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Erinnerungen an die Gesamtschule (oder so was Ähnliches)

Von | 10.01.2011, 6:49 | 5 Kommentare

Die ÖVP schreibt Grundsatzpapierln zur Bildungsreform und verhindert die Gesamtschule. Willkommen im Bildungs-Museum Österreich.

Ein Fall fürs Museum: Bildungspolitik in Österreich, Foto: Flominator, Lizenz: CC BY-SA 3.0

Die ÖVP schreibt Grundsatzpapierln zur Bildungsreform und verhindert die Gesamtschule. Willkommen im Bildungs-Museum Österreich.

Ich komme vom Land, aus Oberösterreich, aus einem Dorf im Steyrtal. Die nächste größere Stadt war 17 Kilometer entfernt. Schon während der Volksschule war klar, wohin mich meine weitere Schulkarriere führen sollte: nicht täglich 17 Kilometer nach Steyr und retour, sondern ein paar hundert Meter in die Hauptschule des Ortes – und das, obwohl ich als Lehrerkind eigentlich zum Genie und Höherem berufen gewesen wäre. Der Vollständigkeit halber: Aus meiner Volksschulklasse gingen nur zwei oder drei weiter ins Gymnasium.

Ich weiß nicht, wie es heute um diese Hauptschule bestellt ist. Ich habe jedenfalls vor 25 Jahren dort Dinge gelernt, die ich später nach meinem Wechsel in die Gymnasium-Oberstufe gut brauchen konnte. Ich konnte besser Englisch als viele. Ich war besser in Mathematik als viele. Ich war besser in Deutsch. Und ich war noch immer kein Wunderkind, sondern kam bloß aus einer soliden Schule, die mir eine Bildungs-Basis verschafft hatte, die mich recht sicher zur Matura geleitete. Wobei selbstverständlich die Einschränkung gilt: Gegen Pubertät, Nikotin und Alkohol hilft auch die beste Bildung nicht.

Warum ich diese Geschichte erzähle? Weil sie von einer Schule erzählt, die in meiner Erinnerung schon vor vielen Jahren dem entsprach, was ich unter einer Gesamtschule für alle verstehe. Wir wurden gefördert und gefordert, viele von uns wechselten mit 15 in höhere Schulen, keiner hatte dort mit nennenswerten Problemen zu kämpfen.

Und das alles geschah innerhalb einer Schüler-Struktur, die schon damals durchaus das Zeug gehabt hätte, meine Schule zur Problemschule zu machen. Es gab durch die Nähe des Ortes zu einer industriell geprägten Stadt wie Steyr viele Migrantenkinder. Und die Buben und Mädel aus dem Landeskinderheim ein paar Kilometer weiter gingen auch in unsere Klassen.

Ich behaupte: Mit dem Modell dieser Hauptschule, mit ihrem vorweg genommenen Gesamtschul-Ansatz wäre jeder PISA-Test recht solide ausgefallen. Und so lange die ÖVP für ihr in den lahmen Tagen nach Neujahr platziertes Bildungsmodell nur zaghaften Widerspruch erntet, wird jeder PISA-Test weiter schlecht ausfallen.

Das hat vor allem damit zu tun, dass dieser „Bildungsweg für Österreich“ eine Sammlung von Plattitüden ist, die sich in Auszügen übersetzen lässt wie folgt:

  • „Gymnasium und die Mittelschule sind zwei gleichwertige Säulen für die 10- bis 14-Jährigen“
    Soll heißen: Wir pfeifen auf die Gesamtschule und zementieren die sozialen Ungerechtigkeiten beim Zugang zu Bildung.
  • „Flächendeckende Ausweitung der Neuen Mittelschule bei Beibehaltung des Gymnasiums“
    Soll heißen: Wir benennen die Hauptschulen einfach um und hoffen, dass die Zwei-Klassen-Bildung, die sich in den vergangenen Jahrzehnten herausgebildet hat, moderner daher kommt, weil sie einen anderen Namen trägt.
  • „Durch einen gemeinsamen Fächerkanon und Bildungsstandards wird die volle Durchlässigkeit zwischen der Mittelschule und dem Gymnasium Unterstufe gewährleistet“
    Was zur Frage führt: Wozu Durchlässigkeit zwischen „zwei Säulen“, die – wie wir oben lernten – ohnehin „gleichwertig“ sind? Warum zwei getrennte Systeme, die Gleiches leisten?

Ich weiß es nicht. Aber immerhin scheint es die amtierende Unterrichtsministerin Claudia Schmied zu wissen, die in den sechs von der ÖVP verfassten A4-Seiten „sehr positive Elemente“ zu erkennen vermag.

