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Das Schutzschild

Von | 06.12.2010, 12:13 | Kein Kommentar

WikiLeaks nutzte etablierte Medien als redaktionelles und juristisches Schutzschild für die Cablegate-Veröffentlichungen. Für die Kontrolle staatlicher Gewalt(en) braucht es eben mehr als Informationen und die Technologie zu deren Verbreitung.


WikiLeaks nutzte etablierte Medien wie Guardian, Spiegel & Co. als redaktionelles und juristisches Schutzschild, um die Cablegate-Dokumente veröffentlichen zu können. Für die Kontrolle staatlicher Gewalt(en) braucht es eben mehr als Informationen und die Technologie zu deren Verbreitung.

In zahlreichen, sehr interessanten Beiträgen (z. B. von Sebastian Range oder Malte Daniljuk) wurde zuletzt kritisch hinterfragt, warum WikiLeaks sich etablierter Medien bedient hat, um die Cablegate-Dokumente zu veröffentlichen.

Es liegt auf der Hand, dass exklusive Medienkooperationen in einem gewissen Widerspruch zur Grundidee von WikiLeaks („Information wants to be free“) stehen. Michel Reimon vermutet in seinem Blog, dass hinter der stückweisen Veröffentlichung der Dokumente eine Strategie der Aufmerksamkeitssteuerung steckt.

In diesem Punkt kann ich ihm nur teilweise zustimmen. Natürlich folgt das Timing der Veröffentlichungen (absatz-)strategischen Überlegungen, doch WikiLeaks hat von dieser Taktik deutlich weniger Nutzen als die beteiligten Medien. Auf Exklusivität beruhende Medienkooperationen sind nämlich nur in wenigen Situationen die beste Strategie, um Ausmaß und Inhalt der Berichterstattung zu beeinflussen. (So ist durchaus auffällig, dass die mit Exklusivinformationen versorgten Medien WikiLeaks durchgängig als Speerspitze der Freiheit betrachten, während ihre leer ausgangenen Mitbewerber in WikiLeaks deutlich öfter eine Bedrohung der Demokratie erkennen wollen.)

Ich bin überzeugt davon, dass WikiLeaks angesichts des vorhandenen Datenmaterials keine Medienexklusivität gebraucht hätte, um für weltweite Aufmerksamkeit zu sorgen. Meines Erachtens steckt ein viel profaneres Problem hinter der Vorgangsweise von WikiLeaks: Personalmangel. Dafür gibt es eine Reihe von Anzeichen.

Der ehemalige Wikileaks-Sprecher Daniel Domscheit-Berg hat in einem Interview im September diesen Jahres kritisiert, dass WikiLeaks (vor allem nach der Veröffentlichung des „Collateral Murder“-Videos) „extrem schnell gewachsen“ sei, die Organisation – „Strukturen, Entscheidungswege, die Rollen und Verantwortlichkeiten“ – aber nicht an diese Entwicklung angepasst worden sei.

Die Diskrepanz zwischen der internationalen Bekanntheit und der organisatorischen Wirklichkeit von WikiLeaks muss in der Tat gigantisch sein. Laut Angaben von Julian Assange hatte WikiLeaks im Jänner diesen Jahres rund fünf Vollzeitbeschäftigte. Man muss kein Start-up aufgebaut haben, um sich vorstellen zu können, was passiert, wenn eine solche Struktur innerhalb weniger Monate doppelt so bekannt wie Wikipedia wird. Wachstum braucht Zeit und zu rasches Wachstum gehört zu den größten Gefahren jeder Organisation.

Unter diesen Rahmenbedingungen die rund 250.000 Cablegate-Dokumente in einer Form zu sichten, die redaktionellen und juristischen Mindeststandards gerecht wird, ist schlicht unmöglich. Darum brauchte WikiLeaks etablierte Medien als Kooperationspartner. Guardian, Spiegel & Co. sind – vereinfacht gesagt – das organisatorische und rechtliche Schutzschild von WikiLeaks. Ohne diese Medien wären die jüngsten Veröffentlichungen unmöglich gewesen.

Es ist zu früh, um abschätzen zu können, ob WikiLeaks sich damit selbst in Frage gestellt oder seine gesellschaftliche Bedeutung untermauert hat. Eines ist jedenfalls offensichtlich geworden: Für die Kontrolle staatlicher Gewalt(en) braucht es mehr als Informationen und die Technologie zu deren Verbreitung.

Dieser Text ist auch in Stefan Bachleitners Blog politikon.at erschienen. Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors.

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