Jetztzeit

Reality-Check: die Gegenwart in Wort und Bild

Netzzeit

Geschichten aus dem Leben mit dem Netz

Sexklinik

Alle Zeit bereit: Quality Time zum Thema Nummer Eins

Auszeit

Kultur & Freiheit: Doping zur Bewältigung des Alltags

Denkzeit

Die Welt ist kompliziert. Reden wir darüber

Sie sind hier: Home » Jetztzeit » Die Sex-Vorwürfe: Assange bricht sein Schweigen
Share

Die Sex-Vorwürfe: Assange bricht sein Schweigen

Von | 27.12.2010, 4:38 | 2 Kommentare

In einem Interview für Al Jazeera nahm Julian Assange erstmals persönlich zu den Sexvorwürfen Stellung. Das Gespräch in deutscher Übersetzung. Seit der Verfilmung seiner Gespräche mit Richard Nixon (Frost/Nixon, 2008, 5 Oscar-Nominierungen) ist der englische Talkmaster Sir David Frost (71) weltweit bekannt. Für Al Jazeera English bat er nun Julian Assange vor die Kamera. Und […]

Assange bei Al Jazeera, Screenshot

In einem Interview für Al Jazeera nahm Julian Assange erstmals persönlich zu den Sexvorwürfen Stellung. Das Gespräch in deutscher Übersetzung.

Sir David Frost, Screenshot

Seit der Verfilmung seiner Gespräche mit Richard Nixon (Frost/Nixon, 2008, 5 Oscar-Nominierungen) ist der englische Talkmaster Sir David Frost (71) weltweit bekannt. Für Al Jazeera English bat er nun Julian Assange vor die Kamera. Und der Wikileaks-Gründer nahm erstmals persönlich zu den schwedischen Sexvorwürfen Stellung. zib21 übersetzte die relevanten Passagen. (Das Video dazu finden sie ganz unten)

David Frost: Sie haben eine kriminelle Handlung bestritten, sie haben aber nicht bestritten, dass Sie Sex hatten.

Julian Assange: Ich finde es für mich nicht richtig, gewisse Dinge zu tun, und es ist schwierig, weil es unterschiedliche kulturelle Werte gibt. Meine kulturellen Werte in solchen Angelegenheiten sind: Ein Mann spricht nicht über sein Privatleben. Und ein Mann kritisiert Frauen nicht. Sicher kritisiert er Frauen nicht, ehe er nicht die Fakten kennt. In dieser Angelegenheit haben wir erst vor kurzem über eine enge Freundin einer der beiden Frauen einen Teil ihrer Aussagen erfahren, und sie sagt, dass die Frau von der Polizei dazu reingelegt wurde. Vielleicht ist es also kein Komplott der Frauen. Obwohl es Aspekte gibt, die dafür sprechen. Aber vielleicht ist dem nicht so. Vielleicht sind sie unschuldige Opfer, die zu Aussagen veranlasst wurden, die sie nicht machen wollten.

Aber warum fahren Sie nicht nach Schweden? Fürchten Sie, dort kein faires Verfahren zu erhalten?

Interessant, dass Sie das sagen. Denn dieser Punkt wurde auch vom Anklagevertreter hier in England gemacht, der dafür sorgte, dass ich in die Einzelzelle kam und mir die Freiheit gegen Bürgschaft verwehrte und der, als mir die Bürgschaft doch gewährt wurde, bis zum Obersten Gerichtshof ging, um dagegen Einspruch zu erheben. Und eines seiner Argumente war, dass ich angeblich nicht glaube, in Schweden ein faires Verfahren zu erhalten. Wenn ich also sage, dass ich in Schweden kein faires Verfahren erhalte, dass es dort keine Jury gibt, dass die Hälfte des Entscheidungsgremiums von der Regierungspartei nominiert wird – wenn ich also sage, dass ich kein Vertrauen in die schwedische Gerichtsbarkeit habe, wird mir die Bürgschaft anulliert, und ich muss wieder ins Gefängnis. Also muss ich mir die Sache ansehen und recherchieren, ob ich dort die Chance auf ein faires Verfahren habe. Das möchte ich erst mal verstehen, ehe ich ausgeliefert werde. Vor allem möchte ich wissen: Was wird mir vorgeworfen, wer steckt dahinter? Die schwedische Staatsanwaltschaft hat sich geweigert, dem britischen Gerichtshof irgendwelche Evidenz zu zeigen. Sie sagen, dass sie das nicht müssen und nicht wollen. Und mit Evidenz meine ich nicht irgendwelche Fotos, ich meine damit nur die Stellungnahmen, die anfänglichen Vorwürfe der Frauen. Aber man weigert sich, das rauszurücken. Das ist nicht eine Situation, in die hinein zu gehen ich richtig finde. Es gibt ja keinerlei offizielle Anklage gegen mich. Daher finde ich es richtiger, wenn sie hierher kommen und mich befragen, worüber auch immer, dieses Angebot hab ich ihnen ja gemacht. Das sollte zuerst passieren.

Wir haben hier im Britischen Rechtssystem – das offener ist – die Möglichkeit, diese Information ans Licht zu bringen, die Möglichkeit herauszufinden, worum es da tatsächlich geht. Um öffentlich zu demonstrieren, dass da etwas passiert, das nicht richtig ist, dass da schmutzige Tricks mit im Spiel sind, zumindest bei diesem Missbrauch, wie mein Name an die Öffentlichkeit gelangen konnte, warum der oberste Ankläger sagen konnte, dass es nicht einmal den Verdacht auf Vergewaltigung gäbe, und dann nach Intervention eines Politikers die Sache einer Anwältin in Göteborg übergeben werden konnte, nicht in Stockholm – was geht da vor?

Video: Frost over the World – Julian Assange (Der O-Ton zur dt. Übersetzung beginnt bei Minute 19.00)
Al Jazeera English

2 Kommentare »

  • snotty sagt:

    ach, dann muss ich mir das john humphrys interview mit assange in der bbc nur eingebildet haben. schade, weil der nicht so ein verkalktes poster-child der konservativen ist wie frost.

    • Manfred Sax sagt:

      Muss nicht so sein, snotty, seit seinem zwist mit dem guardian ist assange ja großzügig mit seiner zeit. tatsächlich ist mir dieses radio-interview (http://bbc.in/ekIqBM) simply entgangen, vielen dank für den hinweis (ziehe daher das im intro verwendete „erstmals“ meaculpazerknirscht zurück).

      erlauben Sie mir aber einen einwand zum „poster child“. es gibt zeiten, da hat sowas auch vorteile. john „kettenhund“ humphrys wäre etwa mit nixon nirgendwo gelandet (von dessen resignation konnte er nur berichten, frost ließ seine comeback-fantasien entgleisen). warum? weil sich kein politiker von diesen „denen-zeig-ichs“-journalisten (jeremy paxman & co) in die karten blicken lässt (wie das beim belächelten frost der fall war).

      tatsächlich outete sich humphrys (und insbesondere paxman, dem alle angestellten brit-broadcaster nachzueifern trachten) im lauf der jahre als just another arrogant dick, der allzu gern im eigenen arsch verschwindet. ein scharfmacher-routinier ohne besondere vorkommnisse. mal sehen, wie der in acht jahren (mit 71) drauf ist. eher nicht frei aktiv wie frost, würde ich sagen (al jazeera? cool!). eher schon gemächlich auf seiner fetten bbc-pension ruhend, mit gelegentlichen „elder statesman“-auftritten in desert island discs auf radio4. Ihr sax

ZiB21 sind: unsere Blogger