Angeblich hätte 2011 ja das Jahr der „das Jahr der Entscheidung für Bildungsfragen“ werden sollen. Bei diesem latenten Hang zum großkoalitionären Frieden scheinen sie schon jetzt gefallen zu sein. Im Bildungs-Museum Österreich bleibt alles wie es war. Und auch mir bleibt bloß eine Erinnerung.

5 Kommentare »

  • Schachermayr sagt:

    Danke für den Bericht eines ehemaligen Schülers unserer Schule. Es kommt wahrlich nicht darauf an, was über dem Eingangsportal einer Schule drauf steht, wichtig ist, was drin ist! Und wenn ich mir die Ergebnisse meiner Lehrerinnen und Lehrer anschaue, wenn ich mir die Leistungen eines Großteils unserer Schülerinnen und Schüler vor Augen führe, dann wird mir auch nicht bang, wenn ich in die Zukunft sehe. 300 kleine Persönlichkeiten, die in den allermeisten Fällen ihren Weg machen werden: viele in höheren Schulen, aber auch eine Reihe von jungen Menschen, die über das duale System ins Berufsleben einsteigen. Wenige, bei denen ich Bedenken habe.
    Es gibt Schulmodelle, die funktionieren!

  • mare sagt:

    Es ist traurig, dass so viel Erwachsene den Mut nicht aufbringen um die Probleme zu lösen. Statt dessen wird herumgeredet und taktiert auf Kosten unserer Zukunft. Viele Erfolgsprogramme liegen vor, es bräuchte nur Rückgrat mit Verantwortungsgefühl und einer großen Portion Kraft, Zuversicht und Durchhaltevermögen, allerdings vermisse ich diese bei unserer Regierungsmannschaft.

  • saxo lady sagt:

    :D wie sich die biographien ähneln.
    ich ging in die hauptschule eines 2000ew-dorfes direkt unter der A1. A-Zug und B-Zug hieß das damals. die aufnahmeprüfung in die hak war kein problem…außer die eltern meinten, dass das mensch eh bald heiratet und keine zeit in einer schule mit matura verbringen soll. (meine eltern zum glück nicht, aber meine freundin durfte mit lauter einser im a-zug mit müh und not in die hasch…weil nur 3 jahre…ein bauernmensch halt)

    Ja, die Lehrer hatten es noch leichter, weil wir bauernkinder noch anständig obrigkeitshörig erzogen wurden. a detschn von der frau lehrer war mit sicherheit verdient, nachsitzen und aufsatzschreiben gehörten dazu und waren intern auszeichnungen. wehe, einer musste nie…streber.

    um nicht zusehr ins :ach-früher-war-alles-besser: abzurutschen ;)

    die besten für die ausbildung. ein gemeinsamens schulsystem für alle kindern in allen bundesländern mit interner differenzierung….ja, es wär ganz einfach. wenn man die ideologien weg ließe….

  • samot sagt:

    Ich bin wesentlich jünger, doch bei mir war es ähnlich,nur das ich ins damals mit 10 ins Gymnasium gewechselt bin(als einer von zwei). Der Rest ist die in die Hauptschule nebenan gegangen. Die in der Hauptschule waren haben sich dann allerdings in der BHS vor allem in Englisch sehr schwer getan, weil der Lehrer in Hautpschule einfach unfähig war. In Mathematik allerdings hat keiner Probleme gehabt.
    Meiner Meinung nach kommt es viel mehr auf die Lehrer bzw. deren Motivation und Eignung an als auf den Schultyp.

  • truetigger sagt:

    Das Schulproblem fängt schon mit der gesellschaftlichen Bedeutung von Lehrern an: Es fehlt ihnen an Geld und Anerkennung, was dazu führt, dass nicht die Besten der Besten Lehrer werden, sondern oft diejenigen, die in einem anderen Studium gescheitert sind. Ebenso werden viele allgemeine Probleme auf die Schule abgewälzt, wo sie – oh Wunder – eben nicht gelöst werden.

    Irgendwo muss man anfangen, und die Ergebnisse in anderen europäischen Staaten scheinen eine späte Spezialisierung und eine Ganztagsschule als gute Grundlagen für ein brauchbares Schulsystem zu belegen. Trotzdem ist die Bildungsreform solang nicht vorbei, wie nicht ein allgemein anerkannter Konsens besteht, dass Bildung die eine wirkliche Zukunfts-Chance Österreichs ist und uns als Gesellschaft viel wert sein sollt. Momentan geht da die Reise eher in die entgegengesetzte Richtung.

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