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Von #unibrennt in London zu #wikileaks im Netz: Ziviler Ungehorsam muss sein!

Von | 13.12.2010, 23:13 | 2 Kommentare

Es ist immer wieder überraschend, wie überrascht manche von zivilem Ungehorsam im richtigen Moment sind. Ein Plädoyer mit etwas Pathos.

London, 9. Dezember 2010. Prinz Charles und Camilla sehen Studentenproteste. Foto: Screenshot

Es ist immer wieder überraschend, wie überrascht manche von zivilem Ungehorsam im richtigen Moment sind. Ein Plädoyer mit etwas Pathos.

Selbstverständlich ist es Zufall, dass die Studentenproteste in London vom vergangenen Wochenende just in jene Zeit gefallen sind, als alle Welt über Wikileaks und Julian Assange debattiert hat und Anonymous-Aktivisten die mit DDoS-Attacken die Websites von Paypal, Mastercard und anderen lahm gelegt.

Selbstverständlich hat es auch inhaltlich nichts miteinander zu tun, wenn einer wie Assange mit fadenscheinigen Verdachtsmomenten wegen Vergewaltigung verhaftet wird und auf Londons Straßen Feuer entzündet werden. Wut über verminderte Bildungschancen und machtlose Staatenverbünde, die sich ihrer Hoheit über Informationen beraubt sein, sind zwei paar Schuhe. Und doch drängten sich in den vergangenen Tagen eine Gemeinsamkeit auf, die ein bisschen Reflexion wert ist.

Es ist die bereits erwähnte Wut einer Generation, die sich um ihre Zukunft betrogen sieht. Einer Generation, die ihren Lifestyle und ihre Probleme nicht ernst genommen sieht.

Nun ist zwar Wikileaks kein per se „junges“ Projekt, aber es lässt sich in seiner Ablehnung durch die „Alten“ in Medien und Politik als solches vereinnahmen. Und die konzertierten Hacker-Attacken der Operation Payback sind ein jugendlich gefärbter Aufstand, eine weltumspannende Solidaritätsaktion jener, denen in der westlichen Hemisphäre von den Alten an den Hebeln gerne ihr apolitisches Konsumverhalten zum Vorwurf gemacht worden ist.

Womit sich der Kreis zu den blutigen Tuition Fee-Protesten in England wieder schließt: Auch hier tritt diese angeblich unpolitische Generation plötzlich mit einer Macht und Durchschlagskraft auf, die nicht einmal vor Prinz Charles und Camilla halt macht. Ob man diese Menschen nun Nerds, Digital Natives oder sonstwie nennt, ist egal. Sie haben so oder so genug, und sie artikulieren das manchmal mit einer Eloquenz, die man 15jährigen nicht zutraut.

Zukunftsangst und der daraus entstehende Protest resultieren immer aus einer Bestandsanalyse der Gegenwart. Und die Gegenwart ist kein schöner Ort. In der Gegenwart wird bei Bildung und Lebenschancen gespart. In der Gegenwart wird der letzte scheinbar unreglementierte Raum – das Web – schon längst von Konzernen und Regierungen infiltriert. In der Gegenwart wird alles daran gesetzt, dass die nun in England und im Web während der Operation Payback auf den Plan getretene Generation (Österreich wurde vor gut einem Jahr mit der noch lange nicht vertrockneten #unibrennt-Bewegung Zeuge solcher Symptome) so apathisch bleibt, wie es ihr vorgeworfen wird. Schließlich ist es bequemer so.

Es darf nicht sein, dass man diese Generation um ihre Zukunft bringt. Und es darf auch nicht sein, dass man jener Generation ihre Medienverhalten und ihr Verständnis von Freiheit kriminalisiert, für das Wikileaks stellvertretend stehen kann. Und diese Generation ist bereit, mit ihren Mitteln dafür einzutreten. Das können Wurfgeschosse auf Prinz Charles’ Wagen sein. Das können zum Absturz gebrachte Websites sein. Und das kann noch viel mehr von Symbolkraft sein, denn es ist schlicht ziviler Ungehorsam – und es ist überraschend, wie sehr manche immer wieder davon überrascht werden.

Den Überraschten erscheinen die Studenten in London natürlich als gewaltbereiter Mob und die Anonymous-Hacker brandgefährliche Anarchisten. Ich persönlich verstehe aber beide. Sicher, sie könnten ihre Argumente auch gesitteter vortragen – aber würden sie dann gehört werden? Und vor allem: Würden wir davon wissen?

Eben. Und darum rücken dieser Tage einmal mehr das Recht auf Bildung und das Recht auf Informationsfreiheit an die obersten Stellen der Agenda. Der Kampf darum nährt nicht nur viele Protestbewegungen neueren Zuschnitts, sondern ist die Basis einer Welt, in der Staaten und Banken nicht einfach tun können, was sie wollen, weil die Öffentlichkeit sie kontrolliert. Sie hat nämlich ein Recht darauf, und weil sie seit Wikileaks weiß, dass Staaten etwas vor ihren Bürgern zu verbergen haben, wird die Öffentlichkeit noch viel wachsamer sein.

Ich weiß, das klingt alles reichlich pathetisch und benebelt von den erschöpfenden Wochen vorm Hirnstillstand um Weihnachten. Und ehe ich ganz zum Prediger werde, höre ich auch schon wieder auf damit. Nur ein Hinweis noch: Eine Spiegelung von Wikileaks läuft auf einer Subdomain von unibrennt.at. Irgendwie kommt doch immer alles zusammen, was zusammen gehört.

2 Kommentare »

  • karotterl sagt:

    recht auf demonstration im netz….sollte so selbstverständlich sein wie in der realen welt. vor allem, weil es ähnlich effektiv ist wie reale demos vor 30 jahren…

  • hasskape sagt:

    toll zusammengefasst. kompliment.

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