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Amok in Arizona oder: heute schon wutgebürgert?

Von | 09.01.2011, 17:38 | 7 Kommentare

Kann man das gestrige Attentat von Arizona mit dem deutschen Modewort „Wutbürger“ in Zusammenhang bringen? Selbstverständlich. Gestern, Samstag, wurde im US-Staat Arizona Kongressfrau Gabrielle Gifford (40) niedergeschossen. Sie lebt noch, sechs andere Bürger am Tatort waren weniger glücklich. Wie in solchen Fällen üblich, wurde vom Täter, einem jungen Mann namens Jared Lee Loughner, gleich mal […]

In Wut by Assbach, Lizenz: CC Attr.-SA 3.0 Unported

Kann man das gestrige Attentat von Arizona mit dem deutschen Modewort „Wutbürger“ in Zusammenhang bringen? Selbstverständlich.

Gestern, Samstag, wurde im US-Staat Arizona Kongressfrau Gabrielle Gifford (40) niedergeschossen. Sie lebt noch, sechs andere Bürger am Tatort waren weniger glücklich. Wie in solchen Fällen üblich, wurde vom Täter, einem jungen Mann namens Jared Lee Loughner, gleich mal das Psychogramm eines beknackten Eigenbrötlers angefertigt, er selbst bezeichnete sich im hier veröffentlichten Video (von Mitte Dezember) als „Gewissensträumer“, der demnächst eine „neue Währung“ vorstellen werde. Abteilung irrer Amokschütze also, passiert alle paar Jahre in den USA, ab in die Klapsmühle mit ihm und abhaken? Nun, nicht ganz.

Ehrlich gesagt hab ich wenig Mühe, diesen Mister Loughner als ein Extrembeispiel der Spezies „Wutbürger“ zu begreifen, ja, wir sind hier beim Begriff, der in Deutschland zum „Wort des Jahres 2010“ hochgeschaukelt wurde, und das Dumme ist, dass dieses Wort bei uns ein weit besseres Image hat, als es verdient.

Ich meine: Wut, was soll das? Kann mir das mal jemand positiv vermitteln? Ich tu mir schwer damit, für mich ist Wut was Blindes, man hat sie im Bauch, und sie kommt hoch, wenn man rot sieht, oder? Wut ist jenseits von Vernunft und wenn du etwas weiter schürfst, gelangst du dorthin, wo die Angst sitzt, nämlich jene Angst, die nicht mehr rational ist.

Oft musst du nur „Muslim“ sagen, schon fährt in deiner Nähe ein Wutbürger hoch.

Bleiben wir beim Muslim. Der ist ein simpler gemeinsamer Nenner, in Amerika ebenso ein Reizwort wie bei uns. Hat Loughners Attentat etwas mit Muslims zu tun? Schwer zu sagen. Sicher ist nur, schrieb Talkmaster Dylan Ratigan in der Huffington Post, dass der Todesschütze „zornig war. In ganz Amerika sind die Menschen heute zornig. Und die Frage ist: Was tun mit dieser Energie?“

sarahpac.com

Sicher ist auch, dass diese Energie gern kanalisiert und mit einer Richtung versehen wird. Von Zündlern. Beispiel Teaparty, die sind intellektuell in etwa auf Höhe des Taliban, nur halt auf christlich. Sehen Sie sich einmal die Grafik links an. Die ist bzw war auf Sarah Palins Homepage sarahpac.com zu finden. Unter dem Slogan „Es ist Zeit, Stellung zu beziehen“ wurden 20 Demokraten, darunter Gabrielle Giffords, genau in so ein Visier genommen, wie es Schusswaffen auszeichnet.

