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Sexklinik News. Assange Nackt

Von | 24.12.2010, 19:33 | 6 Kommentare

Von Hillary Clinton via Schweden bis zum Geekgirl von nebenan: Alle wollen Assanges Arsch. Mutiert der Mann des Jahres zum totalen Sexobjekt?

 

Romeo Julian by julianassangeisgorgeous

Klarstellung, nur für den Fall: Es gibt hier in der Folge keine Nacktbilder des 39jährigen Aussies, er wird anders ausgezogen, aber gut, das haben Sie sich ohnehin gedacht. Dennoch ad hoc eine Frage: Haben Sie eventuell Bock auf das Sexobjekt in Assange? Ist Ihr innerer Voyeur ausreichend akut? Wenn ja, sind Sie mit diesem seltsamen Appetit nicht allein.

Der Mann, der Anfang dieses Jahres gerade mal in der Cyberszene eine große Nummer war, ist heute ein globaler Haushaltsbegriff. Weil Wikileaks eine geniale Sache ist. Die Afghanistan-Aufdeckungen. Die Irak-Akten. Cablegate. All dieser Dreck, der da unter dem polit-diplomatischen Teppich gelegen hatte und nun nicht mehr nur Herrenwissen ist. Das wunderbarste Aufzeigen wider die Übermacht seit Spartakus. Nur degradieren die mutmaßlichen horizontalen Abenteuer ihres Erfinders heute alles, was Wikileaks aufstöbert, zum Nebenschauplatz. Mit schrägen Konsequenzen. In Webwelt schießen Julian-Sites aus dem virtuellen Boden, in der US-Blogsite Daily Beast wird er als „Pornostar“ und „Chick Magnet“ gefeiert, anderswo als „Libertin 007“ – weil er Martinis liebt. Vergangene Woche, als der Wikileaks-Gründer seine englische Gefängniszelle verließ, begrüßte ihn ein Banner mit dem Spruch „Julian, I want your Babies“. Was soll man davon halten?

 

assangeisgorgeous.com

Sexobjekt oder Sexsymbol? Objektive Aspekte der allgemeinen Assange-Begierde gibt es. Zum Beispiel seine Blondheit, der etwa in dieser Galerie gehuldigt wird. Was nicht einer gewissen Ironie entbehrt. Assange ist naturdunkelbraun. Die Blondheit ist eigentlich eine Weißheit, die in seinen frühen Zwanzigern vom Stress eines Gerichtsprozesses getriggert wurde, den er gegen seine Exfrau unterhielt, um das Sorgerecht für seinen Sohn zu erhalten.

Dann ist da die Fansite Julianassangeisgorgeous, eine erfolgreiche Adresse, Assange wird dort Tag für Tag angehimmelt, zum Beispiel als Romeo Julian. Eine Textprobe:

“But soft, what light through yonder (prison) window breaks? / It is the east, and Juli(an) is the sun / Arise, fair sun, and kill the envious moon / Who is already sick and pale with grief / That thou, her maid, art far more fair than he.”

Tja. An dieser Stelle ist wohl fest zu halten: Wer dir mit Shakespeare kommt, der sieht dich nicht als Sexobjekt, für den bist du eventuell ein Sexsymbol, aber vielleicht nicht einmal das bzw viel mehr als das.

 

Bianca Jagger by xrichx, Lizenz: CC Attr.-NC-ND 2.o Generic

Assange Superstar. Das ist er zweifellos. Assange ist global die Persönlichkeit des Jahres, für Cyberwelt ist er, was ein Jagger für die Rockmusik ist. Ein Status, der für gewisse Umstände sorgt. Zum Beispiel muss er seine Musen nicht suchen. Sie finden ihn. Seinem aktuellen Ranking gemäß sind Assanges Musen hochkarätig: Bianca Jagger, Menschenrechtskämpferin und Sir Micks Ex, die sich ungefragt zur Anwältin von Assange stempelte. Die umwerfende Jemima Khan, Milliardenerbin und als Exgattin des Cricket-Gottes Imran Khan einst Beinahefirstlady von Pakistan, die Assange als „neuen Jason Bourne“ begreift und seine Freilassung von der Haft mitfinanzierte. Es gibt keine berühmteren Musen als diese beiden Frauen. Aber mit Assanges realem Leben haben sie selbstverständlich nichts zu tun.

