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Sex für Fortgeschrittene 22. Das Ende des Blowjobs

Von | 13.01.2011, 22:14 | 4 Kommentare

Sexkulturell gesehen ist der Blowjob abgenützt. Höchste Zeit, ihn mal zu dissen.

 

 

Den einstweiligen Schlusspunkt setzte Ende 2010 der amerikanische Basketballer Dennis Rodman. Dem war offenbar immens langweilig, trotz weiblichem Gast zwischen den Beinen, also griff er zum Handy und rief einen Radio-DJ an. Die Tonspur dazu, inklusive einschlägiger Schmatzgeräusche, ist seither Allgemeingut im Internet. (Rodman: „Sie saugt da grad an was. Es ist großartig. Weißt du, Dude, ich bin da grad so richtig im Mixer.“)

Der Blowjob also: abgetakelt, schäbige Kulisse. Für ihn ein billiges Tool zum Angeben, für sie ein erschwingliches Ticket zu zehn Minuten zweifelhaftem Ruhm. Egal wie, Hauptsache dass. Nennen wir es Big Brother-Syndrom.

Aber gut, mir geht beim BJ schon länger was ab. Hat mit einem gewissen, möglicher Weise altmodischen männlichen Selbstverständnis zu tun. Dazu ein Blick zurück. Rückblicke können was Ungnädiges sein, aber sie gestatten Verständnis. Das ist beim Thema Sex nicht anders.

Für den Mann fällt so ein Rückblick schwerlich schmeichelhaft aus, so gut kann der Spin gar nicht sein. Nehmen wir die 80er Jahre. Der Mann gefiel sich als Yuppie, sein bevorzugter Geschlechtsakt war der Quickie, für was anderes ließ die Karriere keine Zeit.

Bei Frauen und ihren Magazinen dominierte ein anderer Dauerbrenner: Es ging um den guten Liebhaber, das heißt, eigentlich ging es um den Orgasmus, aber Madame frönte eben der Meinung, dass das eine mit dem anderen zu tun hat. Sie scheute auch nicht davor zurück, ihn auf die wesentlichen Zonen hinzuweisen, wenn es um die Landkarte des weiblichen Körpers ging, blieb dem männlichen Lover in der Tat keine Ausrede, um guten Gewissens auf Ignoranz zu pochen. Und letztlich ist es ja keine Kunst, ein akzeptabler Lover zu sein, im wesentlichen brauchst du dafür nur Neugier und die Offenheit deiner Sinne.

Kippen wir nun in die tiefen 90er Jahre, wird eine seltsame Kluft in der populären Diskussion transparent. Frau hatte den perfekten Lover noch immer nicht geortet, aber im Bereich Sexualität hatte der Blowjob alle Schlagzeilen gehortet. Spätestens seit einer notorischen, heute noch allseits bekannten Aktion am Gemächt des Amerikaners Bill Clinton ist das so. In der Popkultur regierte der Blowjob pur, er war und ist omnipräsent.

Seither wissen wir so Einiges. Wir wissen, dass der Akt die Legende von Cleopatra ziert, wir wissen, dass er im Kamasutra als „Sex in der Art der Krähe“ einen zwiespältigen Ruf genoss, wir schmunzeln, wenn ihn heute mal wer Fellatio nennt und erwähnen in der Konversation, dass er mit dem Warhol-Film Blow Job als solcher ins amerikanische und später eben in unser Bewusstsein gelangte. Tolles Wort, eigentlich. Klingt wie ein Accessoire, das frau bei Bedarf aus der Handtasche zieht, und ein wenig ist es auch so. Aber darum geht es hier nur in zweiter Hinsicht.

Zunächst geht es hier darum, dass vom Standpunkt des guten Lovers aus beim Blowjob nichts zu holen ist. Da gibt es nichts, was den Mann ermächtigen könnte, nicht einmal anständig verarschen kann er sich danach, das tragische „wie war ich“ ist simply zu abgenudelt.

Und zufällig ist es auch so, dass es mit den Selbstbewusstsein des Mannes seit langem mies bestellt ist, tatsächlich ist der „verunsicherte Mann“ als Begriff so alt wie die Postfeministin (also die mit dem BJ als Accessoire).

Logisch auch, dass ein verunsicherter Mann die schlechtesten Chancen hat, sein Girl im Bett sozusagen vom Laken zu fegen. Seine nachdrückliche Liebe zum Blowjob ist so gesehen zwar leicht zu verstehen – beim quasi verordneten Stillsitzen kann er sich weder lächerlich machen noch sie an seiner mangelnden Subtilität nörgeln. Aber profitieren kann bei diesem Akt nur die Frau. Beim Blowjob steht sie als mächtig da, sein resultierender Orgasmus verohnmächtigt ihn. Und dass sie nach vollbrachtem Werk zu ihm raufblickt, hat nur mit der geografischen Lage, nichts damit, dass sein Stillehalten ihr was abringt. Nach einem Blowjob steht das geschlechtliche Kräfteverhältnis auf „Vorteil Frau“.

Wie der Markt im 21. Jahrhundert auf das Phänomen verunsicherter Mann reagierte, ist hinlänglich bekannt. Er stellte dem Metrosexuellen ausreichend Waren in die Shops, damit er wenigstens äußerlich eine tadellose Figur machen konnte. Heute haben wir auch die Twittersexuellen und die Sapiosexuellen, und das ist auch okay. Aber der Weg zum ermächtigten Mann führt über Machen. Das Gegenteil eines Blowjobs. Den braucht er nicht, der ist ohnehin abgelutscht, der pfeift aus dem letzten Loch.

Der Blowjob hat eine Pause verdient.

4 Kommentare »

  • Melli sagt:

    schöner Diss Herr Sax! :D

  • Käthe sagt:

    Lieber Sax,
    danke für einen wieder einmal wunderbaren Artikel über BJ. Hab das Heft mit dem Anderen noch immer.
    ABER!!! Der Blow Job hat keine Pause verdient. Jetzt nicht!
    Liebe Grüße, Käthe (noch immer mit Brille)

  • nic_ko sagt:

    unglaubliches video, das du da aufgestöbert hast! made my evening :)

  • saxo lady sagt:

    Welch nahezu hegelianische Erkenntnis. Oder auch marxistischen. Alle Macht liegt beim knecht …Arbeiter…..proletariat….naja. steckt ja schon im Wort..job.
    Dass Sie mich auch immer wieder Zib denken bringen, wertester Sax

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