Ein Wahnsinn eigentlich, und zum „Muslim“ ist es dann nur ein Schritt. Googlet man nun mit den Namen der Opfer ein wenig herum, wird Gifford auch als „Posterkind für alles, was mit dem US-Kongress nicht stimmt“ ausgewiesen, und: „Dann wundern wir uns, wenn die Lappenköpfe (ragheads) eine Moschee am Ground Zero bauen dürfen.“

Unter den Todesopfern des Amokschützen befindet sich weiters ein Richter namens John Roll, der mit Einwanderungsfällen zu tun und deswegen bereits Morddrohungen ausgefasst hatte. Erschossen auch ein 9jähriges Mädchen namens Christina Green. Was die nun mit Muslims zu tun hat? Sicher nichts. Interessant aber ihr Geburtsdatum: 9/11 2001.

Nun aber zurück zum „Wutbürger“, dem deutschen Wort des Jahres 2010. Es stehe, lese ich da, „für die Empörung in der Bevölkerung, dass politische Entscheidungen über ihren Kopf hinweg getroffen werden.“

Bin das nur ich oder hinkt diese Definition? Ich habe kein Problem, die „Empörung in der Bevölkerung“ nachzuvollziehen, aber wieso soll das zu Wut führen? Empörung ist was Rationales, das sich etwa beim Registrieren von Missständen einstellt und Ärger und sogar Zorn nährt, aber Wut ist das noch lange nicht. Wie gesagt, Wut ist jenseits von Ratio. Wie gelangt also der Bürger von der Empörung zur Wut?

Nun, bekanntlich lässt sich der „Wutbürger“ zu einem Spiegel-Essay zurück verfolgen (Dirk Kurbjuweit, Der Wutbürger, 11.10.10), wo dieser seltsame Bürger an zwei Ereignissen festgemacht wurde – Stuttgart 21 sowie eine Sarrazin-Lesung in München, in der „gezischt, gebuht und lautstark dazwischengerufen“ wurde und sich „gutgekleidete Grauköpfe nicht nur ereiferten, sie geiferten.“ Einverstanden, sowas nenne ich Wut. Zu der es im übrigen als Reaktion auf Kritiker von Sarrazins Thesen (Sie wissen schon, Zuwanderung aus muslimischen Ländern etc) kam.

In Stuttgart ortete der Autor auch „CDU-Wähler und Rentner“, getrieben von „nackter Wut, auch sie brüllen und hassen.“ Warum? Weil sie sich „gegen den Wandel“ wehren – ein Bahnhof ist nun mal was, das Leute eher zum Kommen einlädt als umgekehrt. Und so wurde der Wutbürger zum Schlagwort, ein Zeitgenosse, der keine Lust hat, Weltbürger zu sein; einer, der bewahren will, was er kennt und hat, zumal er auf die Zukunft pfeift, für die er ohnehin zu alt ist.

Zum Jahreswechsel kam nun dieser Wutbürger via einer Kolumne von Anneliese Rohrer nach Österreich – seltsamer Weise als Vorbild. „Warum“, meinte die Dame, „frisst hierzulande jeder eher seine Wut in sich hinein als sie in Aktivitäten umzusetzen?“

Also erstens, Madame, ist Wut nicht etwas, das in Aktivitäten „umgesetzt“ wird, da wird nur „ereifert und gegeifert“ (siehe Spiegel) oder eben auch – Beispiel Arizona – mal geballert. Wer braucht das?

Auch will der Wutbürger nicht, wie Sie schreiben, „dass sich was ändert“, im Gegenteil, genau dagegen wehrt er sich. Und schon gar nicht hat der deutsche Wutbürger „mehr Selbstbewusstsein“ als der österreichische, das ist absurd, Wut ist exakt die Absenz jeder Art von Bewusstsein.

Womit ich nicht sagen will, dass der österreichische Wutbürger nicht existiert, (selbstverständlich existiert er zuhauf, und alle paar Jahre wählt er Discowahlkämpfer), ich will nur sagen, dass er bei mir gern den Mund halten kann oder am besten gleich auswandern, denn einen Wutbürger im Sinn des Wortes braucht in Wahrheit kein Schwein. Prosit 2011, liebe Leute!

