würde sich mit dem herannahenden Tod abfinden, niemand würde nicht alles für sich, das geliebte Kind, den Ehepartner tun wollen.

Wie organisieren wir diese Pflichtabgabe? Nun, was soll an einem Organ anders sein als an anderen Gebrauchsgegenständen? Wir kaufen neue Autos, neue Waschmaschinen. Die Fertigung dieser Güter ist industriell. Ebenso sollten Organe gehandelt werden. Wenn alle ihre Organe spenden müssen, dann gibt es einen dezidierten und transparenten Prozess der Organbeschaffung, Entnahme, Transplantation. Das gibt es heute auch schon – das neue System ist aber an entscheidender Stelle anders: es kennt keine Engpässe mehr! Wenn es keine Engpässe mehr gibt, dann gibt es auch keinen Missbrauch mehr.

Dann wird der Markt für herbe Diktatoren, die die Organe ihrer politischen Opposition verscherbeln, ebenso verschwinden wie vernarbte Körper von Kindern in Entwicklungsländern, die entführt und einer Niere beraubt werden.

Organspende ist Bürgerpflicht

Organspende muss Pflicht werden, weil wir alle eine neue Niere, ein neues Herz wollen, wenn das alte versagt. Das klingt sehr nutzengetrieben. Das ist in sofern zulässig, als für alle Glieder einer Gemeinschaft der gleiche Nutzen erzeugt werden kann. Alle haben Nieren, jedem kann die Niere versagen.

Es ist mir schon klar, dass der Staat diese Organspende nicht verordnen kann. Organspende kann nur Bürgerpflicht werden, nicht Gesetzespflicht. Ihre Notwendigkeit, ihre moralische Notwendigkeit muss ins Ethos unserer Gemeinschaft übergehen. Wie bewerkstelligen wir das? Wenn sich junge Menschen mit dem Thema auseinandersetzen müssen, wenn sie den Führerschein machen, dann müssen sie sich mit der Verantwortung für sich und andere auseinandersetzen, die das sich bewegen im Straßenverkehr mit hundertnochwas Klamotten Geschwindigkeit mit sich bringt. Ein guter Vorschlag also.

Ich selbst habe keinen Organspendeausweis. Warum? Als wir das Thema in der Schule behandelt haben, haben sich in Holland reihenweise alte Menschen einen Ausweis ausstellen lassen „Ich spende nicht“. Missbrauchsfälle waren damals ans Licht gekommen: Alten Patienten wurden die Maschinen abgestellt, weil Nieren gebraucht wurden. Das hat sich tief bei mir eingeprägt. Ich habe Freunde, die sich für Organspende engagieren, die Schwester eines Freundes hat vor einigen Jahren eine neue Lunge bekommen. Trotzdem: Bislang konnte ich die Eindrücke, die Prägung, die ich erfahren habe – auch in der Zeit als ich den Führerschein machte – nicht abschütteln. Auch dass meine Eltern einen Organspendeausweis haben, hat mich nicht überzeugen können.

Gewissensentscheidung im Parlament

Der einzige, dem es so geht, bin ich sicher nicht. Das Thema ist emotional. Umso wichtiger, dass es in Deutschland durch eine Initiative von Volker Kauder, dem Vorsitzenden der CDU/CSU-Fraktion im Bundestag, auf die Agenda gehoben wurde. Das Thema ist komplex – Stichwort Hirntod. Folgerichtig ist daher Kauders Wunsch, die Abgeordneten mögen sich ohne Anbindung an ihre Fraktionen, dem Thema nähern und eine Gewissensentscheidung treffen.

Der medizinische Fortschritt bestimmt den politischen Willensbildungsprozess: PID, Spätabtreibung, Patientenverfügung, Sterbehilfe, Hirntod, Organspende. Diesen Themen müssen wir uns alle stellen, denn wir wollen alle gesunde Kinder, wir wollen alle die Möglichkeit, Empfänger einer Organspende zu werden, wir wollen alle würdig sterben. Der medizinische Fortschritt zwingt uns, es einzusehen: Wir sind uns selbst am Nächsten. Das verbindet uns miteinander – und legt den Grundstein für eine neue Gesellschaftsordnung.

Foto: hamma/pixelio.de

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