 

Cynthia Plastercaster by Mighty Selbor, Lizenz: CC Attr.-NC 2.0 Generic

Assange und die Groupies. Assanges Lifestyle gleicht dem eines Rockstars. Er hat keine ständige Bleibe, er fährt von Gig zu Gig, er hat Charisma, er ist ein Magnet für Frauen, er bedarf keiner originellen Minne, um mit ihnen in horizontale Lage zu geraten. Solche Frauen werden häufig „Groupies“ genannt. Das ist im Fall der beiden mittler Weile berühmten – in Printmedien „Miss A“ und „Miss W“ genannten – Schwedinnen natürlich eine Frechheit. Ich kann echte Groupies verstehen, wenn sie darüber erbost sind, mit den Schwedinnen in einem Satz genannt zu werden.

Ich kenne (aufgrund einer ungesunden Hendrix-Obsession) einige berühmte Groupies persönlich, nämlich Cynthia Plastercaster (die Jimis Penis in Gips verewigte) und Monika Dannemann (Hendrix´letzte Beziehung, siehe auch HIER), und ein Groupie würde so manches tun. Sicher nicht würde sie „ihren“ Star bei der Polizei anzeigen, das passt nicht zu ihrem Selbstbild, das wäre unter ihrer Würde, das ist der signifikante Unterschied zwischen Groupies und den beiden Schwedinnen. Und dann ist da natürlich noch der Sex.

Ist Assange ein sexueller Mensch? Erstens natürlich nein, Assange ist zunächst ein Nerd und Männer mit geringerer sexueller Ausstrahlung als Nerds müssen erst gefunden werden. Zweitens aber hat Assange einen soliden Ruf. Ein Wiki-Kollege sagte, dass Assange „mehr Frauen bumst als Wikileaks Dokumente veröffentlicht“. Assange selbst beantwortete vor wenigen Tagen die Frage eines Times-Journalisten, ob er promisk sei, mit „nein, aber ich mag Frauen“. Drittens hat ein Mann wie Assange Bedürfnisse. Er ist Single, mit 39 ist er im sexuell aktivsten Alter, kraft seines Amtes ist er außerdem in permanenter Spannungssituation, sehnt sich daher nach Entspannung wie der Hund nach dem Knochen. Und laut Aussagen der zwei Schwedinnen ist er schnell bei der Sache. Aber wundert das jemanden? Kann es jemanden wundern, dass einer, der sich nach den Todesdrohungen aus höchsten politischen US-Kreisen berechtigte Gedanken macht, ob er morgen noch lebt, dass so einer heute noch mal bumsen will?

Anna Ardin und Sofia Wilén. So heißen die beiden Schwedinnen zur Affäre, und im Print herrschte Entrüstung darüber, dass sie online trotz „schwebendem“ Verfahren namentlich genannt wurden. Diese Debatte hat sich erübrigt, seit der englische Guardian vor einer Woche „unautorisiert“ in Besitz der Anzeigenprotokolle der schwedischen Polizei gelangte, sie unverblümt outete und den Frauen anonym so Sager einräumte wie „es war der schlechteste Sex aller Zeiten“ (Ardin).

Frage: Kann das wirklich Sache sein? Ist schlechter Sex gleich sexuelle Belästigung? Ist es cool, eine öffentliche Person anonym runterzumachen?

Der Guardian rechtfertigte die Entblößung mit einer „Entrüstung über frauenfeindliche Blogposts“ und deren Unwillen, „Klagen von Frauen über sexuelle Belästigung“ ernst zu nehmen. Nur hat der Unwille in diesem Fall viele Gründe: weil auch die schwedische Anwaltschaft die Anzeige der Frauen zunächst als „unsubstanziell“ verwarf; weil diese Klage zu jenem Zeitpunkt nicht von „Cablegate“ zu trennen war; weil die USA bereits anno Vietnam vergleichbare „Leaks“ (die Pentagon-Enthüllungen von Daniel Ellsberg, 1971) mit sexuellen Verleumdungen gekontert hatte; und jetzt erst recht, weil gerade angesichts dieser nun quasi-öffentlichen polizeilichen Protokolle nur Verwunderung über die schwedische Haltung bleiben kann.

Sexuelle Belästigung. Fakt ist: Julian Assange wurde bislang formell keines kriminellen Akts angeklagt. Es existiert lediglich ein Auslieferungsbegehren – auf Basis ebendieses polizeilichen Protokolls mit bizarren Schwerpunkten:

13.8.: Ardin und Assange hatten Sex mit Kondom, laut Ardin „machte“Assange „etwas“ mit dem Kondom, sodass es riss und er „ohne Rückzug ejakulierte“. (Assange bestritt, vom Kondomriss etwas mitbekommen zu haben).