7 Kommentare »

  • saxo lady sagt:

    frater, wertester. voll energie zurück aus dem iglu. schön.

    wutbürger. nein, diese definition teil ich nicht. jedenfalls nicht ausschließlich. nämlich diese, dass der wutbürger nur einer sein, der nicht möchte, dass sich was ändere. wut im bauch zu haben ist eine frage der…hmm, da fällt mir er wieder ein: http://www.google.at/search?hl=de&source=hp&q=schramm+volksverbl%C3%B6dung&aq=0&aqi=g1&aql=&oq=schramm+volks&gs_rfai=
    ein zentraler satz: die intellektuelle verwirrung nimmt ab, die wut steigt….

    auch diesen kann man als wutbürger bezeichnen. eine wut im bauch, weil offensichtliches so lange nicht oder falsch entschieden wird. im bereich der bildung, im bereich der einsparungsmöglichkeiten. obwohl in diesem zusammenhang das wort möglichkeiten eine perfertierung sondergleichen ist. möglichkeiten, die justiz noch lobby-tauglicher zurechtzusparen, möglichkeiten, die bildung noch kasten-näher zu gestalten…nein, falsch, zu vernachlässigen. möglichkeiten, gesundheit als lotteriespiel zu gestalten.

    vielleicht ist das ja alles kein versehen, sagt schramm. vielleicht ist das absicht. absicht, eine dumme vertrottelte, nicht reflexionsbereite schicht heran zu ziehen, die sich mit burgern (juhuuuu umsatzzuwächse) krankenhausreif frisst (jippieeehhh möglichkeiten für das wachstum der gesundheitsbranche) und in mcjobs dämlich hakelt …. alles für das wachstum. für welches wachstum, fragt sich der bürger immer öfter.

    diese wut gibt es auch. in den köpfen der linken intellektuellen führt sie halt „nur“ zu zynismus (auch nur ein eingeständniss von hilflosigkeit) und resignation. in den bäuchen der rechten ist der weg zu den schlagstöcken, mistgabeln oder glocks ein logischer….

    wut im kopf führt möglicherweise zu neuen wegen.
    wut im bauch nur zu einem alten rezept, dass noch nie gut funktioniert hat. zur zerstörung.

    und darum danke ich für diese klugen worte.

    • Frater Gladius sagt:

      Liebe Saxo,
      danke für den Schramm, der macht Nägel mit Köpfen. Aber Ihre „Wut im Kopf“ kann ich so nicht lassen. Die Wut – der Furor, der rote Nebel – führt zu einer körperchemischen Reaktion, die ein Mitmischen des Kopfes (der Vernunft, des Verstandes, des Sehens) eben genau ausschließt. Das ist das Wesen der Wut.

      Um uns von kongenialer Energie antreiben zu lassen, würde ich sagen, reicht auch Unbehagen, Empörung, eventuell sogar Zorn, obwohl, letzterer kommt mitunter auch „heilig“ und hat dann fundamentale Untertöne, mit denen ich selten kann (ich bin auch mit dem „Zorn Gottes“ der Alten Schriften nicht wirsch, Sie wissen schon, die Plagen, die er über Ägypten kommen ließ, das roch doch etwas sehr nach blinder Wut, ein Allmächtiger könnte sich in der Tat weisere Lösungen einfallen lassen).

      Eigentlich sollte es schon reichen, wenn Zustände unserer Vorstellung von Humanismus nicht gerecht werden, um entsprechend aktiv zu werden. Nur greifen wir dann zu diesen bemühten Gesten. Färben unser Facebook-Konterfei grün ein für den Iran. Sammeln Unterschriften für Arigona. Stülpen eine Guy Fawkes-Maske um für Assange. Ist eh nett, eigentlich. Und zum Glück kommen die Bookfreunderl noch nicht rot wie Wutbürger daher. Ihr FG

      • saxo lady sagt:

        ..weils jetzt fehlt aber nicht sollte und ich eine freche göre bin:
        weihnachten wegen dem kapitalismus abzuschaffen ist so sinnvoll, wie sex wegen geschlechtskrankheiten aufzugeben….echt. ich lad den werten frater hiermit ein, ende november die ersten kekserl mit meinem 8jährigen zu backen.
        mehr weihnachten geht nicht.

