Jetztzeit

Reality-Check: die Gegenwart in Wort und Bild

Netzzeit

Geschichten aus dem Leben mit dem Netz

Sexklinik

Alle Zeit bereit: Quality Time zum Thema Nummer Eins

Auszeit

Kultur & Freiheit: Doping zur Bewältigung des Alltags

Denkzeit

Die Welt ist kompliziert. Reden wir darüber

Sie sind hier: Home » Wort zum Sonntag » Sapiosex und der Migrant
Share

Sapiosex und der Migrant

Von | 16.01.2011, 18:24 | Ein Kommentar

Die sapiosexuelle Welt ist großartig. Dort gibt es keine Ausländer.

Anthropologin Alice Roberts und „Wasa“ (Modell des europäischen Ur-Immigranten). Screenshot aus „The Incredible Human Journey“, BBC.

Die sapiosexuelle Welt ist großartig. Dort gibt es keine Ausländer.

Vergangene Woche wurde meine Haltung zum „S-Wort“ adressiert. Das ist ein Bereich, zu dem meinereins spontan gerade mal ein Song von Bob Marley einfällt. Oder der Achtunddreißiger der Genesis. Aber eine Woche ist mitunter eine lange Epoche, da kann plötzlich normal sein, was zuvor undenkbar schien.

Gestern erhielten drei anglikanische Kleriker die katholische Priesterweihe (die „Rutsche“ hatte ihnen vor 14 Monaten der päpstliche Erlass Anglicanorum coetibus gelegt), und so kam es, dass wir nun katholische Priester haben, die nicht nur verheiratet sind sondern ihre Ehe auch „konsumiert“ haben, alle drei sind stolze Väter. Was sagt man dazu? Benedikts modernistischer Anfall von vergangenem Herbst war offenbar keine Eintagsfliege.

Das S-Wort also, na gut: Ich hab eine Schwäche für Sapiosexualität. Ich kann mit Leuten, die „mit Einstein masturbieren“. Ich finde es nett, „Sapiosex (zu) haben und die fleischliche Hülle hinter mir“ zu lassen. Allerdings weiß ich nicht, wie viele bekennende Sapiosexuelle mein Bild von Sapiosexualität teilen. Für mich ist Sapiosex haargenau dies: ein bewusstes Huldigen unserer Spezies, unserer Homo Sapienshaftigkeit. Zufällig ergibt sich daraus auch eine Haltung, die unsere in Staaten gespaltene Realität erträglich macht.

Professor Brian Cox, Kernphysiker. Screenshot aus „Wonders of the Solar System“, BBC

Wie jede Haltung hat auch die sapiosexuelle Apostel. Über den einen – Professor Brian Cox – wurde auf zib21 berichtet. Mister Cox ist einer der Wissenschaftler des Large Hadron Colliders, ein auf E=mc2 erregter Himmelsstürmer, der dieser Tage gedanklich vermutlich am Jupiter-Mond Europa zu finden ist. Warum? Weil er dort Wasser ortet, also eine veritable Basis für den Verdacht auf außerirdisches Leben. So ein Gedanke macht ihn total an und sein großes Talent ist, dass er das auch vermitteln kann – und schon steckst du in einem Szenario, das dich den Kleinkram des irdischen Seins vergessen lässt. Leben! Diesseits der Galaxie, praktisch gleich um die Ecke! Geil!

Dieser jugendlich wirkende Professor ist für mich sowas wie der Yang-Strang der Sapiosexualität. Ein Dädalus, ein von Apollo Beseelter, ein Sonnenbruder. Der Yin-Komponente dazu hing ich die ganze vergangene Woche an den Lippen. Sie heißt Alice Roberts, und wahrscheinlich könnte sie mir die absurdesten Märchen erzählen und ich wär ganz Ohr. Tatsächlich aber zeichnet sie die unglaubliche Reise des Homo Sapiens nach – mit archäologischen Methoden ebenso wie mit jenen der Genetik, serviert mit einer Weiblichkeit, die sehr immaculata ist.

Alice Roberts und ein EuroHomo Sapiens, Screenshot aus „The Incredible Human Journey“, BBC (klicken)

Bekanntlich legt genetische Evidenz nahe, dass alle Menschen von einer kleinen Gruppe von Afrikanern abstammen (Homo Omo) – die vor über 70 000 Jahren zu migrieren begannen. Aus Fernweh, aus Neugier, aus Not, aus Gründen, die nichts mit Übervölkerung zu tun haben. Die Evidenzen deuten an, dass sie dabei zumeist Richtung Osten mobil waren, klar, die Location des Sonnenaufgangs törnt instinktiv mehr an als der Untergang. Es gibt Sapiens-Spuren in Indien und Malaysia, die sind 70 000 Jahre alt, es gibt 60 000 Jahre alte Sapiens-Knochen in Australien. Auf die Idee Europa kamen unsere ersten Omas und Opas erst, als alle anderen Wege schon gegangen waren. Die ältesten bislang in Europa gefundenen Schädel (Türkei, Rumänien) haben gerade mal 40 000 Jahre an den Schläfen.

Unsere Vorfahren gelangten via Donau nach Europa, und im Gegensatz zu den intelligenteren Neanderthalern (größeres Gehirn, bessere Werkzeuge) überlebten sie die Eiszeit. Warum? Weil sie gemeinsame Kultur hatten (die geschnitzte Venus gibts nicht nur in Willendorf sondern in ganz Europa) und austauschten, weil sie ständig wie Pendel in Bewegung – also vernetzt – blieben. Die Neanderthaler dagegen blieben zu einander unverbunden, sie dachten über ihre Stämme nicht hinaus, ihr Horizont endete mit den Jagdgründen, die letzten der Spezies verendeten irgendwo in Gibraltar.

Die große Qualität von Cox und Roberts ist, dass sie ihre Ausführungen in eine ansteckende Dosis Homo Sapiens-Liebe verpacken, die sich nicht irgendwo an einer Landesgrenze aufhalten und zum Umdrehen zwingen lässt. Weil gerade Migration ein klassisches Erbgut des Menschen ist, nicht nur eine temporäre Marotte, die futterneidische Neandergeister verstört und ärgert.

Wir sind Menschen, ergo ständig auf Achse.

Daher seh ich das Sarrazin´sche „Deutschland schafft sich ab“ eher als optimistische Prophezeiung denn als die „Hände-weg-von-meinem-Futtertrog“-Paranoia, die es ist. Wir sind nicht Österreicher oder Türken, nicht Muslims oder Christen oder ähnlich Bodenständiges. Wir sind eine intelligente Spezies, sogar fähig, den Jupiter-Mond zu umkreisen und wieder auf unsere putzige blaue Erde zurück zu finden. Phänomenal, dass wir ausgerechnet unsere irdische Kleinkariertheit so wichtig nehmen. Denn eigentlich sind wir sapiens genug um zu wissen, dass wir dem Universum scheißegal sind.

Video: Ausschnitt aus „The Incredible Human Journey – Europe“ by Alice Roberts

Ein Kommentar »

  • saxo lady sagt:

    ach frater lieber frater,
    welch versöhnliche predigt.
    die relativitätstheorie aus neuer perspektive.
    schön.
    herzlichst

ZiB21 sind: unsere Blogger