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Säbelrasseln im Cyberspace

Von | 09.12.2010, 19:42 | Kein Kommentar

Die Netzwelt im Kriegsrausch: Zwischen Verschwörungstheorien und militärischer Rhetorik wird Julian Assange zum Anführer einer Internet-Rebellion verklärt. Der Kater ist vorprogrammiert.

Schlagzeile der Kronen Zeitung vom 9. Dezember 2010

Die Netzwelt ist im Kriegsrausch. In einem immer dichter werdenden Nebel aus Verschwörungstheorien und militärischer Rhetorik schreitet die Heroisierung von Julian Assange als Anführer einer Internet-Rebellion voran. Der Kater ist vorprogrammiert.

Mit einem gut trainierten Gespür für die Sprache der breiten Masse bringt es die heutige Schlagzeile der Kronen Zeitung auf den Punkt: „Internet-Krieg um WikiLeaks“. Nicht nur die Gegner, auch die Unterstützer der Whistleblower-Plattform haben sprachlich aufgerüstet, Wörter wie „Cyber-Krieg“ und „Info War“ dominieren die internationalen Schlagzeilen.

John Perry Barlow, der ehemalige Viehzüchter und Mitbegründer der Electronic Frontier Foundation, hat sich auf Twitter schon am 3. Dezember für eine eindeutige Sprache entschieden:

„The first serious infowar is now engaged. The field of battle is WikiLeaks. You are the troops.“

Die Mobilisierung hat damit eine neue Stufe erreicht. Marco Schreuder wies bereits gestern in seinem Blog darauf hin, dass sich zu den militaristischen Tönen oftmals auch Vorurteile, Sexismus und die Infragestellung der rechtsstaatlichen Demokratie gesellen. Die – bekanntlich leise – Stimme der Vernunft gebietet uns daher eine kurze Nachdenkpause. Was geht da vor?

Wenn aus Onlineaktivisten „Cyberkrieger“ werden

Die aktuellen Ereignisse lenken nicht nur von der Veröffentlichung der Cablegate-Dokumente und deren Inhalt ab. Das damit verbundene Kriegsgeheul verändert auch die öffentliche Wahrnehmung der laufenden Auseinandersetzung, in der aus Onlineaktivisten plötzlich „Cyberkrieger“ werden.

Es ist kein Zufall, wenn Sarah Palin auf ihrer Facebook-Seite eigenartige Vergleiche zwischen Julian Assange und den Führern der Taliban zieht. Diese Wahrnehmung kann früher oder später die Legitimation von Maßnahmen stützen, die zur Beschränkung digitaler Bürgerrechte führen. Unter derartigen Vorzeichen ist es nur mehr eine Frage der Zeit, bis der „Krieg gegen den Cyberterror“ (oder ein vergleichbares Sprachbild) auf die Agenda der internationalen Staatengemeinschaft rückt.

Derartige Versuche der Etikettierung sind nicht weiter verwunderlich. Seltsam ist hingegen, dass viele Unterstützer von WikiLeaks diese martialischen Sprachmuster unreflektiert übernehmen. Julian Assange und die Menschen hinter WikiLeaks müssen sich die Frage gefallen lassen, ob sie nicht einen Teil dazu beigetragen haben. Und sie werden rasch Strategien entwickeln müssen, um die kriegerischen Metaphern abzustreifen, wenn Sie nicht zu Opfern ihrer eigenen Rhetorik werden wollen.

Dieser Text ist auch in Stefan Bachleitners Blog politikon.at erschienen. Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors.

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