        und ja, ich stimme ansonsten ja zu. gelassenheit…ist ja auch was anderes als gleichgültigkeit…wäre wriklich gefragt.
        ich arbeite dran.
        herzlichst

        • Frater Gladius sagt:

          Für die geneigten LeserInnen, die ob des voran gegangenen Kommentars von saxo lady eventuell etwas verdutzt sind: Mein obiger Kommentar endete ursprünglich mit einem Absatz, der im Lauf der vergangenen Nacht wieder verschwand, und der ein wenig von der (ganz oben erwähnten) „vertrottelten Schicht“ inspiriert war, die sich „mit Burgern krankenhausreif frisst“, also von der Konsum„kultur“, die wir an die Stelle des Herzens unserer Gesellschaft transplantierten.

          Weil nun der Kapitalismus heutzutage vollkommen vom Weihnachtsgeschäft abhängig ist (und mir, der sich lieber an Ideen labt, sowieso ein Dorn im Auge), ging ich hier wieder mal mit einer meiner Lieblingsideen äußerln, nämlich: „Weihnachten zu boykottieren. Dann wär dieser ganze kapitalistische Spuk mit einem Schlag meier.“

          Einem wie mir, der zu Weihnachten habituell lediglich ein Beobachter ist, stellt sich dieses ganze Xmas-Spektakel nun mal so dar: Erstens, kaufe Sachen, die keiner braucht, mit dem Geld, das du nicht hast. Zweitens, überfresse dich mit Dingen, auf die dein Körper verzichten kann. Drittens, ergib dich angesichts des nunmehrigen Kontostands und des Gewichts, das du auf die Waage bringst, einer satten Dosis Selbsthass. Viertens, sauf dich deswegen zu Silvester ins Delirium …

          … Und jetzt haben wir Mitte Jänner und die Show geht weiter. Und zu obigem Keksebacken mit Ihrem 8jährigen, liebe Saxo, kann ich nur anmerken, dass ein meier gegangener Kapitalismus derlei Aktivitäten keineswegs ruinieren würde sondern, im Gegenteil, fördern. Ihr FG

          • saxo lady sagt:

            ja. eh. es möge sich ein dorn finden an jeder rose. die notorische optimistin lässt grüßen. ja. die dornenhecke ohne rosen wäre ein vergleichbarer vergleich, wenn schon denn schon. der pöse kapitalismus. den uns irgendjemand von außen aufzwingt. wir, also im speziellen ich, kann natürlich garnix dafür und schon garnix dagegen. drum schimpf ich halt drauf wie andere unterschriften für arigona sammeln. hat ähnlichen sinn und ähnliche wirkung. amen. ups. zynismus ist ja auch nur eine form von hilflosigkeit. schrammscher scharfsinn hin oder her. seufz.

            aber ich vermiss einen bezug auf die sache mit dem s-wort und den geschlechtskrankheiten. oder ist das dem frater zu weltlich?
            ihre saxo

            • Frater Gladius sagt:

              Herrje, hier geraten wir in der Tat in Zonen, da wird dem Frater heiß unter dem Kollar. Gestatten Sie mir daher, thematisch das Weite zu suchen und auf entfernt verwandte Ergüsse im Archiv zu verweisen:
              No Woman, No Cry http://bit.ly/i3KqxZ,
              Onan, der Barbar http://bit.ly/hDHVcG
              und natürlich Sex mit dem Heiligen Geist http://bit.ly/ickdVp.

              Ihr FG

              • saxo lady sagt:

                feigling. dabei ist das die conclusio der sache.
                weihnachten ist der versuch, in die sonnenlosteste und kälteste zeit im jahr mit gewürzen, wärme und zusammenrücken die sonne nicht zu vergessen.
                das macht sinn. und wer sich das von led-lamperl und glitzerdingsbumsis versauen lässt, ist selber schuld ;)
                ich bin ja notorischer optimist und denke es halten viele so wie wir:
                was gebruacht wird, wird zu weihnachten gekauft.
                regards saxo

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