14.8.: Assange hielt Ansprache bei einem von Ardin organisierten Event, abends schmiss sie eine Party für Assange, über die sie twitterte („sitze draußen um zwei Uhr früh mit den coolsten Leuten der Welt, es ist super.“)  – ein Tweet, den sie später löschte, der vertrug sich schlecht mit der Anzeige, aber die Evidenz blieb bei Empfängern existent.

16.8.: Wilén und Assange hatten Sex in ihrer Wohnung in Enköping, Assange erklärte sich „widerstrebend“ (Wilén) bereit, ein Kondom zu verwenden.

17.8.: Wilén kaufte Frühstück, legte sich dann neben den noch schlafenden Assange, schlief ihrerseits ein und „bemerkte erwachend“ (Wilén), dass Assange Sex mit ihr hatte, ohne Kondom. Sie sagte danach: „Ich hoffe, du hast nicht HIV.“ Er erwiderte: „Natürlich nicht.“

20.8.: Ardin und Wilén trafen einander und verglichen ihre Stories. Sie gingen zur Polizei, um zu checken, ob sie Assange zu einem HIV-Test zwingen können, der diensthabende Polizist sagte nein.

Ein gerissener Gummi, eine Nummer im Halbschlaf und Tage später ein zweisames Umdenken – das war die Essenz. Die Basis für den ersten Anwalt, etwaige Gedanken an eine Anklage Assanges zu verwerfen (mehr dazu HIER). Nun obliegt der Anwältin Marianne Nye die Entscheidung, ob diese Evidenz vor Gericht eine Klage wert ist. Dafür findet sie es tatsächlich notwendig, Assange persönlich zu befragen. Ein Anliegen, das Assange bis dato die Reise nach Schweden nicht wert ist, zumal nicht auszuschließen ist, dass da irgendwo auch noch ein paar Amis herumlaufen, die heiß auf seinen Arsch sind. Wer will ihm das verübeln? Ich nicht. (Zusatz: Aber ein HIV-Test wäre wohl empfehlenswert. Es gibt Gründe, Kondome zu hassen, aber ein wissentlich HIV-Positiver, der auf ungeschützten Sex beharrt, handelt kriminell).

Inzwischen, am Planet Sex, werden alte Debatten zum Thema „Kampf der Geschlechter“ wiederbelebt. Hat eine Frau nicht das Recht, heißt es auf der traditionell (post)feministischen Seite, einen sexuellen Akt zu beenden, wenn der Mann nicht so tut oder verhütet, wie sie es will, auch wenn sie dem Verkehr zuvor zustimmte? Das ist auch zugleich der Schwachpunkt ihrer Argumentation. Die Antwort ist zu simpel: Selbstverständlich hat sie dieses Recht, wer sollte es bestreiten? Am besten, sie pocht vollkommen unmissverständlich auf dieses Recht. Die Grauzone, in der sich die schwedische Affäre gegenwärtig befindet, liegt in diesen Details. In der Zögerlichkeit. In diesem „Ich dachte, es war zu spät, jetzt zu stoppen, weil ich schon so weit mit ihm gegangen bin“ (Ardin laut Polizeiprotokoll), also dort, wo Ardin und Wilén eventuell „nein“ dachten und dennoch weiter machen ließen.

Einer erwachsenen Frau (die zwei Schwedinnen sind großjährig) ist Eindeutigkeit zumutbar, alles andere ist jene Unmündigkeit, in der sie vor Jahrzehnten einmal stak, die heute niemand braucht. Auch Assange nicht. Der hat genug am Hals, vor aller Welt seinen archetypischen Helden raushängen zu lassen, der allein und nur mit Laptop bewaffnet gegen die nukleare Supermacht USA antritt und damit auch noch Siege verzeichnet. Das ist der weitaus interessantere Schauplatz. Der wichtigere sowieso. Bei allem Respekt: Die SchwedInnen mit ihren aktuellen Kompliziertheiten sind vergleichsweise Kleinkram. Eine „Beleidigung für jedes tatsächliche Vergewaltigungsopfer“, wie US-Feministin Naomi Wolf richtig anmerkte. Lasst uns in Ruhe mit dieser Seifenoper.

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