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Das Internet macht blöd

Von | 10.12.2010, 12:44 | 4 Kommentare

Das iPad ist ein Hit. Das Internet prägt den Alltag. Doch der Trend zum Intellectual Divide grenzt immer mehr Menschen von Entscheidungsprozessen aus.

Foto: Annie Mole, Lizenz CC 2.0 BY

Das iPad ist ein Hit. Das Internet prägt den Alltag. Doch hinter dieser Entwicklung verbirgt sich ein Trend zum Intellectual Divide, der immer mehr Menschen von Entscheidungsprozessen ausgrenzt.

Das iPad verkauft sich besser, als Apple das erwartet hatte. Der US-Spezialinfodienst eMarketer geht für 2011 von einem Verkaufszuwachs in der Höhe von 127 Prozent für das iPad aus. Bislang hat Apple in den USA rund 8,5 Millionen Stück abgesetzt und somit einen Marktanteil von knapp 90 Prozent des Tablet-Marktes.
Im kommenden Jahr werden demnach 20 Millionen iPads von Apple abgesetzt, so eMarketer, 2012 sogar 30 Millionen. Der Marktanteil von Apple soll bei über 75 Prozent bleiben. Wenig erstaunlich: Die Besitzer der glänzenden Surfstationen sind nicht mehr ganz junge, aber dafür umso kaufkräftigere Erwachsene.

US Tablet and iPad Sales, 2010-2012 (millions of units, % of total and % change)

Durchaus interessant sind die langfristigen Trends hinter dem Internet-Boom, die in Österreich spürbar sind. Der Trend der Internetnutzung ist eindeutig, berichtet die aktuelle IMAS-Studie zur Internetnutzung in den Nullerjahren: Die Zahl der täglich in der virtuellen Welt Aktiven hat sich in diesem Jahrzehnt mehr als verdreifacht. Mehr als zwei Fünftel der Österreicher gaben dem IMAS in der ÖVA (Österreichische Verbraucheranalyse) 2010 zu Protokoll, das Internet nahezu täglich zu nutzen – mehr als drei Fünftel der Bevölkerung sind zumindest einmal im Monat im Netz. Der Anteil der Internet-Abstinenten, also Menschen, die das Internet kaum oder gar nicht nutzen, hat sich seit dem Jahr 2000 um 33 Prozentpunkte vermindert. Das Internet verweigern jetzt nur mehr 36 Prozent der Österreicher.

„Die Bevölkerung hat sich somit in zwei Kommunikationswelten geteilt: In der einen vollzieht sich eine konsequente Anpassung an die breitgefächerten Möglichkeiten der digitalen Informationstransfers und damit auch eine gravierende Veränderung des Kommunikationsverhaltens. In der anderen machen die Menschen wie bisher in einer sozusagen konventionellen Form von den Medien Gebrauch. Die beiden Extremgruppen
sind gegenwärtig etwa gleich stark: 42 Prozent sind Intensivnutzer des Internets, 36 Prozent stehen diesem Kommunikationsträger noch fern.“

Die User verwenden das Internet als Nachschlagewerk, eMail-Versandinstrument und zum Finden von Adressen. Sie machen Online-Banking, Wetter- und Fahrplanabfragen und vernetzen sich auf Facebook. Nur noch jeder vierte User verwendet das Internet zum Lesen von Online-Zeitungen und Zeitschriften, jeder vierte für Informationssuche über Politik und Wirtschaft.

Spannend darin der Schluss, den die Marktforscher ziehen.

„Die Zunahme der Informationsmöglichkeiten führt nicht zu einer Verbreitung der Erfahrungshorizonte der Bevölkerung, sondern zu einer immer schärferen Selektion der Inhalte nach den eigenen Interessen. Sprich, die Bevölkerung hat zwar seit Beginn der Zivilisation heutzutage ein Höchstmaß an Informationsmöglichkeiten, sie nutzt diese aber zu einer immer spezialisierteren Betrachtung der Gegenwart. Diese Perspektive ist besorgniserregend, denn eine Gesellschaft, die ihre breite Kommunikationsbasis verlässt und sich kaum noch über gesellschaftliche Fragestellungen informiert, verändert auch ihren sozialen Code wie Normen und Werte, sie verliert das Verständnis für den Anderen und gefährdet in letzter Konsequenz den Zusammenhalt in der Gesellschaft.“

Fügen wir die beiden Studien zum Thema iPad und Internet zusammen und legen noch eine andere Studie obenauf, die besagt, dass 2015 das Internet häufiger über mobile Endgeräte als über klassische Computer abgerufen wird – Stichwort Applikationen. Wenn wir den Trends folgen: Welche Apps werden die User 2015 täglich verwenden, auf welche Inhalte werden sie kaum noch stoßen? Vermutlich werden allgemeine Nachrichten verschwinden – und nur sensationelle Nachrichten bestehen bleiben, also jene, die sich über Apps und soziale Netzwerke weiterempfehlen und verschicken lassen. Das schränkt aber die Möglichkeiten klassischer Medienmacher stark ein, diverse Inhalte anzubieten. Sie lohnen sich imer weniger, weil sie immer weniger Relevanz besitzen.

Ich persönlich teile die Sorge der Marktforscher, dass wir nicht nur einem Digital Divide, sondern auch einem Intellectual Divide  entgegensehen, der größer werdende Bevölkerungsteile immer stärker aus Entscheidungsprozessen ausgrenzt. Ich könnte mich auch irren, das wäre gut.

4 Kommentare »

  • karotterl sagt:

    ähm…gilt die differenzierung kroneleser vs. standardleser auch noch?
    :D

  • Höhli sagt:

    Ich persönlich glaube, dass es diese Art der schärferen Selektion von Inhalten des eigenen Interesses immer schon gegeben hat, natürlich in einem anderen Umfang. Dem klassische Bücherwurm haftet ja auch oft das Stigma des sozialen Hinterwäldlers an. Durch die breite Verfügbarkeit von Online-Inhalten erhöht sich natürlich die Bereitschaft dem eigenen Wissensdrang nachzugeben(da halt wesentlich schneller und bequemer als Offline-Medien). Das ist im Grunde ja zu befürworten. Jeder Mensch, der nicht vom Fernseher oder einer Spielekonsole erzogen wurde, sondern von Eltern die sich ihrer Aufgabe bewusst sind, wird meiner Meinung nach keine oder nur geringe Probleme in der realen sozialen Welt haben. Da diese Gruppe aus Erfahrung aber immer kleiner wird sehe ich den Intellectual Divide leider auch wie ein Damoklesschwert über dem Haupte unserer Gesellschaft. Aber die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt.

  • Kurt sagt:

    „The more one uses the iPad to consume news, the more one is likely to use other digital media for news.“ Digital Publishing Alliance/Reynolds Journalism Institute zur News-Nutzungseffekte von iPad-Heavy-Usern (www.rjionline.org)
    Ich denke nicht, dass allgemeine Nachrichten verschwinden werden, sie werden aber mehr zur ‚Wochenendlektüre‘ werden und eine Medienvielfalt wird dadurch stark vermindert. Schade…

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